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Eine Woche statt eines Monats – wer nach Afrika fährt, muss mit allem rechnen. Vor allem damit, sich selbst zu begegnen. Und zu entdecken, dass sich das Leben südlich des Äquators wirklich andersherum drehen kann. Pläne auf den Kopf stellt. Und zum Handeln zwingt, wo Nichtstun erhofft gewesen wäre.

„Du hast ein Rekrutierungsproblem“, sagt Richard, als er mit verbranntem Gesicht neben mir im Liegestuhl liegt, weil er unbedingt mit einem Katamaran vier Stunden in der Mittagshitze aufs Meer wollte. Man könnte seine These mit dem Rekrutierungsproblem auch dem Sonnenstich zuschreiben, den er zweifellos hat. Oder seiner Lebenserfahrung, dass man nur mit einer Frau an seiner Seite durch Wände gehen kann. Richard ist Single, nach 16 Jahren wieder. Beim Auszug aus dem Reihenhaus hat er sich einen Jaguar gekauft und lebt nun bei einem Freund, dessen Frau für drei Jahre nach Asien gegangen ist. Dass er keinen Kontakt mehr zu den Töchtern seiner Ex hat, tut ihm leid. Die Ex selbst kann ihm gestohlen bleiben. Kunststück, lässt er sich doch jetzt durch Tansania treiben. Und langweilig wird ihm nicht, denn Richard zieht Menschen mit Bedürfnissen an wie Schweiß die Moskitos.

Da sind die beiden Burschen mit dem hoffnungsvollen Blick auf einen Sugardaddy, der ihnen ein Motorrad finanziert. Und die Frau mit ihren beiden Kindern, die ihr Handy im Taxi vergessen hat und jetzt vom Finder um einen für sie unleistbaren Betrag erpresst wird. Und der junge Biologe, der zwei Stunden nach der Heimreise seiner Mutter auf eine Frau trifft, die sich ihm praktisch vor die Füße wirft, der aber nicht in die Gänge kommt. Richard weiß Rat, hat eine Taktik, kennt das Ziel. Am Ende der Woche haben David und Bodi einen Business-Plan für ihr Tuk-Tuk, das Handy ist zur Besitzerin zurückgekehrt und das junge Liebespaar verlässt die Strandhütte nur mehr zum Baden.

Die Einzige, die nichts von Richard wollte, bin ich. Und ich habe – wie gesagt – ein Rekrutierungsproblem. Das wirkliche Problem ist, dass ich keine Bedürfnisse habe. Zumindest keine, die mit der Rekrutierung eines Mannes beseitigt würden. Niemand kann aus meinem Kabuff hinter Hasendraht einen annehmbaren Raum mit Platz zum Umdrehen machen. Niemand kann die drei Meter hohen Lautsprecherboxen vom Nachbargrundstück schieben, die meine Hütte stundenlang zum Wanken bringen. Niemand stellt mir eine Süßwasserdusche hin, um mich vor der Ganzkörperversalzung zu retten. Und niemand macht mich gesund, nimmt mir die Atemnot, baut sich ritterlich vor der Malariaprophylaxe auf und schreit „Stopp!“ bei den Nebenwirkungen.

Ich habe schon alleine deshalb kein Rekrutierungsproblem, weil ich ja Richard kennengelernt habe. Und Robert. Und Mick. Und Joe. Aber das meint Richard natürlich nicht. Er meint das, was er sich zu seinem Geburtstag schenken lässt. Eine Nacht mit einer jungen Tansanierin. Und plötzlich weiß ich, warum ich des Sextourismus bezichtigt wurde, bevor ich in den Flieger gestiegen bin. Weil es hier am Strand tatsächlich um Sex geht. Immer und überall. Offen und subtil. Um Gelegenheiten, die man nutzen muss. Meint Richard.

Ich sehe meine Gelegenheiten. Glühende Augen. Glänzende Körper. Gleißende Zähne. Und ich erinnere mich an Charles, den ich vor 25 Jahren auf Malta kennengelernt hatte. Er sprach in Liedtexten, sein Lieblingssong war ‚Love on the rocks‘. Das hatte was, aber am Ende doch zu wenig. Seitdem sind meine Urlaubserinnerungen männerfrei. Und das bleibt auch so. Mir rauben andere Dinge den Atem. Dass sich Frauen in Tansania ihr Studium durch Prostitution verdienen. Weil es keine anderen Jobs gibt. Dass es Männer gibt, die das ausnutzen. Dass Frauen kleine Fische und Männer große Fische handeln, weil nur sie die nötige Bildung haben, um Hotels mit Meeresgetier zu versorgen. Und dass die Jugend trotzdem in einer lauten, heißen, stinkenden Millionenstadt das kreative Bongo-Potenzial für eine bessere Zukunft sieht. Und sich in die Wellen wirft. Und lacht. Und hofft.

Ich mache jetzt Urlaub zu Hause – und träume weiterhin von Afrika. Auch von Tansania.

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