Blog

Eckart Voland ist ein Meister der Sprache und bedient sich ihrer in unvergleichlicher Klarheit und Unmissverständlichkeit, um komplexe Zusammenhänge so zu schildern, dass diese weit jenseits eines Fachpublikums greifbar werden.

„Das Verstehen menschlicher Verhaltenstendenzen wird zentral für die Bewältigung aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen sein.“ Ein Buch, das meine Wissenschaft und mein Denken nachhaltig beeinflusst hat, hieß in einer früheren Auflage noch ‚Grundriss der Soziobiologie‘. Eckart Voland ist ein Meister der Sprache und bedient sich ihrer in unvergleichlicher Klarheit und Unmissverständlichkeit, um komplexe Zusammenhänge so zu schildern, dass diese weit jenseits eines Fachpublikums greifbar werden. Deshalb empfehle ich dieses Buch nicht nur für meine Studierenden ab dem ersten Semester, ich schenke es auch gerne Freunden mit Laieninteresse an wissenschaftlichen und Sachbüchern. Die aktuelle Auflage wurde um die in den letzten zwanzig Jahren gewonnenen Erkenntnisse erweitert.

Die Soziobiologie stellt DIE theoretische Innovation der Verhaltenswissenschaften im zwanzigsten Jahrhundert dar. Mathematische und genetische Modelle erklären Phänomene im menschlichen und tierischen Verhalten. Die dadurch inspirierten neuen Fragestellungen schufen eine neue Relevanz biologischer Forschung für das soziale Miteinander der Menschen.
Wiewohl die Biologie erklären kann, warum bestimmte Verhaltenstendenzen im Laufe der Evolutionsgeschichte entstanden sind, gelten zwei maßgebliche Einschränkungen: Zum einen sind Verhaltenstendenzen durch Wahrscheinlichkeiten beschrieben, es ist also wahrscheinlicher, dass die in der Evolutionsgeschichte vorteilhaften Verhaltensweisen gezeigt werden als andere, wobei eine Abweichung von diesen Verhaltensweisen durchaus möglich ist. Deshalb ist kein Schluss von allgemeinen Phänomenen auf den Einzelfall möglich. Zum anderen stellt die Existenz einer Erklärung der biologischen Grundlage einer Verhaltensweise keinerlei Rechtfertigung dieses Verhaltens dar.
Menschen sind biologische Organismen, die auch Sozial- und Kulturwesen sind. Das komplexe Zusammenspiel von biologischen Systembedingungen mit Umweltfaktoren führt zur Ausprägung von Merkmalen. Die genetische Grundlage kann also niemals ausreichend Informationen zur Erklärung eines Organismus liefern. Eckart Voland beschreibt, wie biologische Rahmenbedingungen im Zusammenspiel mit umweltbedingten Faktoren zur Ausprägung bestimmter Verhaltenskomplexe führen.
Diese im Laufe der Evolution entstandenen Verhaltenstendenzen sind teils Grundlage und in Übereinstimmung mit unseren ethischen Vorstellungen, teils stehen sie in krassem Widerspruch dazu. Die große Herausforderung der Menschheit wird es sein, die biologischen Grundlagen mit unseren ethischen Ansprüchen in Einklang zu bringen. Der wichtigste Schritt dazu besteht im Verstehen des Phänomens. Die Existenz von unliebsamen Eigenschaften zu leugnen ist hinderlich für den Erkenntnisgewinn.
Das Verstehen menschlicher Verhaltenstendenzen wird zentral für die Bewältigung aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen sein: Globalisierung und erhöhte Mobilität, Klimaerwärmung und Ressourcenverknappung können nur unter Berücksichtigung der Verhaltenstendenzen der Einzelnen nachhaltig gelöst werden.

Dr. Elisabeth Oberzaucher, geboren 1974, ist Verhaltensbiologin und Gewinnerin des Ig-Nobelpreises für Mathematik 2015.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren