Achtsamkeit

Meditation und Bewegung – kann das zusammengehen? Ja, durchaus. Ein Artikel von Dr. Fleur Sakura Wöss, der Leiterin des Zen-Zentrums Mishoan in Wien.

Zen-Insider fragen einander oft: „Gehst du jetzt sitzen?“ Das bedeutet: „Gehst du zum Meditieren?“ Häufig sagen sie aber auch: „Jetzt sitze ich den ganzen Tag im Büro herum, ich kann jetzt nicht noch zwei Stunden bei der Meditation sitzen.“

Sie haben recht. Uns allen fehlt die Bewegung. Deshalb ist die Frage berechtigt: Ist Zen NUR Zazen, die Meditation im Sitzen? Können wir – rein körperlich – den ganzen Tag sitzen und dann im ‚Sitzen‘ zur Ruhe kommen? Am Computer und am Schreibtisch sitzen wir körperlich fest und es passieren oft Dinge, die uns in Stress versetzen. Bei Stress schüttet der Körper Cortisol und Adrenalin aus, daraufhin pumpt das Herz schneller und mit mehr Druck. Der Körper ist auf Aktion eingestellt und will fliehen oder kämpfen. Trotzdem müssen wir sitzen bleiben. Kein Wunder, wenn es uns nach einem stressigen Tag schwerfällt, in der Meditation ruhig zu werden und in die Stille zu kommen.

In der ältesten Zen-Schrift aus dem 5. Jahrhundert, dem Shinjinmei, heißt es: „Hältst du die Bewegung an, um zur Ruhe zu kommen, ist dies doch nur wieder Bewegung.“ Das bedeutet: Zwingen wir uns, uns nicht zu bewegen, also uns hinzusetzen, obwohl wir den ganzen Tag gesessen sind, dann bleibt unser Geist in Bewegung und kann schwer zur Ruhe kommen.

Bewegen vor der Meditation
Die meisten Menschen stellen sich vor, dass die Mönche in den japanischen Zen-Klöstern die ganze Zeit nur ‚sitzen‘, so wie wir, wenn wir uns für eine intensive Woche der Meditation widmen. Weit gefehlt! Gewöhnlich meditieren sie lediglich drei Stunden täglich im Sitzen, alles andere passiert in der Bewegung. Da wird gekocht, Holz gehackt, Böden geschrubbt, Unkraut gejätet, das Dach ausgebessert und vieles mehr. Alle Bewegung, alle Aktivität nimmt in der Sitzmeditation ihren Ausgang und wird so Meditation in Bewegung.

Wir leben nicht in einem Zen-Kloster und die Voraussetzungen für unsere Zen-Meditation sind im Informationszeitalter anders. Wir haben das Holzhacken, Bodenschrubben und Dachausbessern an Spezialisten delegiert und sitzen ... sitzen ... sitzen ... im Büro.

Ideal ist es daher, nach einem stressigen Arbeitstag am Schreibtisch zur Meditation mit dem Rad zu fahren oder noch schnell joggen zu gehen, sodass auch die körperlichen Voraussetzungen für die Meditation stimmen.

Bewegung während der Meditation
Manche Zen-Meister wie Sasaki Genso Roshi machen vor der Sitzmeditation ausführliche Dehnungs- und Aktivierungsübungen und nutzen jede Pause, um den Körper in Schwung zu bringen. Andere Zen-Lehrer bauen Qi Gong oder Yoga in den Meditationsplan ein. Wieder andere bestehen darauf, dass die Pausen ruhig verbracht werden, wie es traditionell vorgesehen ist. Als Ausgleich werden die Gehmeditationen zwischen den Sitzeinheiten besonders lang ausgedehnt.

„Uns allen fehlt die Bewegung.“

Die Gehmeditation (Kinhin) ist somit die einzige Bewegungsform während der Sitzmeditation, die traditionell vorgesehen ist. Sie hat verschiedene Aspekte und Aufgaben und variiert je nach Zen-Richtung und Zen-Gruppe.

Im eigenen Rhythmus gehen
Nachdem man 50 Minuten gesessen ist, braucht der Körper Bewegung. Ertönt die Glocke, entflechtet man langsam seine Füße und steht auf. Nun geht jeder in seinem Tempo dem Leiter nach. Einige entfernen sich, um ein Glas Wasser zu trinken, andere bereiten die Halle für einen Vortrag vor. Verschiedene Menschen haben verschiedene Aufgaben, die sie in der Pause erledigen müssen. Idealerweise bleibt man beim Gehen in der eigenen Übung, sei es ein Koan oder eine andere Aufgabe, die der Meister einem gestellt hat.

