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Ich habe es immer geliebt, zum Meditieren in ein fremdes Land zu reisen. Für Jahrzehnte bestand mein Urlaub darin, ein langes Retreat irgendwo im Ausland zu machen. Die Retreat-Zentren lagen oft abgeschieden, fern vom Touristenrummel. Schon der Weg dahin war abenteuerlich.

In Australien bin ich bei strömendem Regen auf einem winzigen Provinzbahnhof ausgestiegen und hatte keine Ahnung, wie es weitergeht. Damals gab es weder Internet noch Routenplaner. In einem Schnell-Restaurant fragte ich nach dem Weg zum Kloster. Niemand hatte je davon gehört. Taxis gab es hier draußen auch nicht. Ob dies überhaupt der richtige Bahnhof war? Ich kontrollierte noch einmal die spärliche Anreise-Beschreibung des Retreat-Managers und saß tropfnass und ratlos auf meinem Gepäck. Eine Kundin kam zur Tür herein und bestellte ihr Lunch-Paket zum Mitnehmen. Ob sie vielleicht das kleine Kloster kannte? „Klar! Es liegt versteckt am Rande des Regenwalds, ich bring dich besser mit dem Auto hin. Komm, steig ein!" Da war es wieder, mein Reiseglück, dieses An-die-Hand-genommen-Werden von unsichtbarer Führung, das sich bei jeder Retreat-Anreise einstellte, ebenso verlässlich wie die Hindernisse, die in lockerer Reihenfolge meine Motivation testeten.
Wortkarg und missmutig wies mir der Retreat-Manager ein Hochbett im Frauen-Quartier zu. „Wenn du dich eingerichtet hast, geh zum Abt!" Ich war offenbar die erste Teilnehmerin dieses Zweiwochenkurses. Der Abt nahm sich Zeit und erklärte mir die Meditationsregeln in so aufreizend ausführlicher Weise, dass ich ihn nach zehn Minuten unterbrach: „Sorry, aber ich sitze seit fünfzehn Jahren in langen Schweigekursen, ich weiß, worauf ich mich einlasse." Er stutzte. Widerspruch war ihm fremd. Er dachte laut darüber nach, ob er mich gleich wieder nach Hause schicken sollte. Ich durfte bleiben und musste nun jeden Morgen zum Appell antreten. Der Duft von feuchter Eukalyptusrinde, das Geschrei der Laughing Kookaburras, der ganze Zauber des australischen Regenwaldes hat sich in diesem Retreat in mein Gedächtnis gebrannt, ebenso wie zu anderen Zeiten die Wüstenlandschaft von Yucca Valley, das Stromland des Irrawaddy, das Berner Oberland oder der goldene Herbst in New England.
Es gibt heutzutage eine vergleichbare internationale Retreat-Kultur, bedingt durch die Vipassana-Methode, die auf der ganzen Welt mit einer gewissen Ähnlichkeit vermittelt wird. Dennoch hat jedes Kloster, jeder Meister seinen eigenen Stil und seine satten Überzeugungen, was nun richtig und was falsch sein soll. Es ist wirklich lehrreich, sich diesen kulturellen Eskapaden auszusetzen und so allmählich zu erfahren, wie Meinungen und Vorstellungen die Welt bestimmen und doch nicht ausmachen. Es war eine gute Vorbereitung für meine jetzige Erfahrung als Lehrende, die innerhalb eines Jahres in zig verschiedenen Meditationszentren unterrichtet, von denen jedes ausgefeilte eigene Hausregeln hat, die sich so eingespielt haben und bitte sehr auch ohne Wenn und Aber eingehalten werden möchten.

 

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