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In unseren Breiten wird Yoga vor allem mit körperlicher Flexibilität und Entspannungstraining in Verbindung gebracht. Doch es ist viel mehr. Das ‚Yogasutra‘ von Patanjali, ein Grundlagenwerk der Yogaphilosophie, zeigt den achtgliedrigen Weg zur höchsten Befreiung.

Definiert wird Yoga als Zustand, in dem die Bewegungen des Citta, des meinenden Selbst, in eine dynamische Stille übergehen. Das ist keine banale Sache und vermutlich nicht bloß durch ein paar Verrenkungen möglich. Die acht Übungselemente sind Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyanam und Samadhi. Ich möchte auf sie in den nächsten Wochen näher eingehen.

Beginnen wir mit Yama. Das sind fünf Regeln, die unser Verhalten gegenüber anderen Menschen definieren. Ethische Verhaltensempfehlungen bilden in allen authentischen Traditionen eine spirituelle Grundlage. Werden diese perfektioniert, so erlangen wir, laut Yogasutra, besondere Fähigkeiten.

Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, bezieht sich nicht bloß auf unser Handeln, sondern ebenfalls auf unsere Gedanken und Worte. Ein vegetarischer und veganer Lebensstil oder ein liebevoller Umgang mit anderen kann einer Haltung der Gewaltlosigkeit entspringen. Wird Ahimsa gemeistert, bildet sich eine Insel der Friedfertigkeit um uns.

Satya, die Wahrhaftigkeit, setzt voraus, dass wir ehrlich zu uns und anderen sind, nicht lästern, keine Halbwahrheiten verbreiten und unsere Kommunikation nicht für Beleidigungen oder Angriffe missbrauchen. Wer Satya perfektioniert, dessen Worte und Aussagen werden Wirklichkeit.

Asteya, das Nicht-Stehlen, wird vervollkommnt, wenn wir weder nehmen noch wollen, was anderen gehört, also auch in Gedanken nicht stehlen. So erhalten wir alle Kostbarkeiten dieser Welt, verspricht das Yogasutra.

Brahmacharya bedeutet wörtlich ‚im Bewusstsein Brahmans‘, des Höchsten, zu verweilen. Es verweist auf die Enthaltsamkeit oder den bewusst kontrollierten Umgang mit der kreativen, sexuellen Lebenskraft. Wem das gelingt, dem sei eine immense Kraft garantiert.

Aparigraha, die Anspruchslosigkeit, impliziert eine losgelöste Haltung gegenüber Dingen, Gütern und Erfahrungen. Dieser Zustand erlaubt tiefe Einsicht in die eigene Vergangenheit bis hin zum Einblick in vergangene Leben – so heißt es in der großen Schrift der Yogis.

Fazit: Wer also ständig zankt, andere beneidet oder ins Lächerliche zieht, macht genau genommen noch kein Yoga, sondern höchstens fesche Gymnastik. Einen Gedanken wert, möchte ich meinen!

Buchtipp: ‚Patanjali. Das Yogasutra. Von der Erkenntnis zur Befreiung. Einführung, Übersetzung und Erläuterung von R. Sriram‘, 2006 im Theseus / Kamphausen Verlag.

Kommentare   

# Merula Eleni Rubecul 2016-06-27 13:28
Ich meine es wäre spannend, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von buddhistischen und yogischen «Ethik-Reglen» auszuleuchten. Oder gabs das bereits in Eurem Heft?
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