„Die Gehmeditation (Kinhin) ist somit die einzige Bewegungsform während der Sitzmeditation, die traditionell vorgesehen ist."

Gewöhnlich gehen wir in einem bestimmten Tempo. Die einen fühlen sich in einem langsamen Tempo wohl, die anderen sind seit Kindheit gewohnt, schnell durch die Welt zu gehen. Durch die Gehmeditation werden wir aus unserem Wohlfühltempo, in dem die Gedanken spazieren gehen, herausgerissen und erfahren das Gehen in einer neuen Weise. Das ist in den beiden nächsten Formen der Fall.

Extrem langsame Gehmeditation
Die sehr langsame Gehmeditation dient dazu, vollkommen auf den Schritt und den Atem zu achten. Man geht pro Atemzug einen Schritt. Beim Einatmen schreitet man nach vorne. Ein Schritt ist nur etwa einen halben Fuß breit. Beim Ausatmen verlagert man das gesamte Gewicht auf den vorderen Fuß und rollt von der Außenkante nach innen ab. Im Mittelpunkt steht das Ausatmen, man atmet ruhig und langsam aus. Das Einatmen erfolgt dann automatisch, begleitet vom nächsten Schritt.

Gleichschritt-Gehmeditation
In manchen Gruppen gibt der Leiter mit zwei Holzklötzen den Rhythmus an und alle machen die Schritte gleichzeitig. Das kann langsam sein, aber auch schnell. Schnell etwa am Morgen, wenn der Körper in Schwung kommen soll, langsam, wenn die innere Stille erhalten bleiben soll. Die Konzentration bleibt bei der eigenen Übung. Für Anfänger ist es leichter, bei jedem Schritt den Kontakt zum Boden zu spüren. Hilfreich ist es, sich vorzustellen, dass der Fuß in den Boden einsinkt, so wie auf einem moosigen Waldboden.

„Nachdem man 50 Minuten gesessen ist, braucht der Körper Bewegung.“

Gehen als Meditation im Alltag
Kontemplatives Gehen – nicht Zen und trotzdem gut
Vor einigen Jahren fand eine Ausbildungseinheit für Leiter lokaler Zen-Zentren in der Nähe der Ostsee statt. Es war ein linder Tag und wir besprachen die frühesten Zen-Schriften. Da hatte ich die Idee, im Sinne der Peripatetiker im frühen Griechenland einen der Texte herzunehmen und während eines Spaziergangs zu besprechen. Wir wählten das Shinjinmei aus dem 5. Jahrhundert, das in Verse gefasst ist. Wir gingen langsam die Dünen entlang, die Meeresluft wehte frisch durch unser Haar, das Dünengras bewegte sich sanft.

„Es ist nicht schwer, den Weg zu durchdringen, wenn du nur frei bist von Neigung und Abneigung“, las jemand vor. Was heißt dies für unser Leben? Was kommt dir dazu in den Sinn? Wir gingen schweigend weiter. Eine Teilnehmerin begann zögernd eine Episode aus ihrem Leben zu erzählen. Ihr Fazit war: Es wäre besser gewesen, nicht zu urteilen. Andere stimmten ihr zu. Das Gehen setzt Gedanken in Gang, schwingend zwischen den Menschen hin und her – inspirierend, ohne Druck, natürlich sich entwickelnd. Die Worte sinken tiefer, verbinden sich mit der Erfahrung, Einsicht entwickelt sich.

Gelassenheit durch Gehen
Gerade beim Gehen lassen wir gerne die Gedanken schweifen. Die Gedanken springen mal vom heutigen Theatertermin zum Menü der gestrigen Mittagspause und weiter zum morgigen Mitarbeitergespräch. Das ist zerstreutes ‚Gehenlassen‘, während der Körper etwas völlig anderes tut.

