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Vor einigen Tagen in Berlin. Klirrender Sonnenschein, sonntägliche Shopping-Sperrstunden, Ausschau nach Inspiration für den Alltag zu Hause. Die S-Bahn fährt am Museum für Fotografie vorbei und ich kann meine Leihtochter zu einem Besuch motivieren. Als wir das Gebäude verlassen, sind wir gleichermaßen aufgewühlt.

Der Bahnhof Zoologischer Garten ist ja Menschen meiner Generation als Meilenstein der deutschsprachigen Buchgeschichte bekannt - ‚Wir Kinder vom Bahnhof Zoo‘ wird zu den erfolgreichsten Sachbüchern der Nachkriegszeit gezählt. Das Bild von der drogensüchtigen 15-jährigen Christiane F. haben wohl noch viele im Kopf, wie sie im Film dargestellt wurde: strähnige Haare, ein ausgemergelter Leib, Augen voller Hoffnungslosigkeit. Schwer zu ertragen. Meinte damals auch meine Oma, die sich den Film extra anschaute, um meinen Eltern eine Entscheidungsgrundlage für die Erlaubnis zu einem Kinobesuch geben zu können. Ich habe den Film erst als Erwachsene gesehen.

Unweit dieses Bahnhofs befindet sich auch das Museum für Fotografie und die darin angesiedelte Helmut Newton Foundation. Helmut Newton – auch so ein Relikt aus meinen 1980er-Erinnerungen. Nicht er als Person, sondern diese großen, schlanken, nackten Frauen, auf die wir in diesem ehemaligen Landwehr-Kasino treffen. Ich hatte diese Bilder schon vergessen, wie vieles, was damals aktuell war – Schulterpolster, Limahl, ‚Der Preis ist heiß‘. Gut, fotografiert hatte er ja schon lange vorher, aber meine erwachende Weiblichkeit hatte diese Art Frau jenseits meiner täglichen Wahrnehmungen inmitten von Bergen erst damals zu Gesicht bekommen.

Hier waren sie also wieder, in Megagröße, im Treppenhaus über den roten Teppichen schwebend. An den Wänden, in Vitrinen und im Gefühl, dass dieser Mann beherrscht gewesen sein muss von dieser Art von Frausein. Eine, die sich völlig entblößt und trotzdem eine Dominanz ausstrahlt, dass man einen Rundrücken bekommt beim Hinschauen. Selbst als Frau. Und wir fragen uns unweigerlich, warum dieser Mann unsere Geschlechtsgenossinnen fast ausschließlich von dieser Seite fotografiert hat. In einem Film hören wir, dass er sich vom Sado-Maso-Prinzip angezogen fühlte, was einiges erklären könnte, aber nicht alles. Meine Tochter meinte, er hätte ein Problem mit seiner Mutter gehabt. Auch möglich. Fakt ist: Keine einzige ‚seiner‘ Frauen lächelt. Ihre Mienen sind wie aus Stein gemeißelt, wie ihre Körper und ihre Haltungen. Sie sind Statuen einer kalten Weiblichkeit.

Vor Jahren hatte ich ein Gespräch mit einem jungen Mann. Ich wollte wissen, wie er reagieren würde, zöge sich eine Frau nackt vor ihm aus. Vor kurzem das gleiche Thema mit einem Mittdreißiger. Die Antwort war ident: „Ab in die Kiste!“ Doch haben Newtons Frauen auch diese Wirkung? Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass Männer lieber Frauen ‚jagen‘, die ihnen die kalte Schulter zeigen, sich dem Erbeutetwerden so weit wie möglich entziehen. Doch an diesen Frauen frieren selbst die ambitioniertesten Jäger fest, habe ich den Eindruck.

Welches Bild von Weiblichkeit erzeugte das in den Köpfen der 1980er-Frauen? Heute wird viel darüber diskutiert, wie Fotos, Filme und Fernsehserien junge Frauen von ihrer Natürlichkeit wegführen. Hat es damals schon begonnen? Das mit den Stöckelschuhen war immer mein Traum, auch wenn ich bis zum heutigen Tag nur mühsam auf High Heels vorwärtskomme. Wenn ich muss, kann ich, aber ich achte darauf, nicht zu oft zu müssen. Das Hünenhafte werde ich allerdings in diesem Leben nicht mehr schaffen. Schlank zu sein gelang mir und glaube ich den Worten meines Jüngsten, bekomme ich sogar einen arroganten Gesichtsausdruck manchmal hin. Doch meistens lächle ich wie die Frauen, die Newtons Gattin Alice Springs fotografiert hat. Am liebsten breit. Weil’s einfach glücklicher macht, als affig zu schauen. Und genau das ist es, was mich an Newtons Bildern provoziert. Dieses ‚Mich kann nichts erschüttern‘-Gehabe. Denn ich kann gar nicht anders, als mich immer wieder erschüttern zu lassen. Manche würden sagen, dass ich genau diese Situationen suche, um mich zu spüren in dieser schnelllebigen Zeit. Wo so vieles berühren könnte, aber ebenso vieles an der Oberfläche bleibt, weil 24 Stunden einfach nicht ausreichen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Was mich nicht loslässt: Die nackten Frauen strahlen trotz ihrer scheinbaren Blöße eine Stärke aus, die vielen in angezogenem Zustand fehlt. Als wären sie mit ihrer Nacktheit bewaffnet. In mir tauchen Bilder von Soldaten auf, die von Kopf bis Fuß mit Karabinern, MGs und Panzerfäusten behängt sind. Plötzlich spüre ich deren Angst, die diesen Frauen gänzlich fehlt. Sie haben nichts außer sich selbst, und das setzen sie ein. Oder auch nicht. Aber sie brauchen dafür kein Budget, keine Erlaubnis, keine Lieferanten. Sie haben alles, was nötig ist, um in dieser Welt zu reüssieren. Ob sie es einsetzen oder nicht – und ich spreche nicht nur von ihrer Nacktheit -, entscheiden sie selbst. Und das ist es schlussendlich auch, was mich das Museum mit einer passiv-aggressiven Haltung verlassen lässt, nämlich mit der Frage: Setzen wir Frauen wirklich alles ein, was uns zur Verfügung steht? In wertschätzender, intelligenter, ästhetischer Art und Weise? Ich bin unsicher.

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