Gesellschaft

In Japan leben die meisten Hundertjährigen der Welt und die Lebenserwartung steigt stetig an. Doch die Bevölkerung schrumpft und die Alterspyramide wird immer stärker verzerrt. Wie Japan mit der demografischen Herausforderung zurechtkommt, beleuchtet der deutsche Sprachwissenschaftler Florian Coulmas.

Durch soziale Alterung wird alles anders. Eine alte Gesellschaft ist nicht unbedingt besser oder schlechter als eine junge, aber sie ist anders. Die Lebenserwartung der japanischen Bevölkerung hat sich im 20. Jahrhundert verdoppelt. Auch wenn in anderen Industrieländern ähnliche Tendenzen zu beobachten sind, ist das ein Rekord, und zwar sowohl bezüglich der Geschwindigkeit als auch der erreichten Lebenserwartung von 83 Jahren.
Könnte sich die Lebenserwartung in diesem Jahrhundert noch einmal verdoppeln? Darüber streiten die Gelehrten. Biogerontologen weisen darauf hin, dass Japans Lebenserwartungsgewinne im vorigen Jahrhundert zu einem großen Teil dem erfolgreichen Kampf gegen Tuberkulose zu danken seien und zudem im menschlichen Genom ein Ende programmiert sei. Mit plus/minus 120 sei definitiv Schluss. Sozialgerontologen halten dagegen, dass Menschen mit technischen Mitteln Einfluss auf die Gestaltung ihres Lebens nehmen und Japan in dieser Hinsicht weiter fortgeschritten sei als westliche Länder. Ob die Lebenserwartung der Japaner an eine absolute Grenze stößt, werden die Leser dieser Zeilen kaum erfahren. Sicher ist indes, dass die Alterung voranschreitet und Japan weiterhin die schwierige Vorreiterrolle spielt und große Anpassungen wird leisten müssen, für die es kein Vorbild gibt.

 

Die Anonymität der Großstadt spitzt sich hier zur endgültigen Vereinsamung zu.

 

Denn Alterung bedeutet nicht nur, dass viele Menschen älter werden, sondern dass sich die Strukturen von Bevölkerung und Gesellschaft grundlegend wandeln. Über 40 Prozent aller Haushalte Tokios bestehen heute aus nur einer Person. Zum überwiegenden Teil sind es ältere Menschen, die allein leben. Für eine Gesellschaft, die bis vor einer Generation extrem familienorientiert war, bedeutet das einen einschneidenden Umbruch, denn viele Alleinlebende sind nicht nur allein, sondern einsam. Die Anzahl der allein Sterbenden, deren Tod erst nach Tagen oder Wochen entdeckt wird, nimmt seit vielen Jahren zu. 2012 waren es nur in Tokio 4.400, zwei Drittel von ihnen Männer. Menschen, die im Alter nicht auf die Familie zurückfallen können und denen die Mittel für die Unterbringung in einem Pflegeheim fehlen, führen ein zurückgezogenes Leben und tun schließlich ihren letzten Atemzug, ohne dass es jemand merkt und ohne dass sie jemand vermisst. Die Anonymität der Großstadt spitzt sich hier zur endgültigen Vereinsamung zu.
Soziale Beziehungen werden schwächer, in der Familie, am Arbeitsplatz, in Organisationen wie Gewerkschaften, Parteien und Kirchen. Die Zahl der Einzelkinder nimmt ebenso zu wie die der lebenslang Unverheirateten. Mit der Alterung gehen diese Tendenzen nicht nur Hand in Hand, sondern sie sind zum Teil durch sie verursacht. Das lange Leben hat sich für viele unversehens in eine bedrohliche Ungewissheit verwandelt. Wird die Rente reichen? Wie lange wird man sich der Pflege hinfälliger Eltern widmen müssen? Ist die gleichzeitige Belastung von Kinderaufzucht und Altenpflege für die mittlere Generation überhaupt zu bewältigen? Von vielen jüngeren Menschen, insbesondere denjenigen, die keine feste Anstellung haben, wird das bezweifelt oder verneint. Sie heiraten nicht oder schieben das Kinderkriegen immer weiter hinaus. Die japanische Regierung versucht, dem mit zusätzlichem Kindergeld für das dritte Kind entgegenzuwirken, während vielen jungen Paaren die materielle Sicherheit oder der Mut fürs erste Kind fehlt oder beides. So wird aus einer alternden Gesellschaft eine solche mit immer weniger Kindern.