„Gerade beim Gehen lassen wir gerne die Gedanken schweifen.“

Gehen können wir jedoch auch für eine Konzentrationsübung verwenden. Die erste Phase: Wir gehen und achten darauf, wie viele Schritte wir mit einem Atemzug machen. Zum Beispiel: ausatmen drei und einatmen vier Schritte. In diesem Rhythmus werden wir möglicherweise feststellen, dass wir zu viel Sauerstoff in die Lungen bekommen. Also passen wir in Phase zwei unseren Atem an die Geschwindigkeit an, etwa drei Schritte für ein Einatmen und drei Schritte für ein Ausatmen. In Phase drei fügen wir noch einen Schritt zum Ausatmen hinzu, also drei Schritte einatmen, vier Schritte ausatmen. So werden wir bei voller Konzentration ruhiger. Es ist der Weg zum gelassenen Gehen.

Variante: Innerlich rezitieren
Viele Kulturen haben Marsch- und Wanderlieder. Hier passt sich die Motorik des Gehens an den Text des Liedes an. Meine Versuche, buddhistische Rezitationstexte laut mit dem Gehen zu kombinieren, glückten nicht. Also versuchte ich, den Text innerlich zu rezitieren, was recht gut gelang. Kurze Texte, die man leicht memorieren kann, sind besonders geeignet. Im Zen gibt es einen Text, der beginnt mit „Kanzeon namu butsu yo...“ – dieser eignet sich gut für die innere Rezitation beim Gehen. Durch die sanfte Ausatmung wird unser Geist ruhiger und gelassener.

Konzentration auf die Schritte und das Gleichgewicht
Der Zen-Meister Taisen Deshimaru Roshi erzählt, wie ein Samurai seine Konzentration schulte, indem sein Meister ihm befahl, jeden Tag entlang der Linien der Tatami-Strohmatten zu gehen, immer rund um die Halle, Schritt für Schritt und ohne einen Fehltritt zu tun. DAS gelingt nur mit äußerster Konzentration. Ein anderer Zen-Lehrer übte auf dem Gleis einer aufgelassenen Eisenbahnlinie – äußerste Konzentration, die nicht nachlassen darf, sonst fällt man herunter.

Das Gehen steht seit Jahrtausenden am Anfang einer Mönchsausbildung. Oft mussten viele Tausende Kilometer zurückgelegt werden, um beim Zen-Meister, den man sich auserwählt hatte, vorzusprechen. Das Gehen wurde zu einer Pilgerschaft, die den Geist auf die kommende Übungszeit vorbereitet. Huineng etwa ging 1.400 Kilometer zu Fuß zu seinem späteren Lehrer Hongren.

„Gehen können wir für eine Konzentrationsübung verwenden.“

Geht man über so eine lange Distanz, wird der Geist ruhig, Körper und Geist wachsen zusammen, man betritt den Bereich jenseits des Bewusstseins, dass das Gehen eine ‚Übung‘ ist. Denn solange wir bewusst ‚üben‘, befinden wir uns im Geist der Zweiheit. Die folgende Geschichte von Kanzan zeigt, wie Gehen jenseits der Zweiheit sein kann.

Kanzan Egen, der spätere Zen-Meister und Gründer der Tempel Shogen-ji und Myoshin-ji, war im Alter von 40 bis 50 Jahren noch in Ausbildung. Er hatte das Gefühl, in seiner Praxis festzustecken, und suchte nach einem Ausweg. Da hörte er seine Kollegen im Kloster über den Zen-Meister Shuho Myocho sprechen. Sie sagten, Shuho Myocho sei der größte Zen-Meister. Da beschloss Kanzan sofort, zu diesem Zen-Meister zu gehen. Nur, er war in Kamakura zu Hause und Shuho Myocho in Kyoto, knappe 600 Kilometer entfernt. Das ist auch heute eine lange, doch auch eine schöne Reise, weil sie am berühmten Vulkan Fujisan vorbeiführt. Mindestens 15 Minuten lang kann man vom Zugfenster den schneebedeckten Bergkegel von drei Seiten genießen. Kanzan Egen machte sich also vor 650 Jahren auf die Reise, damals natürlich nicht im Zug, sondern zu Fuß.

Als Kanzan schließlich in Kyoto bei Shuho Myocho ankam, fragte ihn der Meister: „Du kommst also aus Kamakura? Da musst du den Berg Fuji gesehen haben. Wie war das?“ Und was antwortete Kanzan? „Ich habe den Berg Fuji nicht gesehen.“ Er musste tagelang am Fuß des Berges entlang gegangen sein. Aber er hatte ihn nicht gesehen.
Das ist ein Beispiel von ‚Nur gehen‘ – jenseits der Zweiheit.

 

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