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Jeder passionierte Strandläufer kennt das Gefühl, wenn der Sand unter den Füßen nachgibt und man sich Schritt für Schritt vorwärts kämpft. Nachdem mir das versagt geblieben ist, stärke ich meine Unterschenkelmuskulatur im Schnee.

Weil ich gerade dabei bin, meinen Körper zu achten – frei nach Teresa von Ávilas „Tu Deinem Leib etwas Gutes, damit Deine Seele Lust hat, darin zu wohnen“ -, habe ich mich zu einem kurzen Wellness-Urlaub in einem Bergdorf entschlossen. Aromagrotte, Kräuterwickel, Brechelbad – solche Sachen. Grundsätzlich stehe ich Unternehmungen dieser Art eher kritisch gegenüber, weil ich fest daran glaube, dass man mit der Heimkehr die wohltuenden Vorsätze, die solchen Tagen entspringen, schneller vergisst als einen Nadelstich. Doch da ich ja eigentlich nach wie vor in meinem Jahresurlaub bin und Tapetenwechsel schätze, pflüge ich mich durch den großporigen Schneefall in ein Vitalhotel.

Die Wände voller Herzen und Engel, und ich stelle fest, dass mir ein bisschen Kitsch, ein bisschen Rosa ganz guttut. Manch einer hat mir ja bereits Schönfärberei unterstellt, hier bin ich damit genau richtig - und sehr entschlossen, mich zu entspannen. Das beginnt bei mir meist mit dem Essen. Ich koche gerne, auch weil ich den meditativen Charakter des Schnipselns und Rührens schätze. Doch Entspannung heißt bei mir immer auch: bekochen lassen - ich werde hier dreimal täglich gefüttert. Hurra!

Während es draußen weiter schneit, entschließe ich mich zu einem langen Spaziergang ohne Kopfhörer. Störende Geräusche sind am Ende der Bergwelt kaum zu erwarten. Und tatsächlich bleiben sie aus und geben einer Ruhe Raum, die ich aus meiner Kindheit kenne. Wenn eine Kuhglocke auf der Wiese vor dem Fenster gebimmelt hat, empfand man das bereits als akustische Körperverletzung. Alles, was ich vernehme, ist das Knirschen meiner Schritte im Schnee. Und hin und wieder ein „Griaß di“.

Am Anfang wundere ich mich noch über die Ansprache und das Duzen. Doch ich merke schnell, dass das hier zum guten Ton gehört. Und dabei wird kein Unterschied gemacht, ob man einheimisch oder auswärtig ist. Es ist ein ‚Ich nehme dich wahr‘, das ich als sehr wohltuend und dem Wellness-Charakter meines Aufenthalts angemessen empfinde. Höre ich den Gruß nicht, weiß ich, dass ich gerade einem Touristen begegne. Und während ich in einem Geschäft nach einem Geburtstagsgeschenk suche, höre ich: „Ich brauche etwas zum Anziehen für eine Hochzeit.“ Wieder etwas ziemlich Befremdliches für mich, die normalerweise zielsicher durch Bekleidungsgeschäfte laviert und meist weiß, was sie will. „Wir haben viel Kundschaft aus der Stadt, die dort Beratung vermisst“, erzählt mir später die Verkäuferin. Auch das kann eine Art Wellness sein, denke ich mir. Die Entscheidungsverantwortung für Äußerlichkeiten kurzfristig abzugeben.

Was mich zur typischen Wellness-Bekleidung in vielen Hotels bringt. Im Bademantel zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Kaffeetrinken. Ich habe mich nie daran gewöhnen können, dass man sich derart leger in Gesellschaft bewegt. Gut, manchmal erwischt mich ein Briefträger auch im Morgenmantel und Geburtstagsgratulanten haben mir auch schon Blumen überreicht, während ich einem relativen Urzustand gefrönt habe. Doch normalerweise bin ich sehr für eine angemessene Bekleidung, wenn man das Haus verlässt. Oder entgeht mir da etwas, wenn ich mich dem Bademantel-Dasein im Wellness-Hotel verweigere? Ich beginne zu zweifeln, verweigere mich aber trotzdem.

Was mir hingegen tatsächlich entgeht, ist die eine oder andere Zigarette. Klar, Wellness und Wölkchen widersprechen sich. Das Rauchen im Freien birgt bei diesen Temperaturen die Gefahr einer aufgewärmten Bronchitis, weshalb ich mich auf die Suche nach einem temperierten Rauchercafé mache. Einmal um die Ecke biegen und schon lande ich in einer Konditorei, wo sich Frauen mit Kopftuch und Männer in Holzfällerhemden in einer Sprache unterhalten, die ähnlich exotisch klingt wie Suaheli. Ich höre nicht genau hin, lasse die Unterhaltungen um mich herumplätschern und konzentriere mich auf die Stimmmelodien, die heiter-gelassen, wohlwollend und erdig klingen. Und ich begreife plötzlich, dass Wellness nicht Steinöl-Bad und Relaxarium ist, sondern an- und wahrnehmen, was ist.

„Das alles könntest du bei uns auch haben“, höre ich meine Mutter sagen, die mich immer wieder zu Heimaturlaub animieren will. Nicht ganz. Zu Wellness gehört auch, irgendwo irgendwie fremd zu sein. Denn nur das wirft einen auf sich selbst zurück, erweitert den Horizont. Und genau das bedeutet für mich Urlaub: Wellness mit mir selbst.

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