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Dass so ein Jahr am Ende doch ganz schön viel Kraft gekostet hat, merke ich immer in der Vorweihnachtszeit. Da schreibe ich Briefe und Mails an all jene, die mir lieb und wertvoll sind. Neben mir: eine große Box mit Taschentüchern.

Angefangen mit diesen ausführlichen Weihnachtsbriefen hat mein Vater. Sie waren stets als ein kleiner Jahresrückblick angelegt, manchmal mit Mahnungen versehen, aber hauptsächlich auf das Gute und Schöne konzentriert. Und irgendwann einmal wurde auch in mir das Bedürfnis groß, solche Briefe zu verfassen und zu verschenken.

Das führt allerdings dazu, dass sich meine Besinnlichkeit in Tränen badet. Denn mir wird durch das Schreiben vielerlei klar über die Adressaten. Was sie in diesem Jahr durchlebt, gefühlt und bekämpft haben. Wie sie damit zurecht gekommen sind und/oder sich entwickelt haben. Und welche Bedeutung sie für mich haben. Das drückt sich dann durch Erinnerungen aus, die das fast abgelaufene Jahr geschaffen hat. Und auch wenn ich von Tag zu Tag lebe, beim Schlafengehen wirklich abschließe und mich in der Früh oft gar nicht mehr an Einzelheiten des Vortages erinnere, fallen mir beim Briefeschreiben diese Dinge wieder ein.

Offenbar gelingt mir da die Fokussierung, weil ich mich auf einen lieben Menschen fokussiere. Und da diese Menschen sehr zu meinem Lebensglück und meiner Zufriedenheit beitragen, überwältigt mich in diesen Momenten die Dankbarkeit. Ich bin froh, von ihnen begleitet, mit Hirn- und Herznahrung versorgt und gefördert zu werden. Und ich erinnere mich beim Briefeschreiben an die vielen Momente, in denen ich das ganz konkret gespürt habe. Selten sind es große Verwerfungen oder exorbitante Erlebnisse – vielmehr fallen mir dann die kleinen Gesten, explosives Lachen oder eine Stimmung ein, die ich teilen durfte.

Ich fühle mich in Zeiten des kommerziellen Überflusses einfach reich beschenkt durch die Menschen in meinem Leben. Natürlich gehe ich auch gerne einkaufen, und es macht mir Freude, leuchtende Augen zu sehen, wenn die Verpackung fällt. Und ich freue mich auch über die materialisierten, die ich bekomme. Doch am wertvollsten scheinen mir in der heutigen Zeit gemeinsame Stunden zu sein. Weil sie Herz und Hirn wärmen, weil sie am Ende des Jahres übrig bleiben, weil sie von Wert sind.

Und genau daran erinnere ich mich in meinen vorweihnachtlichen Schreiben, die übrigens inzwischen auch von jungen Menschen sehr geschätzt werden. Anfangs waren sie begleitet von einem Stoßseufzer über die Länge der Texte – jetzt habe ich schon gehört, dass die eigentlichen Geschenke meine Briefe sind. Und vielleicht trägt das ja dazu bei, dass diese Tradition von meinen Kindern eines Tages an ihre weitergetragen wird. Ich bin ja der Meinung, dass man damit nie früh genug anfangen kann, weil jeder diese Art von Zuwendung braucht. Andererseits hat jeder eine eigene Geschwindigkeit – auch beim Briefeschreiben.

So, jetzt muss ich aufhören – kurz vor 12, und meine Zigarettenschachtel ist leer. Briefeschreiben geht nur mit „Fluppen“, wie es eine norddeutsche Freundin salopp formuliert. Es sind noch viele Briefe zu schreiben – die Taschentücher liegen bereit.

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