Achtsamkeit

Raphael Yehuda Zvi Werblovsky, emeritierter Professor der Hebräischen Universität in Jerusalem und Mitbegründer des „Israel Interfaith Comitee", überliefert uns eine Geschichte über eine Begegnung zwischen einem jüdischen Gelehrten und einem Zen-Lehrer.

Diese Geschichte kann als eine moderne Version der chassidischen Erzählungen (Aggada) oder der Zen-Erzählungen verstanden werden. Im Folgenden möchte ich zunächst die Geschichte wiedergeben und dann das Geheimnis ihres Reizes aus einer anthropologischen Sicht heraus erläutern.

Ein Zen-Lehrer folgt der Einladung einer seiner amerikanischen Anhänger und begibt sich mit ihm auf eine Segelreise um die Welt. Als die beiden nach Jerusalem gelangen, kommen sie auch zum Haus von Martin Buber. Der Zen-Lehrer schwieg, Martin Buber hörte zu und der Amerikaner sprach. Und so trug er Buber vor: Alle Religionen auf der Welt sind nur eine Ausdrucksform für eine einzige Sache; sie sind verschiedene Formen und Erscheinungen, die ein und denselben Kern in sich haben. Buber horchte – und als der Amerikaner fertig gesprochen hat, schaute ihn Buber hart an und schoss seine Frage heraus: ´Und was ist dieser eine Kern?' Als der Zen-Lehrer diese Frage hörte, konnte er sich nicht zusammen reißen – er sprang von seinem Sitz und drückte mit beiden Händen die Hände von Buber.Admiel Kosman

Die Pointe am Ende der Geschichte steckt in der starken, wortlosen Verbindung zwischen Martin Buber und dem Zen-Lehrer. Die wesentliche Diskrepanz in der Geschichte besteht zwischen dem Reden und dem Schweigen. Wie es in der Geschichte selbst geschrieben steht: Der Amerikaner spricht, der jüdische Gelehrte hört zu und der Zen-Lehrer schweigt.

Der starke Bund zwischen dem Zen-Lehrer und Buber, der mit dem warmen Händedruck der Beiden beschrieben wird und sich in einer Bewegung des Körpers und nicht durch das Sprechen artikuliert, steht im polarischen Gegensatz zum „Gerede" des Amerikaners. Der „Amerikaner", der in der Geschichte auftritt, steht als ein vieldeutiges Symbol da, von dem ein Aspekt überdeutlich herausragt: Ohne es selbst wahrzunehmen karikiert er das leere akademische Gerede über die Religionen. Er symbolisiert die zahllosen Artikel und Bücher, die „über" die Religionen geschrieben werden, aber nicht dazu fähig sind, das „lebendige Innere" ihres Wesens zu erfassen. Die Geschichte möchte eigentlich sagen, dass jemand, der „über" eine Religion spricht, nie in der Lage sein wird, das „Wesentliche" des religiösen Lebens darzustellen. Nur derjenige, der zu reden aufhört – der schweigt und zuhört – nur er kann, in der leeren Stille, die entsteht, das religiöse Phänomen spüren.

Die Frage von Buber verlangt nach keiner Antwort. Mehr noch, eine wörtliche Antwort würde das „Wesentliche", nach dem gefragt wird, ruinieren. Die Frage von Buber war nur ein Hinweis auf den nonverbalen Aspekt der religiösen Erfahrung – das Schweigen. Diese Frage schloss sich nicht dem „Gerede" des „Amerikaners" an, sondern dem Schweigen des Zen-Lehrers. Die Geschichte betont, dass die Frage von Buber spontan aus ihm herausschoss, wie ein Pfeil, der die angespannte Sehne des Bogens verlässt. Hinter der Frage stand keine Überlegung und kein Plan – genauso wie es hinter dem Schweigen des Zenlehrers keine Überlegungen gab, sondern nur die einfache Leere. Und aus dieser Leere heraus kam spontan, was eben kam – nämlich das Aufspringen vom Sitz und der warme Händedruck, der auf den Leser zunächst befremdlich wirkt. Die spontane Begeisterung des Zen-Lehrers kam nicht wegen des Inhalts der Frage – wegen des „Was" von Buber, sondern wegen des „Wie".

Hierbei wird deutlich: Wenn die Frage von Buber im Sinne des akademisches Geredes „über" die Religionen gestellt worden wäre, wäre der Zen-Lehrer nicht von seinem Sitz gesprungen, um Bubers Hand zu drücken. So etwas wäre dann eine unsinnige Tat gewesen.

In dieser Geschichte ist der Gegensatz zwischen den beiden Gelehrten und dem Amerikaner zu erkennen, der es gar nicht erwarten kann, das in Worten zu fassen, was nicht in Worten ausgedrückt zu werden vermag. Das warme Band, das sie miteinander verbindet, entstand durch die Frage selbst. Sie beide teilen dem Amerikaner mit: Deine Suche nach einer Antwort nützt nichts. Man muss nur wissen, richtig zu fragen.

