Achtsamkeit

Die Befreiung vom Leiden, von selbst geschaffenen Fesseln, ist ein kreativer Akt im höchsten Sinn. Handlungen schaffen Karma und karmische Verstrickungen gelten als Ursache des Leidens. Es ist deshalb ebenso sinnvoll wie heilsam, die Quelle der Kreativität ein wenig genauer zu untersuchen. Im Buddhismus unterscheiden wir eine relative von einer endgültigen Wahrheit.

 Um das Verhältnis beider Wahrheiten näher bestimmen zu können, erfolgt zunächst ein kleiner Umweg des Gedankens. Auch die mosaischen Religionen kennen zwei Wahrheiten. Sie unterscheiden zwischen der Welt und Gott. Gott gilt als Schöpfer, als Creator der Welt. Er ist von der Welt strikt getrennt. Alle kreative Macht wird auf die göttliche Person projiziert. Allerdings – so sagen die theistischen Traditionen – offenbart sich Gott in der Welt durch Propheten und heilige Bücher (Tora, Bibel, Koran). Menschen sind nicht ursprünglich kreativ; sie nehmen nur Anteil an Gottes Schöpfung. Das Geheimnis des kreativen Wunders, aus dem Nichts Phänomene hervorzubringen, wird nicht erklärt, sondern personalisiert und in Tempeln und Kirchen als jenseitige Macht verehrt.

 

Psychologie und Neurowissenschaften wollen die Kreativität auf die Erde zurückholen und versuchen, sie durch Prozesse im Gehirn zu erklären. Doch an zentralen Stellen ihrer Theorien scheitern sie am Begriff der Kreativität selbst. Zwei Beispiele: Der Begründer der modernen Kreativitätsforschung, Jay P. Guilford, gelangt nur zu dem, was man in der Logik eine Tautologie nennt: „Kreativität ist eine spezifische Eigenschaft von kreativen Personen." Und der Hirnforscher Gerhard Roth sagt tautologisch, die Kreativität des Gehirns bestehe darin, ‚über bereits bestehende Netzwerke neue zu kreieren'. Das ist keine Erklärung. Für dieses Scheitern gibt es einen tieferen Grund: Kreativität bezieht sich auf etwas, das neu und wertvoll ist. Man kann Neues aber nicht aus Bekanntem (zum Beispiel dem Gehirn) erklären. Kennt man die Ursachen des Neuen und kann es aus Altem logisch ableiten, so ist es gar nicht neu, sondern steckt bereits in den Ursachen. Das wirklich Neue ist immer unerklärbar. Insofern formulieren die theistischen Traditionen durchaus den tiefen Gedanken, dass das Auftreten von etwas Neuem ‚aus dem Nichts' ein Geheimnis umgibt, das sie ‚Gott' nennen.

 

Nun liefern auch die verschiedenen Schulen der buddhistischen Tradition keine logische Erklärung für kreative Phänomene. Kreativität gilt sogar als karmische Verstrickung. Im ursprünglichen Buddhismus sah man die Befreiung in einer Abkehr von der Welt, der Hauslosigkeit und Askese. Die vielen Regeln für Mönche und Nonnen sollen gerade die Kreativität im Handeln zügeln und beschränken. Das Nirvāna erscheint hier als ein später zu erreichendes Ziel, zu dem ein achtsames, streng geregeltes Leben führen soll: Das Absolute (Nirvāna) soll zeitlich dem Relativen (Samsāra) irgendwann nachfolgen. Samsāra hat keinen Anfang, aber ein Ende; Nirvāna hat einen Anfang, aber kein Ende. Diese Präsentation des Heilsziels im frühen Buddhismus bleibt nicht ohne innere Widersprüche. Wenn das Nirvāna im verblendeten Handeln gar nicht vorkommt, sondern erst nach dessen Ende erkennbar ist, dann bleibt das Ziel des spirituellen Wandels dunkel. Es ergibt sich daraus ein viel größeres Problem: Wenn einerseits, wie der Buddha sagt, Samsāra ohne Anfang ist und wir alle schon unendlich lange in Verblendung wiedergeboren werden, wenn andererseits aber doch in jeder Lebensspanne eine – wenn auch noch so geringe – Chance auf Befreiung besteht (vergleiche Udāna VIII, 6), dann müssten wir alle eigentlich längst befreit sein. Samsāra wäre leer. Warum? In unendlicher Zeit wird auch die geringste Chance zu einer Sicherheit. Wenn die Wahrscheinlichkeit, in einer Lebensspanne Befreiung zu erlangen, auch nur eins zu einer Million beträgt, so wird diese Wahrscheinlichkeit in einer Million Lebensspannen zur Gewissheit. Samsāra dauert aber schon länger – unendlich lange. Folglich müssten wir eigentlich alle befreite Buddhas sein.

