Achtsamkeit

Meditation und Achtsamkeit finden in der Wirtschaftswelt immer mehr Anklang. Doch dabei ist nicht alles Gold, was glänzt.

Fast jeder, der im Internet unterwegs ist, nutzt die Internet-Suchmaschine Google. Im deutschsprachigen Raum kommt sie bereits auf einen Marktanteil von mehr als 90 Prozent. Die Internet-Firma wird in der Öffentlichkeit unterschiedlich wahrgenommen. Zunächst gehört Google zu den ersten US-Konzernen, die Meditations- und Achtsamkeitskurse für die Mitarbeiter anbieten. Das überrascht. Denn Google ist gleichzeitig eine der umstrittensten Internet-Firmen weltweit. Ende Mai durchsuchten beispielsweise Ermittler der französischen Polizei das Google-Büro in Paris. Laut Auskunft der Staatsanwaltschaft laufen Vorerhebungen wegen des Verdachts auf Steuerbetrug. Google bestreitet alle Vorwürfe. Auch die EU-Wettbewerbshüter knöpfen sich die US-Firma vor. Sie werfen dem Konzern den Missbrauch der Marktmacht vor und verschärften im Frühjahr 2016 ihre Gangart. Doch Kritiker befürchten, dass Google längst zu mächtig geworden ist und sich kaum noch einschränken lässt. 

Mitarbeiter sollen erfolgreicher werden
Wie lässt sich das negative Image mit den meditierenden Mitarbeitern vereinbaren? 2007 startete Google das Programm ‚Search Inside Yourself‘. Dabei handelt es sich um ein mehrwöchiges Achtsamkeitstraining, das mittlerweile Hunderte Beschäftigte absolviert haben. Initiator ist der frühere Ingenieur Chade-Meng Tan. Er lud buddhistische Gelehrte, Meditationslehrer und Wissenschaftler zu Google ein. Bei ‚Search Inside Yourself‘ sollen die Mitarbeiter emotionale Intelligenz erlernen. Ziel ist, dass die Beschäftigten zufriedener, gelassener, kreativer und erfolgreicher werden. Das Programm umfasst Übungen und Meditationen, um die Selbstwahrnehmung zu erhöhen, die Konzentration zu verbessern und nützliche mentale Gewohnheiten zu entwickeln. Chade-Meng Tan hat darüber ein Buch geschrieben. Darin erklärt er freimütig, dass die kontemplativen Praktiken nicht nur den Menschen, sondern auch dem Erfolg des Unternehmens – gemeint ist Google – zugutekommen sollen. „Alles, was gut für den Menschen und gut fürs Geschäft ist, wird sich durchsetzen“, schreibt er. Seinen Angaben zufolge soll das Programm bereits vielen Mitarbeitern geholfen haben, ihr Leben zu verändern. Einige Teilnehmer sollen neuen Sinn und neue Erfüllung in ihrer Arbeit gefunden haben. Eine Mitarbeiterin soll ihre Entscheidung rückgängig gemacht haben, Google zu verlassen. Ein anderer berichtet, dass er Achtsamkeitsübungen gemacht habe und anschließend seien ihm zwei der wichtigsten Einfälle zu einem Projekt gekommen. „Wir haben gesehen, wie dieses Wissen und diese Übungen die Kreativität, Produktivität und das Glück der Kursteilnehmer gesteigert haben“, betont Chade-Meng Tan. Auch die Geschäfte des Unternehmens laufen hervorragend. Alleine im Vorjahr machte der Online-Konzern einen Gewinn von mehr als 23 Milliarden US-Dollar. Wie viel dazu die meditierenden Mitarbeiter beigetragen haben, sei dahingestellt.

Auch Business-Yoga wird immer populärer

Viele andere Unternehmen nehmen sich Google zum Vorbild und bieten ihren Beschäftigten ebenfalls Meditationskurse an. Besonders populär ist die Achtsamkeitskonferenz ‚Wisdom 2.0‘, die jährlich im Silicon Valley, dem Sitz vieler Internet-Konzerne, abgehalten wird. Hier trifft sich alles, was Rang und Namen hat. Mittlerweile ist der Trend im deutschsprachigen Raum angekommen. „Meditieren ist nicht länger nur was für Spinner, sondern gilt mittlerweile auch unter deutschen Managern als äußerst smart“, schrieb das ‚Handelsblatt‘. Der deutsche und in aller Welt tätige Software-Konzern SAP hat einen eigenen Posten mit dem Titel ‚Director Global Mindfulness Practice‘ geschaffen. Bekommen hat ihn Peter Bostelmann, der nun für die firmeninternen Achtsamkeitskurse verantwortlich ist. Auch Business-Yoga erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Dabei handelt es sich um eine an die westliche Geschäftswelt angepasste Yoga-Form mit verschiedenen Entspannungstechniken. Viele Firmen bieten solche Programme kostenlos an. Sie tun das nicht aus Selbstlosigkeit, sondern dahinter stecken auch wirtschaftliche Überlegungen. So sollen die Yoga-Übungen helfen, dass die Beschäftigten besser mit dem Stress und dem Erfolgsdruck umgehen können. Ein Ziel ist unter anderem die Reduktion der Krankenstände.