Das lange Leben hat sich für viele unversehens in eine bedrohliche Ungewissheit verwandelt.

Die japanische Bevölkerung schrumpft, und da bereits seit vier Jahrzehnten jeder Jahrgang kleiner ist als der vorausgegangene, ist das unaufhaltsam. Bis Mitte des Jahrhunderts wird die Bevölkerung Japans von jetzt 126 Millionen auf zwischen 86 und 110 Millionen zurückgegangen sein. An das Szenario von 110 Millionen glaubt freilich kaum jemand, weil es eine sehr hohe Geburtenrate bei niedriger Sterberate voraussetzt. Die japanische Regierung hat die Zielmarke 100 Millionen ausgegeben; mehr wagt sie nicht zu hoffen. Da mit dem Bevölkerungsrückgang eine beständige Verschlechterung des Abhängigkeitsquotienten (das Verhältnis der werktätigen zur abhängigen Bevölkerung) einhergeht, bedeutet das für den hoch verschuldeten Staat finanzielle Schwierigkeiten großen Ausmaßes.
Das sind heute die etwas düsteren Aussichten. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass die neuzeitliche japanische Bevölkerungsentwicklung eine Erfolgsgeschichte ist. Die Kindersterblichkeit ist in Japan nicht einmal halb so hoch wie in der EU und der Abstand zu den USA ist noch größer. Die Japaner trinken, essen und rauchen sich nicht zu Tode, sie ziehen nicht in den Krieg und bringen sich auch zu Hause selten um. Die Mordrate der friedliebenden Österreicher zum Beispiel ist dreimal so hoch wie die der Japaner; die der USA 16-mal so hoch. Es zeichnet die Japaner überdies aus, dass sie im internationalen Vergleich sehr gesund altern. Ihre beschwerdefreie Lebenserwartung liegt vier Jahre über dem OECD-Durchschnitt. Hinzukommt, dass sich die objektive Lebensqualität in Japan – gemessen an verfügbarem Einkommen, Bildungsstand, Gesundheit und Wohnraum – in den letzten fünf Jahrzehnten beständig verbessert hat.
Dennoch wird die hohe Lebenserwartung heute selten als Erfolg gefeiert. Die Fernsehkanäle sind vielmehr voller Programme, in denen es um die Probleme der überalterten Gesellschaft geht. Schon gibt es Gemeinden, in denen die über 60-Jährigen die Hälfte der Einwohner stellen, nicht unbedingt ein einladendes Ambiente für eine Existenzgründung, so dass sich der Trend durch Abwanderung der Jungen eher noch verstärkt. Was tun? Damit beschäftigen sich die Medien intensiv, und da Japan eine lesende Gesellschaft ist, finden sich in den Buchhandlungen ganze Ecken mit Büchern über diverse Aspekte des Alterns.

 

Die Japaner trinken, essen und rauchen sich nicht zu Tode, sie ziehen nicht in den Krieg und bringen sich auch zu Hause selten um.

 

Der Arzt Shigeaki Hinohara schrieb zu seinem hundertsten Geburtstag ein Buch mit dem Titel ‚Memento Mori', dem er bald weitere folgen ließ. Andere Hochbetagte wie die spät im Leben Nonne (Tendai) gewordene 92-jährige Schriftstellerin Jakucho Setouchi oder die Kritikerin Hisako Yoshizawa, 96, schreiben über ein erfülltes und aktives Leben im Alter und tragen zu der Regale füllenden Ratgeberliteratur für Selbsthilfe und Unterstützung anderer bei. Ihre Leserschaft wächst aus begreiflichen Gründen, da ja auch die Zielgruppe wächst. Alle anderen Alterskohorten nehmen im Zuge des Bevölkerungsrückgangs ab, nur die Alten über 70 werden immer mehr, und viele von ihnen führen ein sehr aktives Leben. Nicht alle so schlagzeilenträchtig wie Yuichiro Miura, der mit 80 den Mount Everest erklomm, oder Zoshiro Oro, der gerade 81-jährig seinen Doktor in Sozialgerontologie gemacht hat, aber dass Menschen bis in die hohen 70er im Arbeitsleben stehen, ist keine Seltenheit mehr.
Obwohl ein langes Leben als erstrebenswert gilt, ist die kollektive Alterung nicht ohne Probleme. Denn die gewohnten Muster im Umgang der Menschen untereinander und im Verhältnis von Staat und Gesellschaft sind nicht mehr ohne weiteres anwendbar und werden sich weiter verändern müssen. Trotz der ermutigenden Vorbilder begegnen in Japan deshalb viele der fortschreitenden Alterung mit Verunsicherung, wenn nicht Sorge. „Wer wird sich um mich kümmern, wenn ich es nicht mehr kann", ist eine bange Frage, die sich mancher stellt. „Meine Kinder", war bis unlängst die normale Antwort. In Zeiten erhöhter Mobilität und geringerer Kinderzahl gilt sie aber für viele nicht mehr. Kinder arbeiten fern vom elterlichen Haus, in einer anderen Stadt oder im Ausland, und in der Enge der Großstadt werden Drei-Generationen-Haushalte immer seltener. Diese objektiven Gegebenheiten wirken sich auf die Wünsche der Menschen aus: Sie passen sich an. 1970 lebten noch beinahe 70% der Alten in einem Haushalt mit ihren erwachsenen Kindern gegenüber nur noch 40% im Jahr 2000. Gleichzeitig steigt der Prozentsatz derer, die angeben, im Alter nicht bei ihren Kindern wohnen zu wollen, weil sie ihnen nicht zur Last fallen oder weil sie unabhängig sein wollen.

 

Dennoch wird die hohe Lebenserwartung heute selten als Erfolg gefeiert.

 

Dass die Alten den Jüngeren eine Last sind, hätte noch vor ein oder zwei Generationen niemand laut gesagt, denn eine solche Sichtweise ist mit dem konfuzianischen Gebot der Achtung des Alters nicht zu vereinbaren. Aber die objektiven Verhältnisse, insbesondere die zunehmende Zahl der pflegebedürftigen Hochbetagten, erzwingen Anpassungen und Einstellungsänderungen. Die Verabschiedung eines Gesetzes zum Schutz alter Menschen vor Misshandlung 2005 schockierte die Gesellschaft. Als aber Finanzminister und Ex-Premier Taro Aso voriges Jahr in einer Rede sagte, die Alten mögen sich ein wenig beeilen und dem Staat nicht so lange auf der Tasche liegen, war der Schock schon geringer und wurde schnell als Taktlosigkeit eines flamboyanten Politikers abgetan.

 

Die Verabschiedung eines Gesetzes zum Schutz alter Menschen vor Misshandlung 2005 schockierte die Gesellschaft.

 

Das öffentliche Bewusstsein für die Probleme der Alterung ist in Japan sehr hoch entwickelt, und es ist schon viel getan worden, um ihnen zu begegnen, wie unter anderem die stete Anhebung des Rentenalters und die Teilnahme alter Menschen am Arbeitsmarkt. Weitere Anpassungen stehen aus. Unter gleichbleibenden Bedingungen werden schon 2025 etwa eine Million Altenpfleger fehlen. Bisher beharrt die japanische Regierung auf einer extrem restriktiven Immigrationspolitik. Wie diese Lücke jedoch ohne Zuwanderung gefüllt werden kann, ist eine Frage, die manchen Verantwortlichen großes Kopfzerbrechen bereitet.

 

Prof. Dr. Florian Coulmas ist Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio und Professor für Kultur, Geschichte und Sprache des modernen Japans an der Universität Duisburg-Essen. Seine zahlreichen Publikationen in verschiedenen Sprachen beinhalten über ein Dutzend Monografien.
 
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