Man kann die Entwicklung zum Mahāyāna, besonders die Lehre von der Buddha-Natur, als eine Lösung dieser Schwierigkeit betrachten. Diese Lehre besagt, dass jedes Lebewesen bereits über eine Buddha-Natur verfügt, also das Nirvāna in sich trägt, es aber aus Verblendung nicht erkennt. Das Absolute ist präsent, doch halten uns Sorgen und Kümmernisse davon ab, es zu verwirklichen: „Im verwirrten Geist wird die Buddha-Natur (Dharma­dhātu) nicht gesehen" (Nāgārjuna).

Ludwig van Beethoven Achtsamekit

 

Die Buddha-Natur ist keine Substanz, kein Weltgeist und keine Weltseele (Ātman). Sie ist auch leer an jeder Identität und Individualität. Diese Leerheit ist leer an allem, was wir sinnlich wahrnehmen, denken oder fühlen. Darum ist sie so schwer zu erkennen. Aber die Leerheit ist nicht nichts. Sie ist durchaus sehr lebendig. Viele buddhistische Schriften bezeichnen die Leerheit als ‚universelle Kreativität'. Der Titel des fundamentalen Dzogchen-Tantras wird mit ‚The All-Creating Mind' wiedergegeben und der aktive Aspekt der Leerheit heißt im Tibetischen ‚rtsal', was gleichfalls mit Kreativität übersetzt wird. Diese Lehre von der Buddha-Natur ist nun aber kein Glaubenssystem, keine bloße Beschreibung eines später einmal zu erreichenden Zustands. Sie lässt sich unmittelbar auch im Leben von verblendeten Menschen erkennen. Dogen Zenji sagte einmal: „Nicht nur erleuchtete Menschen, auch verblendete Menschen vertiefen jeden Tag ihre Erleuchtung." Wir müssen nur verstehen, worauf hierbei zu achten ist. Das Nirvāna ist als Buddha-Natur kein Jenseits, sondern es reicht alltäglich in die verblendete, relative Welt hinein. Es ist erfahrbar in der Achtsamkeit. Die Achtsamkeit ist die lebendige Anwesenheit der Buddha-Natur mitten in Samsāra. Die Achtsamkeit wird zwischenzeitlich auch von Neurowissenschaftlern vermehrt untersucht. Denn hier zeigen sich seltsame Eigenschaften, die so gar nicht zu dem Bild passen wollen, dass alle Denkprozesse ursächlich durch ein genetisch determiniertes Gehirn bestimmt seien. Die Übung der Achtsamkeit verändert das Gehirn, macht es plastisch.

 

Doch auch ohne Übung der Achtsamkeit reicht die Buddha-Natur als ‚universelle Kreativität' täglich in die Lebenswelt. Jeder Mensch ist in seinem Wesen kreativ, wie klein und unscheinbar diese kreativen Akte auch sein mögen. Die Kreativitätsforscher blicken oft nur auf die großen Genies: Künstler, Wissenschaftler und ähnliche außergewöhnliche Menschen. Doch jeder ist alltäglich vor tausend kleine Veränderungen gestellt, auf die man kreativ reagieren muss, will man weiterleben. Schon die gesprochene Sprache produziert unaufhörlich neue Sätze. Jeder kann das, bemerkt es aber gar nicht – man achtet nicht darauf. Hier zeigt sich die tiefe innere Beziehung zwischen Achtsamkeit und Kreativität. Wer etwas Neues denkt, der- oder diejenige ist in diesem Moment in hohem Maße wach und achtsam. Wir machen das Neue nicht, wir räumen ihm aber einen Ort ein: „Mir kommt eine Idee." – Nicht: „Ich mache eine Idee." Achtsamkeit ist der Raum, der das Neue zulässt, sich öffnet, ihm einen Spiel-Raum gibt. Und dieser Raum muss leer sein, sonst findet das Neue keinen Platz. Es ist aber kein toter Raum, sondern eine höchst bewusste Offenheit. Im Alltag sind kreative Momente meist nur kurze Blitzlichter. Besonders kreative Menschen können ihre Achtsamkeit dagegen lange offenhalten. Sie verwerfen neue Ideen auch wieder, wenn sie nicht geeignet erscheinen. Kreativität braucht nicht nur einen achtsamen und leeren Raum, sie muss auch loslassen können. Wer einen Gedanken, eine Wahrnehmung festhält, der verschließt sich und wird unkreativ. Das Loslassen ist eine wesentliche Eigenschaft im kreativen Prozess. Albert Einstein hat bei der Ausarbeitung der speziellen Relativitätstheorie vor 1905 immer wieder neue mathematische Modelle entwickelt und in den Papierkorb geworfen – bis er nach vielen Versuchen die richtige Lösung fand. Beethoven ging nicht in den Wald und kehrte mit einer Sinfonie im Kopf zurück; er probierte viele Variationen und Durchführungen, ehe er eine fertige Gestalt gefunden hat. Es gibt zahlreiche ähnliche Berichte von Kreativen. Sie vereinigen zwei Fähigkeiten: Kreative sind im höchsten Maße achtsam auf das, was an Ideen auftaucht; sie öffnen sich dafür und lassen sich nicht von alten Ideen behindern. Sie ergreifen neue Gedanken, prüfen sie, können sie dann aber auch leicht wieder loslassen.

