Achtsamkeit

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich mag den Geruch von Räucherstäbchen, ich bin gern in laotischen Tempeln, wenn Mönche rezitieren, mir gefallen tibetische Rituale mit ihrer Musik, ich bin fasziniert von den trommelnden Mönchen in koreanischen Klöstern.

Es wäre reine Heuchelei, wenn ich jemandem seine Freude an buddhistischen Ritualen vergällen wollte.

Trotzdem: Die Haltung des frühen Buddhismus zu Ritualen ist eindeutig negativ. Das Sigālovādasutta (Dīghanikāya III, 180ff.), eine der wichtigsten Lehrreden, beginnt so:

„Einstmals weilte der Ehrwürdige in Rajagrha im Bambuswald an der Eichhörnchenfutterstelle. Um diese Zeit nun war Singalaka, der Sohn eines Haushalters, schon zeitig aufgestanden, aus Rajagrha weggegangen und verbeugte sich mit nassem Gewand, mit nassen Haaren, mit gefalteten Händen, vor jeder Himmelsrichtung einzeln: vor dem Osten, dem Süden, dem Westen, dem Norden, dem Unten und dem Oben." (Übersetzung: K. E. Neumann)

Da fragt Buddha den Singalaka, warum er das tut. Singalaka antwortet, dass er das tut, weil sein Vater bei seinem Tod es ihm so befohlen hat. Buddha sagt ihm, dass er das nicht richtig macht, und hält auf Bitte Singalakas folgende Lehrrede:

„Wenn ein edler Anhänger (des Buddha) vier Befleckungen durch Taten aufgibt, keine böse Tat aus vier Gründen begeht, den sechs Abflüssen des Besitzes nicht frönt, dann ist er so den 14 Übeln entgangen, überzieht die sechs Himmelsrichtungen und ist ausgezogen zur Eroberung beider Welten. Er hat diese Welt erlangt und die jenseitige. Nach dem Zerfall des Leibes, nach dem Tod gelangt er zu einem guten Ziel, einer himmlischen Welt." (Übersetzung: K. E. Neumann)

Die weitere Lehrrede ist eine Auslegung dieser Sätze. Buddha deutet dabei die sechs Himmelsrichtungen und das Ritual um. Das richtige ‚Ritual' ist, wenn man zu seinem sozialen Umfeld ethisch richtige Beziehungen pflegt: zu Eltern und Kindern, zu Meistern und Lehrlingen, zum Gatten oder zur Gattin, zu Freunden und Kollegen, zu Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zu Geistlichen und Asketen bzw. zu seinen Wohltätern. Rechtes ‚Ritual' ist, wenn man mit seinem Besitz haushälterisch umgeht, keinen Müßiggang pflegt, ein guter Freund ist und gute Freunde hat, kurz: wenn man ein ‚anständiger' und liebenswerter Mitmensch ist.

Fazit: Religiöse Rituale als geregelte Abläufe von Handlungen sind sinnlos. Stattdessen pflege man richtiges Verhalten zu seinen Mitmenschen (ich ergänze: und zu seiner Mitwelt). UW78SP-Nicht_heiliges

Trotz dieser eindeutigen Aussage entwickelte man im Laufe der Zeit in den verschiedenen Richtungen des Buddhismus unzählige Rituale. Diese mögen durchaus ihren echt buddhistischen Sinn gehabt haben, viele sind wohl nur dadurch entstanden, dass auch viele Buddhisten seit eh und je dem Heiligen vor dem Heil den Vorzug gaben und geben (Detlev Kantowsky), weil einem die nüchterne Lehre Buddhas langweilig vorkam, weil man mit den Religionen der Umwelt konkurrieren wollte, weil Rituale einfacher sind als der mühsame Weg, den Buddha lehrte, weil religiöse Funktionäre (Mönche) mit Ritualen bestens Geschäfte machen können, weil man sich von der Teilnahme an und der Veranstaltung von Ritualen Ablass für seine Schurkereien erhoffte – oder aus was für Gründen auch immer.

Tatsache ist: In vom Buddhismus geprägten Ländern pflegen und fördern Schurken aller Art eifrig aufwendige Rituale: Politiker, die buchstäblich über Leichen gehen, hohe Militärs, die Massenmörder sind, Geschäftsleute und Unternehmer, die Arbeiter und Kinder auspressen, sonstige Personen, die sich schamlos auf Kosten ihrer Mitmenschen und Mitwelt durchsetzen.

Buddhistisches Ritual lenkt oft von den Inhalten der Lehre Buddhas ab. Es ist: Heiliges statt Heil, Aberglaube statt Vernunft, dumme Magie statt Einsicht, Äußerlichkeit statt Überzeugung, Alibi statt Besserung, Gier statt Gierlosigkeit, Konformitätsdruck statt individuellem Handeln, Habgier der Geistlichen statt Anspruchslosigkeit der Mönche.

