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Das ‚Glasperlenspiel‘ ist für mich die Krönung von Hesses Schaffen, mehr als ein Roman, ein Weisheitswerk, mit starken Anklängen an die chinesische Geistestradition.

Einige Jahre nach seinem Tod wurde Hermann Hesse (1877-1962) zum Kultautor einer ganzen Generation. Einer wichtigen Generation, wie ich meine, weil sie die bestehenden Verhältnisse kritisch unter die Lupe nahm, gegen verhärtete Strukturen aufbegehrte und ihnen neue Lebensentwürfe entgegensetzte. Einer Generation, die suchte und suchte … – nach Wahrheit, Sinn, Selbstverwirklichung, wirklichem Leben. Die Rockgruppe Steppenwolf hatte mit ihrem Titel ‚Born to be wild‘ einen Megahit gelandet, Hippies und 68er das Licht einer neuen Identität angeknipst. Auch für mich war diese Zeit die Tür in ein abenteuerliches Leben, das mich hinaus führte in die Welt und gleichzeitig hinein in die Tiefen des Selbst. Heute noch mehr als damals empfinde ich diese wilde Sehnsucht nach Leben als die stärkste und schönste Kraft, der man sich unbedingt öffnen sollte, um sich von ihr in die Freiheit führen zu lassen. Ich war noch ein Teenager, als ich Hesses Werke zu verschlingen begann – bis auf das ‚Glasperlenspiel‘, das ich schwierig zu lesen fand; damit konnte ich in diesem Alter noch nichts anfangen. 20 Jahre später fand ich mich in genau diesem Buch wieder. Das ‚Glasperlenspiel‘ ist für mich die Krönung von Hesses Schaffen, mehr als ein Roman, ein Weisheitswerk, mit starken Anklängen an die chinesische Geistestradition; Hesse war ein profunder Kenner der gesamten östlichen Philosophie. Verpackt in die ‚Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenen Schriften‘, so der Untertitel, nimmt es den Leser mit auf die spirituelle Suche, teilt mit ihm das Ankommen und den Einblick in die innere, dynamische Struktur des Ganzen (symbolisiert durch das Glasperlenspiel) und entzündet in ihm die Vision einer zukünftigen Kultur. Alle inneren Phänomene bedürfen der Symbolsprache, deren sich Hesse in seinem Spätwerk meisterhaft bedient, um eine wesentliche Grundaussage zu transportieren: Sich in das Spiel des Lebens einzulassen, vollständig einzulassen, das ist die vollendete Form der spirituellen Schulung. ‚Magister Ludi‘. ‚Ludi‘ ist der Genitiv des lateinischen ‚ludus‘, das gleichzeitig ‚Spiel‘ und ‚Schule‘ bedeutet.Josef Knecht ist ein Wanderer zwischen der in ihren Kodices verkrusteten Gesellschaft und einer elitären Gruppe von Spirituellen, Gelehrten, die sich vom normalen Leben losgelöst hat, um sich, unberührt von der Alltagswelt, ihren Studien widmen zu können. Als Knecht jedoch Tito begegnet, einem jungen Mann mit instinktiver Körperlichkeit und intuitiver Intelligenz, der geht, wohin sein Herz ihn führt, und tut, was er am besten kann und was er will, der liebt und sich mit allem verbunden fühlt und die Fähigkeit zu ekstatischer Hingabe besitzt, wendet er sich von der Strenge der Gelehrtenwelt ab – mit der Erkenntnis: „Die Wahrheit wird gelebt und nicht doziert.“ Er folgt Tito, der Hesses Vision des zukünftigen Menschen personifiziert, und geht für ihn in den Tod. Das Alte stirbt, um einer neuen Ära Raum zu geben.

Dr. CHRISTINA KESSLER, geb. 1955, arbeitet und unterrichtet im Rahmen ihres eigenen Ansatzes, den sie in Vorträgen, Seminaren, Workshops und der Ausbildung zum ‚Consultant for Integrative Development‘ weitergibt. Zuletzt erschienen: ‚Wilder Geist – Wildes Herz. Kompass in stürmischen Zeiten.‘, J. Kamphausen 2011. Nähere Informationen: www.christinakessler.com

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