Achtsamkeit als neuer Megatrend

Der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx fragt im ‚Zukunftsreport 2016‘, ob es einen Megatrend Achtsamkeit gibt: „In vielen großen Unternehmen verdrängen derzeit Achtsamkeits-Trainer die McKinsey-Horden.“ Laut Horx sei Achtsamkeit auf dem besten Weg, den faden Begriff der Wellness abzulösen. Doch mittlerweile nimmt die Achtsamkeitswelle teilweise absurde Ausmaße an. Das deutsche ‚Manager-Magazin‘ nannte sieben Gründe, weshalb Meditierende reich werden können. „Die geistige Versenkung ist mittlerweile ausgiebig wissenschaftlich untersucht – und kann sich sehr positiv auf Ihren Kontostand auswirken“, heißt es in dem Bericht.  

Meditation oder Mentaltechniken?

Die von Google und anderen Unternehmen angebotenen Achtsamkeitstrainings haben zwar ihren Ursprung in den buddhistischen Meditations- und fernöstlichen Yoga-Praktiken. Doch tatsächlich haben sie mit Buddhismus nur noch wenig zu tun. Denn wichtige buddhistische Weisheiten wurden herausgenommen. Übrig geblieben sind säkulare und pragmatische Entspannungstechniken. Wenn sich Manager von Google auf ein Meditationskissen setzen, verfolgen sie unter anderem bestimmte Ziele. Das Innehalten soll ihnen helfen, dass sie noch effizienter, noch produktiver und noch kreativer werden. Dies geschieht teilweise mit mentalem Training. Auf dem sogenannten Psychomarkt tummeln sich zahlreiche Anbieter, die unterschiedliche mentale Techniken lehren. In der Sportpsychologie stellt sich jemand beispielsweise eine sportliche Handlung vor, ohne diese tatsächlich auszuüben. Je besser es gelingt, sich in die Bewegung hineinzuversetzen, desto eher soll sich der Erfolg einstellen. Ähnliche Mentaltechniken können in der Wirtschaft eingesetzt werden. Diese Techniken unterscheiden sich von vielen Meditationsformen im Buddhismus, bei denen es um das absichtslose Gewahrsein im Hier und Jetzt geht. Der buddhistische Mönch Mahathera Gunaratana hat folgende Punkte formuliert, die seiner Ansicht nach für Meditation wichtig sind: Erwarte nichts – Mühe Dich nicht ab – Beeile Dich nicht – Hänge an nichts und weise nichts ab – Lass los.

Wie sieht die ethische Haltung aus? 

Im Buddhismus wird die Meditationspraxis nicht isoliert gesehen. Wichtig sind auch die Weisheit und die Ethik der Praktizierenden. Wenn so viele Mitarbeiter von Google regelmäßig meditieren, stellt sich die Frage, warum es trotzdem so viele Vorwürfe gegen das Unternehmen gibt. Gerade in der Wirtschaft herrscht das Prinzip ‚Immer mehr, immer höher, immer schneller‘. Erwirtschaftet der Google-Mutterkonzern weniger Gewinn als von Analysten erwartet, wird er an der Börse sofort abgestraft und der Aktienkurs sinkt. Doch muss sich in der Wirtschaft tatsächlich alles der Gewinnmaximierung unterordnen? Müssen Firmen bestimmte Unternehmensbereiche tatsächlich in jene Länder mit den niedrigsten Steuersätzen verlegen? Konzerne haben auch eine Verantwortung. Es genügt nicht, dass Firmen Meditationskurse für Mitarbeiter anbieten, sie sollen sich auch um die Einhaltung von ethischen Standards bemühen. Zu beachten ist weiters: Meditierende Manager sind nicht automatisch bessere Menschen, die mehr Mitgefühl für andere entwickeln. Ein Beispiel dafür ist der US-Milliardär Ray Dalio, der Chef des erfolgreichsten Hedgefonds der Welt. Dieser betont in vielen Interviews, dass mehr als alles andere in seinem Leben Meditation sein wichtigster Erfolgsfaktor sei. Gleichzeitig wird Dalio als beinharter Geschäftsmann beschrieben. Die ‚Frankfurter Allgemeine Zeitung‘ veröffentlichte über ihn ein Porträt mit dem Titel ‚Der rücksichtslose Mr. Dalio‘. Jeder seiner 1.500 Angestellten müsse ständig mit der Kündigung rechnen, wenn er nicht die Leistung zeige, die der Chef von ihm verlange. Immer wieder soll Dalio gesagt haben: „Leute zu feuern ist für mich keine große Sache.“

Mit Meditation lassen sich nicht alle Probleme lösen

Besonders problematisch sind Achtsamkeitstrainings oder Yoga-Kurse, die Firmen anbieten, um die Burn-out-Rate zu senken. Im heutigen Wirtschaftsleben fühlen sich viele Mitarbeiter erschöpft und ausgebrannt. Die Zahl der Menschen, die wegen Depressionen und anderer psychischer Probleme in den Krankenstand gehen, ist hoch. Doch Meditationstrainings zur Behebung von Missständen in der Wirtschaft reichen nicht aus, viel wichtiger ist es, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Gibt es in einem Unternehmen eine hohe Burn-out-Rate, müssen zuerst die Ursachen analysiert und entsprechende Änderungen vorgenommen werden.