Gewiss: Rituale können auch Ausdruck innerer Überzeugung sein, Stärkung dieser Überzeugung, Kooperation auf dem Erlösungsweg, Aufmunterung und Motivation, Ausdruck der Ernsthaftigkeit (Verehrung) usw. Unter ‚meinen' ehemaligen Studierenden praktiziert die Frau, die meines Erachtens die Lehre Buddhas bestens verstanden hat, tibetische Rituale und ist in einer Gruppe des tibetischen Buddhismus fest verankert. Für sie sind die Rituale hilfreich, die ursprüngliche Lehre Buddhas zu verwirklichen zu versuchen. Für sie sind Rituale kein Brimborium, sondern ihrer Veranlagung entgegenkommende Hilfen.

Entscheidend ist also, ob Rituale vom Weg, den Buddha gelehrt hat, ablenken oder dazu hilfreich sind oder zumindest nicht schaden. Der Kern der Lehre Buddhas ist der methodische Versuch, das alltägliche Leiden zu mindern und letztendlich zu beenden. Voraussetzung dafür ist das ständige Einüben von materieller Freigebigkeit sowie der freizügigen Gabe der Furchtlosigkeit an unsere Mitwelt, so dass diese von uns möglichst wenig zu befürchten hat – das heißt: stetes Einüben der fünf Trainingspunkte der Sittlichkeit sowie der vier Haltungen, die vor niemandem haltmachen sollten (Güte, Mitfreude, Mitgefühl und Gleichmut).

Wem also die Schönheit von Riten, ihre Regelmäßigkeit, das Gemeinschaftsgefühl dabei und anderes hilft, sich um Leidüberwindung zu bemühen, für den sind buddhistische Rituale gut. Die Teilnahme an und die Ausführung von Ritualen ist aber kein Zeichen dafür, ob jemand ein ‚guter Buddhist' ist oder nicht. Vergessen wir auch nicht: Buddha hat nicht gewirkt, um auf der Welt eine buddhistische Religion zu gründen mit all dem Drumherum, das in Religionen übervoll vorhanden ist. Buddha hat gewirkt, um den Menschen in ihren alltäglichen Sorgen und ihrem alltäglichen Heil zu helfen. Machen wir also aus Buddhas Lehre keine Religion! Derer gibt es genug.

Am Schluss des Sigālovādasutta wird sein Inhalt – und damit das wahre Ritual – in folgenden Versen zusammengefasst:

»Die Eltern sind der Osten hier,

Dem Süden stehn die Meister vor,

Als Westen gilt da Weib und Kind,

Als Norden uns Genosse, Freund,

Nach unten reicht der Diener, Knecht,

Asket und Priester oben hin:

Wer also jede Richtung ehrt,

Der ist im Hause reich genug.

Der Kluge, tüchtig so bewährt,

Als milder, wohlbedachter Mann

Bescheiden wandelnd, nicht verstockt,

Er wird gepriesen mehr und mehr.

Wer immer aufstrebt, nicht erschlafft,

Und auch im Unglück nicht verzagt,

Unrügbar wandelnd, klar gesinnt,

Er wird gepriesen mehr und mehr.

Zusammen hält er Freunde fest,

Schenkt freudig, nicht aus Eigensucht,

Er fördert warnend, munternd auf,

Wird so gepriesen mehr und mehr.

Wer Gabe spendet, freundlich spricht,

Sich heilsam hier zu schaffen müht:

Gerecht erwägt er Ding um Ding,

Je nach der Weise wie's gebührt.

Das ist der Anhalt für die Welt

Wie um die Achse rollt das Rad;

Wo solch ein Anhalt wäre fehl,

Vergäß' die Mutter an ihr Kind,

Nicht Ehrfurcht gäb' es, keine Scheu,

Nicht Vaters und nicht Sohnes Pflicht.

Weil dieser Anhalt ist bekannt

Den Klugen, die gar wohl verstehn,

Darum gedeihn sie hoch empor:

Ihr Lob, das darf gepriesen sein.« (Übersetzung: K. E. Neumann)

Mögen uns die Augen aufgehen wie Singalaka, der nach den Ausführungen Buddhas sagte:

»Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Gleichwie etwa, o Herr, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder ein Licht in die Finsternis hielte: ›Wer Augen hat, wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat der Erhabene die Lehre gar vielfach dargelegt. Und so nehm' ich, o Herr, beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger soll mich der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.« (Übersetzung: K. E. Neumann).

 

Alois Payer geboren 1944, studierte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Indologie, Buddhologie und Religionswissenschaften.

 

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