Achtsamkeit

Samy Molcho, Pantomime und Experte für Körpersprache, erzählt, warum wir uns unserer Körpersignale bewusst sein sollten und warum wir Politikern nicht trauen können.

 

Was ist Körpersprache?

Ganz einfach gesagt: die Kommunikation des Körpers. Jede Bewegung, jedes Körpersignal dient für den Kommunikationspartner als Information und ist eine Art von Sprache. Sprache passiert nicht nur verbal, sondern auch in der ursprünglichsten Form, nämlich über den Körper. Der Körper reagiert auf Gefühle und Empfindungen. Das Wort Emotion kommt von E-motion – in Bewegung setzen. Das ist die Rolle der Gefühle in unserem Körper. Angst erzeugt einen Mechanismus in unserem Körper: Das Blut geht in die Füße, die Augen suchen ein Versteck, das Gehirn berechnet, ob man kämpfen oder flüchten soll. Alles passiert automatisch. Unser Körper reagiert sehr schnell, Gedanken hingegen sind langsamer. Und genau zu diesem Zweck sind Gefühle da. Wenn man Hunger hat, werden die Gefühle Risiken auf sich nehmen, auf die man sich sonst nicht einlassen würde, nur um eine Beute zu bekommen. Wenn dir etwas nicht gefällt, dann zieht sich der Körper zurück. Das sind Basisfunktionen. Der Körper kann nicht lügen, weil man seine Empfindungen nicht kontrollieren kann. Untersuchungen zufolge werden 80 Prozent unserer Reaktionen und Entscheidungen aufgrund von Körpersprache, also durch nonverbale Kommunikation, ausgelöst.

 Können wir lernen, unseren Körper bewusst einzusetzen?

Selbstverständlich. Anders ausgedrückt: Der Körper und auch die Körpersprache sind ein sehr guter Gradmesser dafür, ob ein Mensch die Wahrheit sagt oder nicht. Unser Körper ‚spricht' nämlich immer die Wahrheit. Angeblich lügt ein Mensch bis zu 200 Mal am Tag. Aber was heißt lügen? Die Definition von lügen ist nicht so einfach. Jedes höfliche Lächeln ist im Prinzip eine Lüge. Aber ohne Ritualisierung können wir sozial nicht überleben.

Nehmen wir ein falsches Lächeln sofort wahr?

Ich merke es sofort. Es ist aber für uns Menschen bequem, gewisse Dinge einfach zu glauben. Ein verliebtes Mädchen zum Beispiel saugt jeden Blick eines Jungen auf und wird sich natürlich bei jeder kleinen Regung einreden, dass der Angebetete an ihr interessiert sei. Sie will es ja auch glauben. Wir orientieren uns liebend gern an kleinen Signalen und halten uns an diesen fest, anstatt ‚das Gesamtbild' durch eine ‚ganzheitliche Kommunikationsbrille' zu betrachten und ignorieren genau die Dinge, die unseren Bedürfnissen widersprechen. Jemand, der belogen wird, will eben auch belogen werden. Ein anderes Beispiel: Jemand, der viel Geld haben möchte, wird über falsche Investitionen stolpern. Die Gier übt einen solchen Druck aus, dass dadurch vieles übersehen werden kann. Um auf die Frage zurückzukommen: Wenn dein Inneres, deine Gefühle, eigentlich gegen eine Lüge sind, kommt es zu folgendem Problem: Man lächelt nur mit dem Mund, denn richtiges Lächeln beginnt in den Augen.

Gehören Gestik und Mimik zu unseren Sprachwerkzeugen?

Ja. Auf jeden Fall dann, wenn ich Interesse an der Wahrheit habe.

Wie signalisiere ich Desinteresse an der Kommunikation?