 

Diese kreativen Momente – hohe Achtsamkeit, Offenheit, Raum für Neues, Nicht-Ergreifen und Loslassenkönnen – sind die dynamischen Eigenschaften der Buddha-Natur, wie sie alltäglich im Leben aller Menschen immer wieder aufblitzt. Zu unserem – ganz wörtlich verstandenen – Leid-Wesen werden wir uns dieser Natur aber nicht in der ihr eigenen Form bewusst. Wir machen das Gegenteil, sind unachtsam, verschließen uns in Gedanken und starren Körpermustern, klammern uns an Gewohnheiten und können trotz ihrer offensichtlichen Vergänglichkeit Menschen und Dinge nicht loslassen. Es ist wichtig, zwischen Achtsamkeit und Aufmerksamkeit zu unterscheiden. Wer auf etwas aufmerksam ist, der lässt sich von einem Objekt lenken: etwa einem Geräusch, einem Gedanken, einem anderen Menschen. In der Bewegung der Aufmerksamkeit wird die Achtsamkeit gefesselt durch ein Ding oder eine Erscheinung. Und mit der raschen Veränderung der Sinneseindrücke flackert auch die Aufmerksamkeit, ‚wie ein Affe von Ast zu Ast hastet' (SN II, 96). Die Aufmerksamkeit ist zwar eine Form der Achtsamkeit, aber im verblendeten Modus, in kontaminierter Form. In der Aufmerksamkeit ist der innere Buddha bei jedem Menschen nur auf eine verborgene, unerkannte Weise präsent. Gleichwohl reicht auch in der Aufmerksamkeit das Absolute in jedem Augenblick in unsere relative Welt hinein. Gerade darin liegt die Chance zur Befreiung: Die flackernde Aufmerksamkeit kann sich zur reinen Achtsamkeit wandeln. Durch Übung der Achtsamkeit lassen sich Gewohnheiten (Karma) kreativ aufheben.

Albert Einstein Achtsamkeit

Das ist möglich, weil die Achtsamkeit durchaus wunderbare Eigenschaften besitzt. Wenn man sie festhalten will, dann entgleitet sie. Man kann auch nicht genau definieren, was Achtsamkeit ist. Darin gleicht sie ihrer Schwester, der Kreativität. Auch die Kreativität kann nicht begrifflich eingegrenzt werden. Kreativität übersteigt alle Grenzen, ändert Gewohnheiten und Routinen und ist insofern nur ein anderer Name für die lebendige Achtsamkeit. Auch wenn die Achtsamkeit vielfach verschüttet ist durch eine gefesselte Aufmerksamkeit, so kann sie doch erkannt und damit geübt werden. Die Achtsamkeit besitzt die merkwürdige Eigenschaft, dass sie sich selber aufwecken und stärken kann. Sie ist ihre eigene Quelle, erkennt und erschafft sich selber. Und sie ist auch das leere Zentrum dessen, was wir irrtümlich im Ich an Summe von ergriffenen Gedanken, Gefühlen und Ähnlichem festhalten.

 

Es ist in den buddhistischen Schulen eine heftige Diskussion darüber entbrannt, ob uns im Kern unserer kreativen Achtsamkeit so etwas wie ein Selbstgewahren zukommt oder nicht. Die Lösung ist einfach: Die Achtsamkeit weiß von sich selbst; aber sie weiß es auf die Weise der Achtsamkeit, nicht auf die Weise der Gedanken und des Egos. Wenn wir auf die eigene Achtsamkeit achten, dann erwacht sie immer mehr. Sie enthält zugleich auch das Achtnehmen im Sinn von Behüten: jemanden oder etwas achten. Insofern ist die Achtsamkeit nicht ichbezogen, sondern vielmehr reines Mitgefühl und reine Mitfreude. Ganz in sich eingekehrt, ist die Achtsamkeit frei von allen Objekten, ist still und darin ebenso tiefe Gelassenheit wie Glück. Bei kreativen Prozessen blitzt dieses Glück des Lassens als ‚Flow' auf. Wenn sich unsere Achtsamkeit vorübergehend öffnet und einem neuen Gedanken Raum gibt, folgt einem tiefen Atemzug auch ein Moment des Glücks. Das Nirvāna ist keine ferne Zukunft, sondern unser innerstes, kreatives Wesen. In der Achtsamkeit öffnet die Buddha-Natur unaufhörlich eine alltägliche Pforte – in eine lebendige, kreative Offenheit.

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