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Thomas (47) -Ich habe gelernt, meinen Zielen entgegenzuklettern


Ich betreibe Sportklettern, wie jetzt in der Kletterwand, und andererseits Alpinklettern am Felsen. Zum Klettern bin ich über Yoga und die Beschäftigung mit der asiatischen Mystik, der Meditation, gekommen.

Die Gemeinsamkeit zwischen Klettern und Meditation ist das ‚In-sich-Gehen‘. Ich klettere seit etwa vier Jahren und versuche, mir ein bis zwei Mal pro Wochen Zeit dafür zu nehmen. Körperlich beansprucht das Klettern den gesamten Muskelapparat. Mental wird man gefordert wie in der Meditation – die Konzentration richtet sich auf einen Punkt. Gerade beim Klettern erscheint das ‚Im-Augenblick-Sein‘ eine unbedingte Notwendigkeit. Soll mir der nächste Griff an der Kletterwand gelingen, muss ich ganz in der Gegenwart, im Hier und Jetzt verweilen. Ich kann dabei komplett abschalten und habe nur den nächsten Griff, den Augenblick, im Fokus.
Klettern lehrt mich, in der Gegenwart zu leben, denn was die Zukunft bringt, weiß ich nicht. Es ist auch ein Spiel mit meiner Angstgrenze. Für mich ist die Verbindung von Geist und Körper beim Klettern ganz stark spürbar.


Thomas

 

Klettern hat auch Einfluss auf meinen Alltag. Klettern muss man immer zu zweit; einer klettert, der andere sichert. Wenn man fällt, hält einen das Seil beziehungsweise die Person. Ein weiterer Punkt: Wenn ich klettere und dabei einen Fehler mache, dann kann ich gleichsam ‚gesichert‘ scheitern. Und das empfinde ich für mein tägliches Leben als einen sehr wichtigen Aspekt. Ich bin durchs Klettern im Allgemeinen konsequenter geworden, denn in diesem Training gibt es nur eine einzige Richtung – nämlich den nächsten Schritt nach vorne, nach oben, meinem Ziel entgegen.

Foto © Michael Nagl

Kommentare   

# Musicus 2015-12-09 11:46
Ich bin wegen des Felskletterns nach Österreich gekommen. Ich kann obiges nur bestätigen.
Nie war ich so „ beieinander", wie die Österreicher sagen, wie bei und nach dem Klettern. Leben wird am ehesten erfahren bei Todesgefahr. Verletzungsgefahr und mehr ist beim Klettern trotz Sicherung immer möglich. Hinzu kommen die objektiven Gefahren, die die Natur oft unkalkulierbar bereithält. Die Nähe der Natur, d.h. das Agieren in der Natur, abseits unserer Zivilisation, das Ausblenden jeder Ablenkung, die Konzentration auf ein Ziel, welches unmittelbar im Jetzt vor mir liegt, das Bewusstwerden meiner Kleinheit, Verwundbarkeit, die Reduktion auf das Wesendliche, alles das und noch mehr ist eigentlich eine konzentrierte, buddhistische Übung, die befreit und beglückt. Die schönsten Momente des Lebens verdanke ich so dem Klettern. Den Buddhismus lernte ich erst später kennen, und mit ihm die Deutung des Erlebten.
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