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Mit 30 fühlte ich mich alt wie nie – weder vorher (klar) noch nachher. Und dann entdeckte ich ein Strandbad, wo der Spruch „Der Vergleich macht Sie sicher“ gilt wie nirgendwo sonst. Mit Technik hat er am See allerdings wenig bis gar nichts zu tun.

In einem Sommer wie diesem ist dieser See mein zweiter Arbeitsplatz. Denn wenn ich keine Termine habe und nur meinen Inspirationen nachhängen, Ideen oder Konzepte entwickeln möchte, packe ich meine Tasche und düse los. Bitte kein falscher Neid, die Tasche ist meist SEHR schwer. Diverse Notizbücher (im Idealfall bringe ich sie auch wieder heim!), Zeitschriften, elektronische Geräte und Bücher sind immer dabei, denn während das Wasser auf der Haut trocknet, muss alles griffbereit sein, um sofort Gültigkeit erhalten zu können. Oder einem Gedanken zu derselben zu verhelfen.

Nicht selten werde ich Ohrenzeuge von Gesprächen, die mir zugetragen werden. Lauschen? Ich? Nie! Denn die Kopfhörer sind mein ständiger Begleiter – nicht nur, wenn ich aus dem Haus gehe, sondern auch am See. Jeder, der im Zug, im Bus oder in der Straßenbahn erlebt, wie ungeniert Menschen ihr Privatleben lautstark diskutieren, weiß, dass nur Stöpsel helfen, um nach dem Ende eines solchen Gespräche nicht nachzufragen, wie die Geschichte denn nun ausgegangen ist. Manchmal muss ich sie allerdings rausnehmen. Beispielsweise wenn mich jemand anspricht, wenn ich auf meinen Ohren liegen will, wenn das Telefon läutet. Und ja, auch im Wasser nehme ich sie raus. Gesprächsfetzen finden also unwillkürlich Eingang in meine Notizbücher, wenn sie gut sind. Doch meistens ist das Gehörte so simpel, dass ich auf Durchzug schalte und meinen Blick in den Wellen oder den Zweigen der schattenspendenden Bäume versenke. Oder mich umschaue. Zu Musik. Die mir da aber oft auch nicht hilft, denn was ich sehe, bringt mich in Gewissenskonflikte.

Vorausschickend will ich anführen, dass ich mit keiner Faser meines Herzens prüde bin. Und es findet sich bestimmt der eine oder andere, der das auch bezeugen kann. Ersparen Sie mir und den Betreffenden die Details. Ich möchte das nur einmal gesagt haben. So ähnlich wie den Satz „Ich möchte einen Stierkämpfer küssen“, den ich zweimal ins Publikum schreien durfte, weil die Autorin verhindert war. Doch das ist eine andere Geschichte.

Was ich an meinem Strandbad immer so schätzte, war, dass man hier Mensch sein kann. Hier gibt es Menschen, die zwischen Pobacken und Oberschenkel weiße Streifen haben, weil sie sich zu lange in Bauchlage gesonnt haben. Hier gibt es Menschen, die 30 Jahre jünger sind als ich und Kurven ins Wasser tragen, die der Venus von Milo alle Ehre machen würden. Hier gibt es Menschen, die nur einen Urschrei von unseren biologischen Urahnen entfernt sind. Und das ist gut so, denn wir Menschen sind alles, nur nicht perfekt. Ich schon gar nicht.

Und genau an diesem Punkt beginnt der Gewissenskonflikt. Denn hier wie an Orten des Fremdbadens gibt es Frauen, denen es offensichtlich ein Bedürfnis ist, streifenfrei zu bräunen. Also obenrum. Und ich frage mich stets: „Wofür?“ Normalerweise geht frau doch eher oberkörperbedeckt aus dem Haus, was unweigerlich zur Folge hat, dass niemand die nahtlose Bräune sieht. Na ja, der Partner vielleicht, doch gibt es Männer, die so etwas von ihren Frauen verlangen? Ich hoffe auf ein „Nein“ an dieser Stelle. Dass die Mode mit ihren streckenweise völlig unsinnigen Schnitten eine Rolle spielen könnte, halte ich für möglich. Doch die Frau als Geisel von Modeschöpfern? Das kommt in meiner liberalen Welt nicht vor.

Generell finde ich schöne Brüste schön. Und das ist keine Sache der Größe. Auch das will ich einmal gesagt haben. Doch gleichzeitig empfinde ich Brüste als etwas sehr Intimes. Sie gehören mir, und gegebenenfalls darf auch ein Mann etwas mit ihnen anfangen. Mütter geben sie ihren Kindern, ein hoch intimer Akt. Dass sie inzwischen großteils ohne öffentliches Kopfschütteln ihre Babies stillen können, finde ich notwendig und gut. Und trotzdem bleibt es intim.

Vor Jahrzehnten musste ich mir Kritik anhören, weil ich damals keinen BH trug. Ich dachte mir, dass Männer die Dinger ohnehin kennen und „More of the same“ keinen mehr hinter dem Ofen hervor locken würden. Das Argument versandete insofern, dass ich es nicht ausschließen konnte, dass sich nicht der eine oder andere vom Shimmy „angemacht“ fühlen könnte. Sicher ist sicher, dachte ich mir in der Selbstschutz-Phase und schnürte mich ein. Bis heute. Kommt mein „Pro“ für Bikini-Oberteile daher? Mitnichten. Denn selbst in meiner Free Fall-Zeit habe ich meinen Brüsten keine Frischluftdusche gegönnt.

Was mache ich nun mit meinem Gewissenskonflikt? Atmen? Meditieren? In eine andere Richtung schauen und auf schöne Brüste hoffen? Hilft vielleicht alles. Doch die Frage bleibt: „Wofür?“ Sollte mich jemand aufklären wollen, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Mein liberales Ich sagt schon jetzt: „Danke!“
 

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