Eine verschlossene Körperhaltung, das Vermeiden von Blickkontakt oder verschränkte Arme sprechen ganz klar für Kommunikationsdesinteresse. Wenn ich aber kommunizieren möchte, dann helfen dabei Gestik und Mimik. Was geschieht? Ich öffne meinen Blick, meine Haltung. Kommunikation ist, wenn beide Seiten Interesse haben. Der Körper erfüllt dabei gewisse Funktionen. Eine offene Hand kann nehmen und geben. Eine geschlossene Hand kann keines von beiden – ist aber nicht wertend gemeint. In beiden Fällen kann es positiv oder negativ gemeint sein. Auch ist Gift per se nicht immer nur schlecht. Gift hat bestimmte Eigenschaften und in bestimmten Mengen kann es sogar gut sein. Schlangengift wird in der Medizin zum Beispiel sehr oft verwendet, zu viel kann tödlich sein. Auch zu viel Liebe kann erwürgen. Ich kann meine Hand zur Waffe machen, ich kann mit ihr jemanden schlagen. Wenn ich meinen Daumen nach innen halte, kann ich niemanden schlagen, weil ich mir sonst den Daumen breche. Es gibt also unterschiedliche Eigenschaften von Bewegungen. In der Kommunikation geht es immer darum, was ich mir erwarte. Dann urteile ich darüber. Gut und schlecht gibt es in der Natur nicht.

Wie bewusst sind wir Menschen uns eigentlich der Körpersprache?

Fast gar nicht, sie läuft automatisiert ab. Meine Frau wurde einmal gefragt, wie es ist, mit einem Mann zu leben, der jede Bewegung lesen kann. Sie meinte: „Toll, ein idealer Mann, der mir jeden Wunsch von den Augen ablesen kann." Das ist wieder eine Einstellung. Wovor haben die Menschen Angst? Ich sehe Bedürfnisse und reagiere darauf. Das ist doch nichts Falsches.

Im Wahlkampf, beispielsweise bei einer Präsidentschaftswahl, geht es nur um das Gewinnen, nach dem Motto: Wem wird die Macht für die nächsten Jahre zugesprochen? Hier sind sowohl Ausdruck über Körper, Bewegung, Kleidung – also die komplette Erscheinung – als auch das gesprochene Wort sehr wichtig. In solchen ‚Duellen' geht es immer nur um das Gewinnen. Wer verkauft sich besser, wer kann besser etwas vorspielen?

Ja, bei Politikern im Wahlkampf sieht man an der Körpersprache sofort, wer ein Hampelmann ist und wer nicht. Politiker müssen meiner Meinung nach ‚schizophren' sein. Der Spagat zwischen der Vertretung der eigenen Interessen und der der Partei ist schwierig. In der Politik stimmen das gesprochene Wort und der damit einhergegangene Körperausdruck nicht überein.

Ein Steinzeitmensch hat die Körpersprache eines anderen Menschen sicher ganz genau beobachtet, um ihn einzuschätzen. Heute leben wir in Ballungszentren zusammen, man trifft täglich Tausende Menschen, die man gar nicht mehr beachtet, beachten kann. Ist dadurch die Körpersprache überhaupt noch wichtig?

In grauer Vorzeit gab es noch keine Polizei, nur archaische Gesetze – also musste man sein Gegenüber genau einschätzen. Nachdem das aber heute gar nicht mehr möglich ist, beginnen sich die Menschen anderen zu verschließen, sich zu isolieren.

Warum wird dem Gesprochenen heute so viel Wert beigemessen?

Weil es einfach ist. Das gesprochene Wort ist eigentlich sekundär, die Körpersprache primär. Wenn ich das Wort ‚Restaurant' sage, dann hat jeder ein gewisses Bild im Kopf. Aber jeder stellt sich unter dem Begriff Restaurant etwas anderes vor. Wir glauben aber, dass wir von dem Gleichen sprechen. Ein Wort löst eine Menge ‚Glaubenssätze' und sogenannte ‚skripts' in uns aus. Es ist zwar leichter, sich über die Sprache auszudrücken, aber nicht präzise. Der Körper reagiert im Hier und Jetzt, was anderes kann er nicht. Wenn wir über Buddhismus und Achtsamkeit sprechen: Was hat der buddhistische Priester über Zen-Buddhismus gesagt? Wenn ich esse, esse ich. Ich bin in diesem Moment bei dem, was ich tue. Ich bin im Hier und Jetzt, der Körper reagiert sofort.

Samy Molcho, geboren 1936 in Tel Aviv, ist ein österreichischer Pantomime und Musical-Regisseur. Molcho war außerdem bis 2004 Professor an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst beziehungsweise am Max Reinhardt Seminar. Weltweit bekannt wurde er als Autor durch seine Bücher über Körpersprache, die in 12 Sprachen übersetzt wurden.
 
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