Achtsamkeit

Am 11. Oktober 2016 wurde Thich Nhat Hanh 90 Jahre alt geworden. Eine Hommage an ein außergewöhnliches Leben.

Thich Nhat Hanh ist einer der wichtigsten buddhistischen Lehrer unserer Zeit. Sein Anliegen war es immer, den Buddhismus zu erneuern und seine Relevanz für die persönlichen und globalen Probleme unserer Zeit deutlich zu machen. Mit seinen Vorträgen und Büchern brachte er den Dharma zu Millionen von Menschen.
„Frieden in mir, Frieden in der Welt“ lautet eine der zentralen Botschaften Thich Nhat Hanhs. Fragt man seine Schülerinnen und Schüler nach seiner Bedeutung, so wird sicherlich ein jeder eine Geschichte von Heilung und Befreiung erzählen können, das Erleben von innerem Frieden, der bis in die Familien und das soziale Umfeld hineinreicht. Gleichzeitig zeigt sich jedoch auch eine gesellschaftliche und politische Relevanz: „Ich glaube nicht, dass ich das starke Durchhaltevermögen, den tiefen Optimismus, die innere Überzeugung und dieselbe Inspiration gehabt hätte, wenn ich mich nicht von Thich Nhat Hanhs Lehre begleitet gefühlt hätte“, sagte beispielsweise Christiana Figueres, die Leiterin der Weltklimakonferenz in Paris in einem Interview mit der Huffington Post im Januar 2016.
Bei seinem Besuch in Vietnam im Mai 2016 zitierte Barack Obama in seiner Rede in Hanoi den großen Friedensaktivisten: „Von Thich Nhat Hanh haben wir gelernt: ‚In einem wahren Dialog sind beide Seiten bereit, sich zu verändern.‘ So wurde der Krieg, der uns getrennt hat, zu einer Quelle der Heilung.“
Thich Nhat Hanhs Engagement findet sich in den verschiedensten Bereichen. Er leitete einen Achtsamkeits-Workshop mit 700 Mitarbeitern von Google, um Achtsamkeit vor allem zu jungen Menschen zu bringen. Im September 2008 gründete er in der Nähe von Köln das Europäische Institut für Angewandten Buddhismus (EIAB) in einem Gebäude, aus dem in der NS-Zeit 700 geistig kranke Kinder deportiert wurden. Er sieht dies auch als einen Beitrag, die europäische und vor allem die deutsche Vergangenheit zu heilen.
Wer ist dieser außergewöhnliche Mensch, der mit seiner ganz einfachen, klaren und doch so tiefgründigen Lehre nie aufgehört hat, sich zu engagieren, um diese Welt zu einer besseren Welt zu machen?

„Der Mensch ist nicht unser Feind“
Am 11. Oktober 1926 wurde Thich Nhat Hanh als Nguyen Xuan Bao in der alten vietnamesischen Kaiserstadt Hué geboren. Er erwähnte immer wieder, wie früh sein Wunsch entstand, Mönch zu werden: „Als kleiner Junge sah ich die Zeichnung eines Buddha auf der Titelseite einer Zeitschrift. Die Figur strahlte Frieden, Freude und Gleichmut aus und ich habe mich gefragt: Wie kann ich auch so werden?“ Auf einem Schulausflug zu einem buddhistischen Eremiten, der hoch oben auf einem Berg lebte, war er mehr als enttäuscht, als er dessen Hütte leer vorfand. Um sich zu erholen, ging er in ein nahe gelegenes Wäldchen und trank etwas Wasser an einer Quelle. „Noch nie hatte ich ein so wohlschmeckendes Wasser gekostet. Danach war ich vollkommen zufrieden und hatte überhaupt keinen Wunsch mehr. Keinen Wunsch zu haben ist etwas Wundervolles. Das war mein erstes spirituelles Erlebnis. Mir war es damals vergönnt, den Eremiten in Form einer Quelle zu treffen.“
Mit dieser frühen klaren Ausrichtung und gegen den Wunsch seiner Eltern, die das Leben eines Mönchs als zu schwierig erachteten, trat er als Sechzehnjähriger in ein buddhistisches Kloster ein und wurde mit 23 Jahren zum Mönch ordiniert.