Aber da wir uns hier die Erlaubnis genommen haben, die „Sünde" des Wortes zu begehen, werden wir versuchen, das „Wesentliche" von dem, was nicht formulierbar ist, eingehender zu erklären. Wir werden versuchen, das „wie" zu erklären – und dies mit Hilfe einiger Überlegungen der britischen Antropologin Mary Douglas. Douglas erklärt in ihrem Buch „Reinheit und Gefahr" (Purity and Danger, 1966) den Hauptunterschied zwischen dem Denken des primitiven Menschen und dem des modernen, westlichen Menschen, der ihr zufolge darin zu suchen ist, dass der westliche Mensch eine Möglichkeit entwickelt hat, „separatistisch zu denken". Er hat die Fähigkeit entwickelt, zwischen dem zu unterscheiden, was subjektiv, und dem, was objektiv ist und außerhalb seiner selbst liegt.[2] So versteht der primitive Mensch zum Beispiel die „Mächte" der Natur als Mächte, die mit einzelnen Menschen verbunden sind, und zwar ist diese Beziehung so stark, dass es kaum möglich ist, von einer externen physischen Umgebung zu sprechen. Jedes einzelne Individuum trägt in sich selbst Verbindungen zum Universum, die derart eng sind, dass er als ein Zentralpunkt eines magnetischen Feldes verstanden wird. Ein Beispiel dafür ist der Glauben einer Volksgruppe, dass die Macht, die für das Wetter zuständig ist, sich ändert, wenn ein Jäger mit einer bestimmten körperlichen Komposition ein Tier erlegt, dessen körperliche Komposition ein Bestandteil beinhaltet, die die körperliche Komposition des Jägers ergänzt. Laut dieser Auffassung kann das Wetter jeder Zeit durch komplizierte Interaktionen von Jägern und den gejagten Tieren bestimmt werden.

Folgt man dem Buberschen Denken, könnte man also sagen, dass Douglas den westlichen Menschen als jemanden präsentiert, der gelernt hat, auf die Welt um sich als ein „Das" zu schauen, der gelernt hat, alles als separate Objekte zu betrachten, die außer ihm selbst stehen. Diese Art alles zu sehen war eigentlich der Ausgangspunkt der modernen Wissenschaft, die sich darin entwickelt hat, die „Objekte" zum Nutzen des Menschen zu gebrauchen. Aber die Tragödie, die dadurch entstand, ist doppelt so groß: Dem westlichen Menschen gelingt es heute immer besser, seinen Blick zu schärfen – jedoch zu dem Preis, dass er auch andere Menschen zu Dingen erklärt. Mehr als das: Letztendlich ist auch der betrachtende Mensch selber zum „Objekt" geworden.

In diesem Sinne umgibt die Geistlichen der modernen religiösen Institution auch eine traurige Atmosphäre. Als westlichen Menschen ist ihm nur eine Welt von Objekten bekannt – inklusive des Begriffs Gott, den er als ein Gegenstand betrachtet, als eine bürokratische Einrichtung. Der Mensch kann mit dieser Dimension keinen Kontakt herstellen, ohne sich von ihr zu „differenzieren".

Buber würde also sagen, dass der primitive Mensch zwar viele Fehler in seinen Feststellungen macht, sich der westliche Mensch in dieser Hinsicht nicht wirklich entwickelt hat: Denn der westliche Mensch verlor auch die Fähigkeit zum Kontakt mit dem „Du".

In der vorliegenden Erzählung repräsentiert der „Amerikaner" den westlichen Menschen. Über die Religion möchte er nur noch als ein Objekt sprechen. Seine Rede ist intellektuell; er stellt seine Fragen als Forscher. Dies könnte vielleicht im Alltag und in den Naturwissenschaften effizient sein, aber wenn man zu den empfindlichen Fragen zum Wesentlichen kommt, das keinen Namen hat, zu dem, was durch Wörter und Benennungen nur zerstört werden würde, dann bleibt der Weg zur Wahrheit nur demjenigen offen, der rückwärtsgeht und eben jene Fähigkeit neu entdeckt, andere als Subjekte wahrzunehmen, ohne sich zu „differenzieren". Buber verstand jeden Kontakt des Menschen mit der Welt als eine Begegnung, der die Voraussetzung für einen tieferen Dialog in sich birgt. Wenn beide Gesprächspartner ihre Herzen öffnen und sich richtig zuhören, werden sie von etwas Göttlichem umgeben. Dies ist der Aspekt, den der westliche Mensch aus seiner Welt vertrieben hat: „Wenn Mann und Frau würdig sind, so wohnt die Schechina unter ihnen." (bT Sota 17a) Buber ging davon aus, dass hier die übliche Eigenschaft der „Differenzierung", die auch eine beschränkte, positive Funktion hat, in tausend Stücke zerbricht, so dass die beiden Partner im Dialog sich einander annähern. Er nannte dies die „Umarmung der Einheit".

Aber wie unserer Geschichte entnommen werden kann, ist ein solcher Dialog nonverbal. Die Wörter können sich in einem Dialog nur dann hinzugesellen, wenn der wirkliche Hintergrund eines jeden Anwesenden im Schweigen besteht, wenn ein jeder der Anwesenden sich vom Ego des „Redens über etwas" befreit und der Stimme des Anderen erlaubt, die nun entstandene Leere zu füllen.

 

 

Admiel Kosman ist Professor für Rabbinische Studien an der Universität Potsdam und Akademischer Direktor des Abraham-Geiger-Kollegs in Berlin. 

 

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren