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In China bekomme ich immer wieder zu hören, dass insbesondere Politiker aus unseren westlichen Ländern bei Diskussionen und Verhandlungen den chinesischen Partnern zwar höflich, herzlich, gar mit unnötigen Bücklingen und meist gut vorbereitet begegnen, jedoch von der Kunst der traditionellen ‚Listen’ keine Ahnung zu haben scheinen.

Sie treten in der Folge auch – aus chinesischer Sicht – am laufenden Band ins Fettnäpfchen.
Es ist deshalb höchste Zeit, liebe Leserinnen und Leser, das Buch der Bücher beim Namen zu nennen. Prof. Dr. Harro von Senger aus Freiburg im Breisgau zeigt in seinem Buch ‚Die Kunst der List. Strategeme durchschauen und anwenden’ meisterlich, faszinierend und gut verständlich auf, wie man chinesischen Partnern aus der Oberschicht offen und bestimmt zu begegnen hat, ohne dabei über den Tisch gezogen zu werden und ohne das in meinen China-Büchern konkret beschriebene Risiko einzugehen, bei wiederholten offiziellen Besuchen den roten Teppich gar step by step zu verlieren!
Hier eines dieser typischen, für uns peinlichen Beispiele: Eine westliche Außenministerin posiert mit dem chinesischen Vizeaußenminister auf der Großen Mauer. Der Gast nutzt die Gelegenheit und weist auf die in China verbreiteten, bedenklichen Menschenrechtsverletzungen hin. Der Gastgeber stellt dazu fest, dass man in diesem großen, vielfältigen Staat gezielt und permanent auch an diesem Segment arbeite. Im Übrigen hätten ja alle Staaten dieser Welt immer wieder Probleme, die mit aller Seriosität gelöst werden müssten. Eine problemlose Politik sei somit ein Fantasieprodukt. Und dann fragt der Gastgeber unvermittelt: „Frau Kollegin, darf ich fragen, wann Sie in Ihrem Land das allgemeine Wahl- und Stimmrecht der Frauen eingeführt haben?“ Die Ministerin, leicht perplex: „Im Jahr 1971.“ Der Gastgeber, leicht triumphierend: „Und wir bereits im Jahr 1949 anlässlich der Ausrufung der Volksrepublik China!“ Der Gastgeber benützte das Strategem ‚Ablenkung und Angriff’.
Ob wir nun international tätige Politiker, Wirtschaftsfachleute, Wissenschaftler oder ganz interessierte, motivierte und wissbegierige Menschen sind, kommen wir nicht darum herum, das mit Akribie verfasste Buch von Prof. von Senger zu lesen, zu studieren oder sich in speziellen Kursen schulen zu lassen. Jedermann wird dann mit einigem Staunen feststellen, wie wir selbst oft nicht wissen oder nicht wissen wollen, wie man in Gesprächen und Diskussionen offen und ehrlich, aber möglichst zielgerichtet, gescheit und erfolgversprechend auf den Partner zugehen soll; gar nicht davon zu reden, wenn uns der in der geheim gehaltenen Anwendung der chinesischen Listen in Kursen und Studien entsprechend professionell getrimmte chinesische Partner gegenübersitzt!
Prof. von Senger gibt praktische Hinweise, die helfen, die beispielsweise gegen uns selbst gerichteten Strategeme besser zu durchschauen. Er gilt als der führende westliche Forscher auf dem Feld der Strategemkunde und ist so auch der meistgelesene Autor der westlichen Chinaforschung.

Bernhard Müller war Wirtschaftsminister des Kantons Bern und saß im Nationalrat des Schweizer Parlaments. Der Schriftsteller, Verhaltensbiologe und Ökonom leitet Expeditionen in Tibet, Nepal und China. Die Rechte Tibets sind ihm ein besonderes Anliegen.

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