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Manchmal begegne ich einer jungen Frau und denke: „Oh je, so fahrig und unbewusst bist du in dem Alter auch häufig gewesen, so ganz neben der Spur." Und dann, mit Blick auf eine andere, denke ich: „Schau dir dieses Mädel an, wie wunderbar, wie außergewöhnlich – so war ich auch zuweilen."

In der ersten Lebenshälfte geht der Blick nach vorn: „Was will ich machen, wie möchte ich leben?" In der zweiten Lebenshälfte wandelt sich die Frage Richtung: „Habe ich meine Talente gut genutzt? Was wünsche ich mir für die verbleibende Lebenszeit?"

„Lebe ich so, wie ich es mir wünsche?" Vielleicht ist das schon eine Luxusfrage. Wenn das Leben uns packt, fordert, mitreißt, dann kommen wir gar nicht dazu, diese Überlegung anzustellen. Dann sind wir gefordert zu handeln, uns zu kümmern, den Anforderungen des Augenblicks gerecht zu werden.

„Lebe ich so, wie ich es mir wünsche?" Das lässt sich nur fragen in Momenten der Muße, des Aufatmens – im Innehalten. In der stillen Meditation keimen Fragen nach den Prioritäten des eigenen Lebens immer wieder auf – hier werden sie von allen Seiten abgeklopft und geprüft: „Bin ich zufrieden mit dem, was ich mache? Bewege ich mich in die gewünschte Richtung? Worauf kommt es mir wirklich an?"

Das schönste und tiefste Gefühl, das wir haben können, ist das Gefühl für das Mystische. Es ist der Nährboden jeder echten Wissenschaft. Der Mensch, dem dieses Gefühl fremd ist, der sich nicht mehr wundern oder von ehrfürchtigem Staunen erfüllt sein kann, ist so gut wie tot.

- Albert Einstein -

Ganz gleich, in welchem Lebensabschnitt wir stehen – mit diesen Fragen beginnt ein innerer Prozess, den wir Läuterung oder innere Reinigung nennen. Es ist eine Art wiederholtes Durchsieben von unserer Erfahrung, bis hin zu immer feineren Ergebnissen, immer tieferer Selbsterkenntnis. „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehen." So hat Rilke dieses konzentrische Kreisen um das Wesentliche beschrieben, das auch in der Meditation stattfindet. Meditation gibt uns Methoden in die Hand, das innere Kreisen fruchtbar zu gestalten, damit wir nicht in wandernden Gedanken verloren gehen und nicht immer gegen dieselben Blockaden rennen, sondern Öffnung und wachsende innere Freiheit erfahren. Aber nutzen wir auch diese Chance zur Selbsterkenntnis? Setzen wir uns wirklich hin zum Meditieren, konsequent und entspannt zugleich? Alle Formen der spirituellen Praxis brauchen beständige Anwendung und Hingabe, damit sich unser Bewusstsein wandelt und wir über unser selbstsüchtiges Wünschen hinaus wachsen können. Die Frage „Lebe ich so, wie ich es mir wünsche?" löst sich dann auf, wenn wir dem großen Lebensgeheimnis, dem Mystischen begegnen, wenn wir uns selbst vollständig annehmen können in unserem Sosein und jeden Moment das Wunder unserer Existenz erfahren.

 

Kommentare   

# Shengmen 2016-01-21 16:04
Diese Frage stelle ich mir jeden Morgen und jeden Morgen beantworte ich sie mit : JA! Und dafür bin ich dankbar.
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