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... weshalb ich nach der Flaschenaktion am Nachmittag (siehe Blogbeitrag von vergangener Woche) abends noch ein weiteres Ritual zelebrierte. Man kann mir viel nachsagen, aber gründlich bin ich, wenn ich von etwas überzeugt bin. Das Ergebnis war ein anderes, als ich erwartet hatte.

Die Aufgabenstellung war, sich für zwei Stunden ins Badezimmer zurückzuziehen, das warme Wasser mit Meersalz, Lavendel-, Orangen-, Basilikum- und Eukalyptusöl anzureichern und sieben Blätter Papier samt Stift bereitzulegen. Außerdem hatte ich eine Schüssel neben mir stehen. Und während ich die Kerzen anzündete, bat ich um Kraft für meine Seele und Sicherheit für alles, was ich erfahren würde. Ermutigt durch die nachmittäglichen Erfahrungen war ich mir sicher, dass alles gut sei, dass das Kommende die Krönung des Tages werden würde.

Auf jedes dieser Blätter sollte ich schreiben, worauf ich im Leben schwer verzichten kann. Dann folgte eine Priorisierung dieser Blätter. In der Anleitung stand, dass das relativ viel Zeit in Anspruch nimmt; dass ich schnell damit durch war, schrieb ich der neu gewonnenen Klarheit zu. Und selbst als ich dazu angehalten wurde, in umgekehrter Reihenfolge jedes Blatt in die Hand zu nehmen und mich davon zu verabschieden, auch zu trauern, war ich noch einigermaßen guter Stimmung. Gelassen sagte ich „Lebewohl“ zu Platz sieben bis fünf und legte sie in die Schüssel. Insgeheim lobte ich mich sogar ein bisschen für meine Coolness. Doch wie immer, wenn ich mich übermütig, zu sicher oder zu unbeschwert fühle, zogen auch hier graue Wolken auf. Denn bei Blatt vier wurde mir schon schwer ums Herz, Blatt drei wässerte meine Augen, Blatt zwei beförderte die Tränen über meine Wangen und bei Blatt eins schluchzte ich in das Badewasser.

Ich hatte das Gefühl, dass ich alles, was mir im Leben wichtig war, so losgelassen hatte, dass mir nur meine leeren Hände blieben, ein leeres Herz sowieso und mein Kopf eine verwüstete Betonhalle ohne Ausgang. Von wegen ‚in Sicherheit‘, von wegen ‚alles gut‘, von wegen ‚Kraft für meine Seele‘. Selten in meinem Leben habe ich mich so verloren gefühlt, während der Badewasserspiegel und dessen Salzgehalt anstiegen. Was machte mein Dasein jetzt aus, wo ich es von allem befreit hatte, was ihm Bedeutung gegeben hatte? Woran ich geglaubt, worauf ich vertraut hatte?

Mir wird nachgesagt, dass ich in hohem Maße katastrophentauglich bin. Spätestens seit einem Hausbrand, der meinen Blutdruck um keinen Torr weiter in die Höhe hat steigen lassen, als es ein Ruhepuls zulässt, glaube ich das auch. Insofern kann ich mich ziemlich schnell wieder einnorden. Also legte ich meine Nase mit einer halben Packung Papiertaschentücher trocken und widmete mich dem nächsten Schritt.

Mit meinen leeren Händen sollte ich jetzt die Blätter in der Schüssel an mein Herz drücken und mir bewusstmachen, dass ich alles haben könne, allerdings anders. Dass das, was ich losgelassen habe, zu mir gehört, aber nicht mir. Dass ich mit Menschen zusammen sein kann, ohne mich mit ihnen zu verstricken oder ihnen anzuhaften. So pathetisch es jetzt klingen mag: Die Tränen, die jetzt über meine Wangen flossen, waren voller Erleichterung, Verwandlung, Freiheit. Und auf einmal war tatsächlich alles gut, ich spürte die Kraft meiner Seele und fühlte mich unglaublich aufgehoben. Das warme Bad tat mir gut nach der inneren Reise, der anschließende frühe Schlaf auch. Am nächsten Tag fand sich auch der Mensch wieder in meinem Leben, den ich à la Nils Holgersson der Ente auf den Rücken gesetzt hatte. Aber anders. Nicht weil er es gewesen wäre. Ich war es.

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