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Tun und lassen, was man will, wann man will, wo man will – das sind Qualitäten, um die die Bindungsfrau die Single-Frau oft beneidet. Man muss sich nicht zu Tode flexibilisieren, kann sich auch mal ‚tot‘ stellen, wenn es an der Türe klingelt, und braucht seine Urlaubsziele nicht nach den Vorlieben des Partners oder der Kinder ausrichten. So weit das Trugbild.

Das Spiegelbild zeigt eine neuerdings 50-Jährige, die plötzlich mit Schmerzen an delikater Stelle aufwacht und sich überlegt, ob der Zeitpunkt dafür wohl irgendeine Bedeutung haben könnte. Denn an einem Nabel wie Marrakesch mit gesundheitlichen Unzulänglichkeiten konfrontiert zu werden, zieht bei aller Liebe zu arabischen Reisezielen dann doch die eine oder andere Unsicherheit nach sich. Bleibt mir nur der Weg auf den staubigen ‚Grand Place‘, wo einem auf Wunsch beispielsweise ganz ungezwungen und buchstäblich ritsch ratsch ein Zahn gezogen werden kann? Könnten die heimlichen Heiler für die delikate Malaise in einem Korb leben und durch Flötenmusik angeregt kurz rauszischeln und damit das Ungemach vertreiben? Man/Frau weiß es nicht, will es auch nicht wissen. To make a long story short: Es muss ausgesessen werden. Im Café des Epices, im Flieger nach Hause und nach einem Besuch in der heimischen Ambulanz ein Wochenende lang auf dem vertrauten Sofa. Der Schmerz verdammt zum Nichtstun, was wiederum in massive Selbstbeobachtung mündet und man in weiterer Folge, wenn schon nicht das Gras, so doch etwas anderes wachsen hört.

Am Montag dann die erlösende, wenn auch schwere Nachricht, dass man unters Messer muss. Viele anteilnehmende Stimmen, einige mit ähnlichen Erfahrungen, andere mit ängstlichen Fragen im Subton, ob das ansteckend sei, weil das ‚gerade so viele haben‘. Das Taxi wartet und ich muss vertrösten, weil die Zeit knapp ist. Frühstücken ist nicht in jedem Fall gut, vor allem vor unerwarteten Operationen zieht sich dadurch alles etwas in die Länge. Zu liegen kommt man neben einer alten Dame, die von ihrem Mann rührend betüddelt wird, während man selbst die Wartezeit mit dem Lesen der ‚Wolfsfrau‘ verbringt. Und vor Schmerz jault. OP verläuft gut, man wacht auf, isst und denkt sich, dass es jetzt schön wäre, auch jemanden zum Betüddeln zu haben. Jemanden, der sich freut, weil man die Augen geöffnet hat, und dem es nichts ausmacht, wenn man ihn auf den ersten Blick nicht erkennt. Nicht dass ich keine diesbezüglichen Angebote gehabt hätte! Doch wer die Unabhängigkeit wählt, kann manchmal eben auch stur und kurzsichtig darin verharren. Wurscht, denn ich bekomme unerwartet Besuch, der mich die kleine Sehnsucht vergessen lässt.

Die Genesung schreitet schneller voran als gedacht, ich darf nach Hause. Taxi oder Hilfe aus meinem Umfeld? Wieder stur oder offen für Geschenke? Ich entscheide mich für Letzteres und bitte einen lieben, jungen Mann, mich abzuholen. Das versorgt mich – so ganz nebenbei – auch noch mit Heiterkeit, guter Laune und Zuversicht. Doch am Abend werde ich zur ersten Nachsorge in die Praxis meines Wunderdocs bestellt. Stur oder geschenksbereit? Da man positive Erfahrungen gerne wiederholt, nehme ich das Angebot einer lieben Freundin an und verknüpfe das auch gleich mit einem kurzen Tratsch über Urlaub und Unumgängliches. Am nächsten Tag folgt der letzte Termin und ich werde zum Geschenke-Junkie. Meine liebe Nachbarin, selbst etwas angeschlagen, setzt mich trotzdem praktisch am Gynstuhl ab und ich lade sie danach zu einem gemütlichen Kaffee in der Frühlingssonne ein.

Ich war immer ein Mensch, der stolz darauf war, Dinge selbst und eigenständig regeln zu können. Man will ja niemandem etwas schulden. Doch jetzt denke ich mir, dass ich auf so viele Geschenke verzichtet habe, die mir Menschen aus vollem Herzen zu geben bereit sind. Das beglückt und macht demütig. Dankbar sowieso.

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