Achtsamkeit

Ein Mönch begibt sich in den Wald, unter einen Baum oder an einen einsamen Platz. Er setzt sich mit gekreuzten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und erweckt die umfassende Achtsamkeit. Er atmet achtsam aus und ein.

Er erkennt, ob er lang oder kurz atmet.
Er übt sich darin, beim Einatmen und Ausatmen den ganzen Körper zu empfinden.
Er übt sich darin, beim Einatmen und Ausatmen die Aktivitäten des Körpers zu beruhigen.
Wie ein geschickter Turner weiß, ob er eine lange Drehung macht oder eine kurze, so weiß der Mönch, ob er lang oder kurz atmet.
So bleibt er beim Körper, indem er den Körper betrachtet, entweder von innen oder von außen oder beides.
Er sieht die Wahrheit vom Entstehen und Vergehen des Körpers. Seine Achtsamkeit ist soweit gegenwärtig, dass er weiß, ‚ein Körper ist da', und dass dies seiner Einsicht dient. So lebt er unabhängig und hängt an nichts in der Welt.

Mittlere Sammlung 10

Übertragen von Paul Köppler
(in: So meditiert Buddha)

Dies steht ziemlich am Anfang einer der wichtigsten Lehrreden des Buddha über die Entfaltung der Achtsamkeit für alle Gebiete des menschlichen Seins.
Jeder einzelne Satz birgt meiner Ansicht nach wichtige Aussagen, deren Verständnis für eine erfolgreiche Übung unerlässlich ist. Ich möchte hier nur auf zwei wesentliche Aspekte
hinweisen:
Im ersten Abschnitt steckt in der Anweisung, zu erkennen oder zu wissen, ob der Atem lang oder kurz ist, ein grundlegendes Prinzip. Der Atem wird nicht durch die Achtsamkeit gelenkt, verändert, beeinflusst, sondern es geht darum, den Atem so zu betrachten, wie er eben gerade erscheint, ob kurz oder lang, flach oder tief, ruhig oder unruhig. Es ist eine Haltung, die der üblichen Vorgehensweise, wenn man etwas übt, entgegengesetzt ist, nämlich, nicht etwas tun, etwas wollen, sondern nur betrachten, nichts tun, sein lassen, loslassen. Gerade dadurch öffnet sich der Raum, in dem das erreicht werden kann, was durch ‚Tun' nicht erreicht wird.
Der zweite Aspekt wird nach wie vor weitgehend übersehen und ist doch für die Übung von zentraler Bedeutung. Hier heißt es, dass man den Körper beziehungsweise den Atem von innen betrachten soll oder von außen oder beides. Damit kann wohl nicht gemeint sein, den eigenen Atem (innen) und den Atem anderer (außen) zu betrachten, wie manche ältere Kommentare angeben. Das schließt sich schon deshalb aus, weil nicht nur mit dem Körper, sondern mit allen anderen Gebieten wie Gefühlen, Gedanken, Geisteszuständen und Wahrheiten so geübt werden soll.
Ich bin der Ansicht, dass damit zwei grundsätzliche Arten der achtsamen Betrachtung gemeint sind. Von außen ist dabei jene Art, die meistens von Meditierenden geübt wird, wenn sie achtsam betrachten, nämlich ein Objekt gleichsam aus der Distanz sehen wie ein neutraler Beobachter, wie ein Zeuge. Von innen hingegen ist eine gänzlich andere Art der Achtsamkeit, nämlich, sich mit dem Objekt zu verbinden, gleichsam zu verschmelzen, eins zu werden.
Wer schließlich beides nach Belieben anwenden kann, wird erfahren, dass jeder Weg dahin führt, den jeweiligen Vorgang so zu erkennen, wie er ist, ohne dass hier ein tätiges oder
stabiles ‚Ich' zum Vorschein kommt. So führt diese zweifache Übung zum Erkennen des ‚Nicht-Selbst' und damit zu dem am Ende des Abschnittes angegebenen Ziel, nämlich unabhängig und frei zu sein und an nichts mehr zu hängen.

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