Zusammenhang von Meditation und Geld

Nicht nur in den USA boomt die Meditations- und Achtsamkeitsindustrie. Unzählige Berater und Coaches bieten Trainings an. Sie verdienen damit viel Geld. Die Grenzen zur Esoterik sind fließend. Besonders teuer sind Meditationskurse für Führungskräfte. Im Internet werden mehrtägige Trainings zum Preis von umgerechnet 4.000 Euro angeboten. Diese werden teilweise in luxuriösen Wellnesshotels abgehalten. Auch hier lohnt sich ein Hinterfragen der Motive. Im Buddhismus gilt das sogenannte ‚Dana‘-Prinzip. Dana bedeutet selbstloses Geben und freiwillige Großzügigkeit. Zu Zeiten des Buddha wurde die Lehre als unbezahlbar angesehen. Dana ist kein Handel, wie er in der westlichen Konsumgesellschaft üblich ist: Ein Trainer hält einen Achtsamkeitskurs und verlangt dafür ein bestimmtes Honorar. Die Teilnehmer bezahlen für die Dienstleistung und damit ist für sie die Sache erledigt. Leider erzählen Meditationslehrer immer wieder, dass es schwierig ist, Dana im Westen zu erklären. Grundsätzlich gilt im Buddhismus das Prinzip der Einfachheit. „Auch einige monastische Traditionen haben in diesem Punkt der Einfachheit versagt“, schreibt der Schweizer Zen-Meister Marcel Geisser. „Aus der ursprünglichen einfachen Robe wurden in einigen Zen-Traditionen teure Gewänder, die mit jedem Maßanzug konkurrieren können.“ Auch kritisiert Geisser, dass sich immer mehr bekannte Meditationszentren in ihrer Werbung den ‚gängigen westlich-konsumorientierten Vorgaben‘ angleichen.

Wie wichtig ist Nachhaltigkeit? 

Im Buddhismus wird die gegenseitige Verbundenheit mit allen Wesen, ja mit der ganzen Natur betont. Das hat Auswirkungen auf die Wirtschaft. Ein nachhaltiges Geschäftsmodell von Unternehmen zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass faire Löhne bezahlt, gute Arbeitsbedingungen geschaffen und keine umwelt- oder gesundheitsschädlichen Mittel verwendet werden. Der buddhistische Meditationslehrer Thich Nhat Hanh bringt dazu ein einfaches Beispiel: Wir können Eier von Hühnern kaufen, die in modernen Großbetrieben gehalten werden. Dort sind die Tiere in engen Käfigen eingesperrt. Wir können aber auch Eier von Hühnern, die natürlich gehalten werden, essen. Tatsächlich haben es wir als Konsumenten in der Hand, welche Produkte wir kaufen und welche Dienstleistungen wir in Anspruch nehmen. Es ist völlig unerheblich, wie viele Achtsamkeits- oder Meditationskurse in einem Unternehmen angeboten werden. Entscheidend ist, was unter dem Strich herauskommt und wie nachhaltig und verantwortungsvoll in der jeweiligen Firma gewirtschaftet wird. Wer beispielsweise zu der Ansicht gelangt, dass die Geschäftspraktiken von Google nicht in Ordnung sind, hat die Möglichkeit, sich nach Alternativen umzusehen. Schließlich gibt es im Internet noch andere Suchmaschinen. Diese sind zwar nicht so populär, liefern aber trotzdem brauchbare Ergebnisse.

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2018-01-05 11:48
Wenn Meditation und Achtsamkeit für die Gewinnmaximierung eingesetzt wird;
werden die Menschen die das praktizieren, missbraucht und dienen der Diktatur
der Gewinnmaximierung.

Buddhas Pfad der Weisheit „mache das Heilsame , lasse das Unheilsame und ent-
wickle deinen Geist“, ist eine gut praktizierende Anleitung und das nicht nur
für Buddhisten.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, heilsamen, buddhistischen Grüßen
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
# Uwe Meisenbacher 2018-01-05 19:26
Durch die Diktatur der Gewinnmaximierung, praktizieren die Menschen eine globale Selbstzerstörung.
Sie vernichten die globalen natürlichen Lebensgrundlagen ( Ökosysteme ) , ohne die die Menschen
auf diesen Planeten Erde nicht mehr leben können.
Wer hier den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht erkennen kann oder will,
der muss schon sehr verblendet sein.

Mit freundlichen Güßen auf ein bessere Zukunft.
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
# Uwe Meisenbacher 2018-01-06 13:55
Hallo Herr Höller,

hier noch eine nachträgliche Belobigung.
Ihr Artikel ist ein sehr guter, zutreffender Aufklärungsbeitrag und das nicht nur für Buddhisten. Danke dafür!

Mit freundlichen, frei von Gewinnmaximierung, heilsamen buddhistischen Grüßen, auf eine bessere Zukunft.
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren