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Manchmal sollte, ja muss man etwas tun, das keinen offensichtlichen Sinn ergibt. Denn wer nur dem Nützlichen folgt, wird irgendwann zum Berufspragmatiker und vergisst den Zauber des Lebens. Dessen Fluss zu folgen ist das eine. Absichtlich gegen denselben zu schwimmen braucht Überwindung.

Aktuell soll es ja Menschen geben, die die Sinnhaftigkeit der Entscheidung, Bob Dylan den Literaturnobelpreis zu verleihen, anzweifeln. Wie kann das sein, wo es von dem Mann kaum Bücher gibt? Und Songs sind schließlich alles andere als Romane, Novellen oder Kurzgeschichten. Wenigstens kann man gepflegt darüber streiten, ob Dylans Texte Literatur sind oder einfach nur einem Rhythmus angepasste Worte.

Will man mit jemandem über Dada-Gedichte und -Texte streiten, fällt das schon schwerer. Denn in unserer pragmatischen Zeit ergeben diese nämlich überhaupt keinen Sinn. Und doch hatten sie zu ihrer Hoch-Zeit eine wichtige Funktion, um gegen bürgerliche Ideale zu rebellieren. Dass das auch heute manchmal noch notwendig wäre, ist eine andere Geschichte. Damit Sie sich etwas vorstellen können, hier das Dada-Gedicht von Kurt Schwitters namens ‚Cigarren‘:

Cigarren
Ci
garr
ren
Ce
i
ge
err
err
e
en
Ce
CeI
CeIGe
CeIGeA
CeIGeAErr
CeIGeAErrEr
CeIGeAErrErr
CeIGeAErrErr
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garr
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Cigarren (Der letzte Vers wird gesungen.)
Quelle: http://members.peak.org/~dadaist/English/TextOnly/cigarren.html

Während meiner literarisch angelegten Ausbildung zur Schreibpädagogin sah ich mich mit der Aufgabenstellung konfrontiert, ein Dada-Gedicht zu schreiben. Als Journalistin bin ich es gewohnt, dass alles Hand und Fuß haben muss. Dass die Sätze vollständig und im besten Fall schlüssig zu sein haben. Ich löcherte die Dozentin mit meinen Fragen, wie ich den Text denn zu schreiben hätte, weil ich einfach nicht begriff, ja begreifen wollte, dass ich einen offensichtlich sinnlosen Absatz schreiben sollte. Ich brauchte ewig. Und das nicht deshalb, weil mir die Worte fehlten, sondern weil ich Überzeugungsarbeit leisten musste. Bei mir selbst. Ich rang mit mir auf einem kalten Fensterbrett mit Blick in eine karg eingerichtete Wohnung, in der asiatisch aussehende Menschen Vorhänge durch Handtücher ersetzten. Womit ich mich dann selbst einfing, war die Erkenntnis, dass ich auch sonst auf Bestellung schreiben würde und das ganz gut hinbekomme. Wenn also nun die Bestellung ein Dada-Gedicht ist – bitte schön. Normalerweise bekomme ich für meine Texte Anmerkungen wie ‚blumige Sprache‘, ‚geistreich‘, ‚feine Klinge‘. Die Wirkung des scheinbar sinnlosen Gedichts war zum einen ein Aggressionsschub und zum anderen Tränen, weil man das, was man hörte, nicht verstand. Ich bekenne es ungern: So viele unmittelbare Gefühle hat vorher und nachher nie wieder ein Text von mir ausgelöst.

Eine ähnliche Erfahrung wie mit der Selbstüberwindung beim dadaistischen Schreiben hatte ich bei einem Kurzworkshop über kosmische Sprache. Ich interessiere mich für alles, was mit Sprache zu tun hat, doch von kosmischer Sprache hatte ich noch nie etwas gehört. Also nichts wie hin. Ich befand mich in der klassischen Gruppensituation zu Themen wie diesen – zwölf Frauen und zweieinhalb Männer. Der zehnjährige Bub hat mehr geredet als die erwachsenen Geschlechtsgenossen. Doch wurscht. Es war viel die Rede von der Bibel und der Zungensprache, von Inkarnation, dem Dalai Lama und dem eigentlichen Thema, auch Brabbelsprache genannt. Im Idealfall verstärke sie das Lichtfeld um einen herum, öffne das Kronenchakra und wecke die Heilerin, wahlweise den Heiler, in einem. Nach der theoretischen Einführung wurden wir animiert, die kosmische Sprache in uns zu spüren und auszudrücken. Eine Mittsechzigerin wollte wissen, wie das gehe. Wie das zu klingen habe. Wo das herkomme. Diese Art des Fragens kam mir bekannt vor – siehe Dada-Gedicht. Doch da ich schon einmal einen scheinbar sinnlosen Auftrag ausgeführt hatte, war die kosmische Sprachübung kein wirkliches Problem für mich. Ich konnte es gut ertragen, dass aus meinem Mund Silben kamen, die im herkömmlichen Sinne keinen solchen ergaben. Ich nahm das Gebrummel, Gewispere, Gemurmel, Gesinge um mich herum wahr, blickte auf ein Ehepaar, das sich beim Sprechen ansah und zu verstehen schien – auch jenseits von Inhalt. Und auch der Bub sprudelte über vor Dingen, die er zu erzählen hatte, und strahlte dabei. Die einen bekamen einen warmen Bauch dabei, die anderen eine kribbelnde Oberlippe, der Mann neben mir eine kleine Identitätskrise. Für mich war es eine Sache des Loslassens, des Aufgebens von Sinnhaftigkeit und der Neugierde, was daraus entsteht. Ich kann berichten: Der Kopf war angenehm leer, ich fand meinen Grundton, der immer dann auftaucht, wenn ich in meiner Mitte bin. Und die beiden herzförmigen Post-its, die ich zur Erinnerung mitbekommen habe, klebe ich an Stellen, wo mir das Brabbeln leichtfällt. Vielleicht ins Badezimmer oder in die Küche. Und wer weiß? Möglicherweise finden Sie nächste Woche an dieser Stelle einen Beitrag in kosmischer Sprache. Bleiben Sie dran.

 

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