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Eines jener unvergesslichen Bücher, deren Lektüre sich von der ersten bis zur letzten Seite als unglaublich fesselnd erweist.

Anfangs wagte noch kein deutscher Verlag, diesen zynisch- grauslichen und zugleich poetisch-satirischen Roman zu drucken. Erst sechs Jahre nach seinem Welterfolg in Amerika,Italien, England und Frankreich erschien der ursprünglich auf Deutsch verfasste Roman ‚Der Nazi & der Friseur’ 1977 in der Bundesrepublik. Abgelehnt wurde das Manuskript zuvor meist mit der Begründung, so dürfe man nicht über die Judenvernichtung und die Gründung des Staates Israel schreiben. Jener Mann, der es trotzdem tat, wurde 1926 in Leipzig geboren und flüchtete 1938 mit der Mutter und dem jüngeren Bruder nach Rumänien. 1941 kam die Familie in ein jüdisches Ghetto in der Ukraine. Hilsenrath überlebte und wanderte 1945 nach Palästina, 1951 in die USA aus. Heute lebt er in Berlin, ein ‚Jude deutscher Kultur, mit einem Liebesverhältnis zur deutschen Sprache’.
‚Der Nazi & der Friseur’ ist eines jener unvergesslichen Bücher, deren Lektüre sich von der ersten bis zur letzten Seite als unglaublich fesselnd erweist. Nach über 400 Seiten, am Ende angekommen, hätte ich nur allzu gerne noch weitergelesen. Dies liegt einerseits in der Schönheit der Sprache Hilsenraths begründet, ‚die wild wuchert und doch oft genug trifft, eine düstere und auch stille Poesie entfaltet’, wie Heinrich Böll schrieb. Andererseits aber auch in der bedeutsamen Botschaft des Autors: Wie eine Klaviatur ist der Mensch angelegt; je nachdem, wer oder was uns zum Klingen bringt, so verhalten wir uns. Die breite Palette vom Heiligen bis zum Mörder; alles können wir sein – oder auch nicht. So hat mich Hilsenrath mit seiner Geschichte nicht zuletzt auch in meiner Menschenkenntnis voll und ganz bestätigt.
Wovon handelt nun dieser ungewöhnliche Schelmenroman, konsequent aus einer Täterperspektive erzählt? Kurz gesagt: von einem Nazi, der Jude wurde. In einer deutschen Kleinstadt schließen zwei Gleichaltrige Freundschaft: „Mein Freund Itzig war blond und blauäugig, hatte eine gerade Nase, feingeschwungene Lippen und gute Zähne. Ich dagegen, Max Schulz, hatte schwarze Haare, Froschaugen, eine Hakennase, wulstige Lippen und schlechte Zähne“, berichtet der Friseur und spätere SS- Oberscharführer Max Schulz. Ein Mann, der, als Massenmörder an Tausenden von Juden nach dem Krieg auf der Flucht, in der Identität seines durch ihn umgekommenen jüdischen Jugendfreundes Itzig Finkelstein Schutz sucht. Schulz, diese leibhaftige antisemitische Karikatur eines Juden, lässt sich beschneiden, die SS-Runen wegoperieren und eine Auschwitz-Nummer tätowieren. Es gelingt ihm, unangefochten nach Israel auszuwandern, wo er einen gesicherten Lebensabend antritt.
Ich wurde erstmals durch eine Freundin auf dieses leider immer noch relativ unbekannte literarische Meisterwerk aufmerksam, las es vor rund drei Jahren und habe das Buch inzwischen mehrmals an Menschen verschenkt, die mir ans Herz gewachsen sind. Die Lektüre ist all jenen zu empfehlen, die neugierig sind, über den eigenen Tellerrand blicken möchten und zugleich kritisch zu denken vermögen.

Chris Lohner, geb.1943, Fotomodell, Schauspielerin, Moderatorin, Autorin, Journalistin, 30 Jahre lang ‚das Gesicht’ des ORF und seit 31 Jahren ‚die Stimme’ der ÖBB. Im echomedia-verlag erschienen: Der Krokodilmann. Roman. Nähere Informationen: www.chrislohner.com

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