Praxis ist nicht ein Rückzug aus der Welt, sondern ein Hineingehen in die Welt.

Es war die Zeit des acht Jahre dauernden Krieges zwischen Frankreich und der nationalistischen Viet Minh. In seinem letzten Buch ‚Das Wunder im Jetzt‘ erinnert sich Thich Nhat Hanh: „Die Wände unseres Tempels waren durchsiebt von Geschossen. Französische Soldaten durchsuchten unsere Gebäude nach Widerstandskämpfern und verlangten, dass wir ihnen unseren letzten Reis überließen. Auch Mönche wurden getötet, obwohl sie nicht bewaffnet waren.“
In dieser schwierigen Situation gründete Thich Nhat Hanh die Bewegung des Engagierten Buddhismus. Sein Ziel war es, das gegenwärtige Leiden der Menschen durch die buddhistische Lehre und Praxis zu lindern. Er betonte immer wieder, dass Praxis nicht ein Rückzug aus der Welt, sondern ein Hineingehen in die Welt bedeutet. Der Dharma und die Lebenswirklichkeit der Menschen sind nicht getrennt. Deshalb ist es wichtig, die Art, wie die Lehre vermittelt wird, zu erneuern und den Menschen zu zeigen, was buddhistische Praxis für ihr eigenes Leben und die Gesellschaft bedeutet.
Diese engagierte Sichtweise brachte ihn immer wieder auch in Konflikt mit den mächtigen konservativen Kräften. Deshalb gründete Thich Nhat Hanh 1957 sein erstes eigenes Kloster, Phuong Boi. „Dies war ein Ort, um unsere Wunden zu heilen und tief in uns selbst zu schauen.“ In ‚Das Wunder im Jetzt‘ schreibt er, dass Plum Village, sein späteres Kloster in Südfrankreich, eine Fortführung Phuong Bois sei und sein damaliges Handeln den Grundstein dafür gelegt habe. „Wer tief in die Gegenwart schaut, wird darin die Zukunft entdecken.“ 1960 wurde Phuong Boi im Auftrag der südvietnamesischen Regierung zerstört und Thich Nhat Hanh floh nach Saigon.

Aktiv für den Frieden
Mit einem Forschungsstipendium verbrachte er drei Jahre in den USA, an der Princeton University, um vergleichende Religionswissenschaften zu studieren, und wurde schon sehr früh zu einer der ersten Stimmen in der Antikriegsbewegung. In Vietnam eskalierte die Lage. 1963 verbrannte sich der Mönch Thich Quang Duc, um gegen die Unterdrückung der Buddhisten durch den römisch-katholischen Präsidenten zu demonstrieren, was weltweit Aufsehen erregte und Thich Nhat Hanh tief prägte. Er kehrte nach Vietnam zurück. Die ‚Unified Buddhist Church‘ wurde gegründet, um alle Feindseligkeiten innerhalb der verschiedenen buddhistischen Richtungen zu beenden und eine gewaltfreie soziale Veränderung zu bewirken. Mit den engagierten Aktivisten der von ihm gegründeten Schule für sozialen Service versuchte er vor allem, das Elend der Menschen in armen Regionen zu lindern. Es ging nicht darum, Partei zu ergreifen, allen wurde geholfen, ganz egal, auf welcher Seite sie kämpften.
In diese Zeit fällt 1966 auch die Gründung des Ordens Intersein/Tiêp Hiên, in dem sich heute weltweit über tausend Menschen engagieren, um jede Form von Hass und Diskriminierung in sich und in der Welt zu beenden, das Leben zu schützen und die Praxis der Achtsamkeit für viele zugänglich zu machen.
Thich Nhat Hanh kam zu der Überzeugung, dass er alle Feindseligkeiten am besten dadurch beenden könne, wenn er direkt zu den Amerikanern sprechen würde. Deshalb akzeptierte er die Einladung zu einer Vortragsreise in die USA – nicht wissend, dass er seine Heimat erst im Jahr 2005 wiedersehen würde.
Durch sein engagiertes Eintreten für den Frieden lernte er viele einflussreiche Persönlichkeiten kennen, etwa Thomas Merton und Martin Luther King jr., der ihn 1967 für den Friedensnobelpreis vorschlug. Thich Nhat Hanh schrieb an Martin Luther King jr.: „Ich glaube mit all meinem Sein, dass Ihr Kampf für Gleichheit und Freiheit … sich nicht gegen die Weißen richtet, sondern gegen Intoleranz, Hass und Diskriminierung. Das sind die wahren Feinde des Menschen – nicht der Mensch selbst.“UW97 Jaenicek1 atme und laechle kalligrafie

Da er sich weder auf die Seite der Amerikaner noch auf die der Vietnamesen ziehen ließ, wollten beide ihn nicht in ihrem Land haben und Frankreich wurde zur Exilheimat. Thich Nhat Hanh setze sich von dort weiter für den Frieden ein. Mit dem Ende des Vietnamkrieges 1975 begann jedoch eine neue humanitäre Katastrophe: Über zwei Millionen Vietnamesen flohen vor der kommunistischen Regierung, Hunderttausende in heillos überfüllten Booten. Viele dieser ‚Boat people‘ ertranken im stürmischen Meer. Thich Nhat Hanh sammelte Geld, mietete zwei große Schiffe in Thailand und rettete in ein paar Wochen auf See über achthundert Menschen das Leben. Sehr eindrücklich erzählte er: „Einmal sah ich keinen Ausweg. Niemand wollte die Menschen aufnehmen, und wir hatten kein Geld mehr. Die Menschen würden auf dem Boot verhungern. Also setzte ich mich auf mein Meditationskissen und blieb so lange sitzen, bis ich die Lösung wusste.“ Sein Weg führte ihn zum französischen Botschafter.
1982 gründete Thich Nhat Hanh Plum Village, eine buddhistische Gemeinschaft im Südwesten Frankreichs, wo er seitdem lebt. Von dort engagierte er sich weiterhin für vietnamesische Flüchtlinge, politische Gefangene und hungernde Kinder in Vietnam. Inzwischen ist Plum Village ein internationales Retreat-Zentrum geworden – mit annähernd 200 Mönchen und Nonnen. Es gibt außerdem drei Klöster in den USA, eines in Thailand, das Europäische Institut für Angewandten Buddhismus in der Nähe von Köln, das Asiatische AIAB in Hong Kong und weltweit über tausend Praxiszentren und praktizierende aktive Gemeinschaften. Auf die Frage, wen er als seinen Nachfolger sehe, sagte er immer: „Die Sangha ist mein Nachfolger.“ (Sangha bedeutet Gemeinschaft.)
Nach 39 Jahren Exil wurde es Thich Nhat Hanh nach langen Verhandlungen 2005, 2007 und 2008 erlaubt, nach Vietnam zurückzukehren. Vier seiner über siebzig Bücher wurden auf Vietnamesisch veröffentlicht. Er traf nicht nur den vietnamesischen Präsidenten, dem er konkrete Vorschläge für mehr religiöse Freiheit übergab, sondern sprach sich für die Gleichheit der Geschlechter im vietnamesischen Buddhismus aus, er hielt Vorträge vor Zehntausenden Interessierten, gab Retreats, um die Wunden des Krieges in den Menschen heilen zu helfen, und gründete das Prajna-Kloster. Vier Jahre nach seinem ersten Besuch gab es dort bereits über 500 Mönche und Nonnen. Diese große Beliebtheit vor allem bei jungen Menschen war den etablierten Mächten suspekt, im Dezember 2009 wurde das Kloster zerstört.

Das Wunder der Achtsamkeit
Thich Nhat Hanh hörte nie auf, sich dafür einzusetzen, dass Menschen endlich wieder lernen innezuhalten, mit Achtsamkeit ihren Alltag zu leben und glücklich im gegenwärtigen Augenblick zu sein, indem sie sich auch daran erinnern, dass sie bereits mehr als genug Bedingungen haben, um glücklich zu sein. Er gab Retreats für Israelis und Palästinenser, für Kongressabgeordnete in Washington und engagierte sich zunehmend für den Erhalt unseres Planeten Erde. Er betonte immer wieder: „Die Zukunft der Erde und die unserer Kinder hängt davon ab, wie wir heute leben.“ In den Klöstern wurde als Konsequenz auf vegane Ernährung umgestellt und ein sehr bewusster Umgang mit allen Ressourcen gezeigt.
Doch auch in der Erneuerung des Dharma setzte er noch einen Meilenstein: Im August 2014 übersetzte er das Herzsutra, eine der wichtigsten Lehrreden des Mahajana-Buddhismus, neu. Als er damit fertig war, ‚um drei Uhr nachts fiel ein Mondstrahl in das Zimmer‘. Es war ihm wichtig, die oft falsch verstandene Formel ‚Form ist Leerheit, Leerheit ist Form‘ verständlicher zu machen: „Die Leerheit des Selbst bedeutet nur die Leerheit von Selbst, nicht das Nicht-Sein von Selbst. Genauso ist es bei einem Ballon, der innen leer ist, nicht so, dass er deswegen nicht existieren würde. Dasselbe gilt für die Leerheit der Dharmas: Leerheit bezieht sich nur auf die Leerheit aller Phänomene und nicht auf die Nicht-Existenz aller Phänomene.“
Manchmal wurde Thich Nhat Hanh vorgeworfen, dass er den Dharma zu sehr vereinfache. „Wer bewusst ein- und ausatmet, ist im Hier und Jetzt. Man muss nicht tagelang auf seinem Meditationskissen sitzen und sich anstrengen, um das zu erfahren. Das ist mit jedem Atemzug möglich.“ Wenn Thich Nhat Hanh ging, dann ging er. Da war Gehen, niemand, der geht, jeder Schritt ein Schritt im Nirvana. Wenn er aß, dann aß er. Achtsamkeit in jedem Augenblick. „The Practice is simple but not easy“, war einer seiner beliebtesten Sätze. Dazu lachte er verschmitzt und alle Anwesenden fragten sich: „Ja, wieso mache ich es nicht einfach?“

Thich Nhat Hanh hörte nie auf, sich dafür einzusetzen, dass Menschen endlich wieder lernen innezuhalten.

Im November 2014 erlitt Thich Nhat Hanh einen schweren Schlaganfall. Seitdem sitzt er im Rollstuhl und wird keine gesprochenen Dharma-Vorträge mehr geben können. Doch seine Präsenz und sein großes Mitgefühl sind weiterhin spürbar. Wie ein liebevoller Vater scheint er nun darüber zu wachen, dass der Dharma weiterlebt und seine Schülerinnen und Schüler das verwirklichen, was er gelehrt hat: Glücklich im gegenwärtigen Augenblick zu leben.

 

Sabine Jaenicke ist Mitglied des Intersein Ordens von Thich Nhat Hanh. Sie arbeitet als Lektorin im Bereich ‚BEWUSST LEBEN‘ beim Droemer Knaur Verlag. Bei ihren Meditationsabenden und Tagen der Stille gibt sie anderen den Raum, die Wahrheit in sich selbst zu entdecken.

 

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Fotos & Kalligraphie © Buddhist Unified Church

Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2016-10-12 22:38
Liebe Sabine,

Thich Nhat Hanh hat als Vorbild positive Auswirkungen auf die
Selbstwirksamkeitsüberzeugungen der Menschen.
Von solchen Vorbildern hätten wir gern noch mehr.
Es können auch Politiker dabei sein, die eine Politik mehr nach Ethik, Moral und Gemeinwohl praktizieren.
Buddhas Pfad der Weisheit „mache das Heilsame, lasse das Un
heilsame und entwickle deinen Geist“, ist eine gut praktizierende
Anleitung.
Die herrschenden Finanz-, Wirtschaft-,und Politik-Eliten, verhindern eine soziale und umweltverträgliche Ökonomie:
Durch ihre maßlose Gier nach Profitmaximierung ist ihnen
Ethik und Moral scheißegal. Sie machen Reiche reicher und
Arme ärmer und zerstören die für uns lebensnotwendige
natürliche Umwelt.
So kann und darf es nicht weiter gehen, wir Menschen müssen
mehr Empathie entwickeln, um solche fiesen, ungerechten,
menschenverachtenen, selbstzerstörenden Verhaltensweisen
zu verändern.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, buddhistischen Grüßen

Uwe Meisenbacher
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# Isolde Sb 2016-10-27 11:54
Gassho _/\ _
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# LoeGabi Mtothex 2016-10-27 11:55
Ein ganz großer Meister....
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