Gesellschaft

Der bekannte österreichische Genetiker Markus Hengstschläger, im Gespräch über Individualität und Flexibilität und was wir brauchen, um für die Zukunft gerüstet zu sein.

Sie haben kürzlich gemeinsam mit dem österreichischen Kinderbuchautor Thomas Brezina ein Kinderbuch herausgegeben, das beschreibt, wie wichtig Außenseiter für den Erfolg einer Gesellschaft sind.
Für den Erfolg einer Gesellschaft ist es wichtig, dass so viele unterschiedliche Mitglieder wie möglich existieren, weil man nie weiß, welches Talent für die Aufgaben der Zukunft gebraucht wird.
Lassen Sie mich das anhand der politischen Prozesse in Mitteleuropa beschreiben. Das beliebteste Mittel für Politiker, um Entscheidungen zu treffen, ist die Einsetzung von Kommissionen. Die sollen dann Empfehlungen aussprechen, auf deren Basis die Politiker entscheiden können. Selbstverständlich kennen weder die Politiker noch die Kommissionsteilnehmer die Zukunft. Daher stellen diese Kommissionen Berechnungen an und auf deren Basis sprechen sie Empfehlungen aus.

Was für Berechnungen?
Um die Zukunft vorauszusagen.

„Machen Sie sich keine Sorgen, alle anderen Kinder sind ja auch in der Mitte gestanden!"

Aber das geht doch nicht. Die ist doch unbekannt.
Richtig. Um die Zukunft zu erklären, nehmen sie die Vergangenheit und klappen sie nach vorne. Ein einfaches Beispiel:
Stellen Sie sich vor, ein Politiker muss entscheiden, wo sich 20 Kinder in einem Turnsaal hinstellen sollen, um am ehesten einen Ball zu fangen.
Er beauftragt eine Kommission, die eine Empfehlung aussprechen soll. Die prüft mithilfe von Statistiken und Meinungsumfragen, woher die Bälle in der Vergangenheit gekommen sind. Nehmen wir einmal an, der Ball kam in der Vergangenheit zehnmal von links unten und zehnmal von rechts oben, dann kommt der Ball also im Durchschnitt aus der Mitte. Das Ergebnis der Kommission ist somit: Die Bälle kommen aus der Mitte – auch wenn sie von dort noch nie gekommen sind.
Diese Empfehlung geht dann an den Politiker und der verkündet den Kindern: „Stellt euch alle in die Mitte, denn von dort kommen durchschnittlich in der Zukunft die Bälle her." Alle Kinder stellen sich – durchschnittsorientiert – in die Mitte, obwohl sie damit eine extrem geringe Wahrscheinlichkeit haben, einen Ball zu fangen.

Hat die Kommission also falsche Berechnungen angestellt?
Nein, sie hat ihre Arbeit sogar hervorragend gemacht, diese Verfahren werden ja sehr erfolgreich in vielen Gebieten verwendet.
Leider funktionieren sie aber nicht bei allen Fragestellungen beziehungsweise nicht bei allen Themen, wie etwa in der Bildung.

„Es ist nur relevant, was das Kind leistet im Durchschnitt zum Rest – so funktioniert das bei uns in Europa."

Was sind die Auswirkungen dieser Berechnungen?
Stellen Sie sich vor, eines der Kinder kommt am Abend nach Hause und die Mutter fragt: „Was habt ihr in der Schule gemacht?" Das Kind erzählt, wie sie versucht haben, einen Ball zu fangen. Die Mutter wird wohl sagen: „Hoffentlich hast du dich brav in die Mitte gestellt. Von dort kommt der Ball am häufigsten her. Politiker und Kommission haben das bestätigt." Das Kind erwidert: „Aus der Mitte ist noch nie ein Ball gekommen. Das weiß ich ganz sicher." Die Mutter bekommt Schweißperlen auf der Stirn und ruft den Schuldirektor an: „Irgendetwas stimmt da nicht, mein Kind sagt, der Ball ist noch nie aus der Mitte gekommen. Es hat keinen Ball gefangen." Daraufhin sagt dann der Direktor zur Mutter den wohl mächtigsten Satz Mitteleuropas, den Satz, den wir der nächsten Generation eingeimpft haben: „Machen Sie sich keine Sorgen, alle anderen Kinder sind auch in der Mitte gestanden!" Das ist die Durchschnittsfalle. Die Mutter kann sich beruhigt zurücklehnen. Ihr Sohn ist kein Ausreißer. Er ist brav bei den anderen gestanden.

Es zählt also nur, wie konform wir mit der Gruppe sind?
Was ist die erste Frage, die wir unserem Kind stellen, wenn es mit einem ‚Genügend' auf die Schularbeit nach Hause kommt: „Was haben die anderen bekommen?" Wenn alle anderen ein ‚Nichtgenügend' haben, ist es ein Genie, und wenn alle anderen ein ‚Sehr Gut' haben, dann hat es versagt. Es ist vollkommen irrelevant, was es leistet. Es ist nur relevant, was es im Durchschnitt zum Rest leistet. So funktioniert Europa.

Was sollen die Kinder also tun?
Jedes Kind sollte woanders stehen. Das sollte die höchste Priorität sein. Dieses Konzept nennt man Individualität.

Wo liegt der Fehler?
Bereits in der Aufgabenstellung, sich wo hinzustellen und auf einen Ball zu warten. Das ist der erste Fehler. Stattdessen müsste der Lehrer sagen: „Kinder, es kommt ein Ball, fangt ihn." Dann nämlich würden alle Kinder wild durch den Turnsaal laufen und beide Aspekte erfüllen, die man braucht, wenn man sich auf eine Zukunft vorbereiten will, die man nicht kennt – Individualität und Flexibilität.

Markus Hengstschlaeger Andreas HoferWarum wird das bei uns nicht angewendet?
Erstens entspricht es nicht unseren gesellschaftlichen Durchschnittsvorgaben und zweitens ist es laut, lärmt und stört.

Wie wichtig ist Individualität?
Stellen Sie sich vor, ein Kind zeichnet ein Haus. Das hat ein rundes Dach, ist lila und ohne Fenster. Der Erwachsene sagt darauf: „Das ist schon ganz nett, aber jetzt zeichnen wir ein Haus, wie es wirklich ausschaut." Schließen Sie für dreißig Sekunden Ihre Augen und stellen Sie sich ein Haus vor.

Wir schließen die Augen und stellen uns ein Haus vor. Beide unserer ausgedachten Häuser haben eine Türe, Fenster, ein Dach, einen Rauchfang.
Das Haus, das sich Erwachsene vorstellen, hat eine Türe, Fenster, ein Dach, einen Rauchfang. Über 90 Prozent aller befragten Personen, die die Augen geschlossen haben, zeichnen dieses Haus. Das ist das Durchschnittshaus. Die Note des Kindes wird umso besser, je durchschnittlicher sein Haus ist.
20 Jahre später kommen dann Wissenschaftler und stellen fest, dass wir zu wenig kreative Köpfe haben. Wir haben für alles solche Durchschnittsparameter. Es kommt eine Generation auf uns zu, in der die Gefahr groß ist, dass es keine kreativen, individuellen und flexiblen Menschen mehr gibt. Wir brauchen solche aber, um erfolgreich zu sein.

Wie steht es Ihrer Meinung nach mit dem persönlichen Glück und diesem Durchschnittsdenken?
Wir haben Glücksparameter. Die sind so einengend, dass jeder, der ihnen nicht entspricht, als unglücklich gilt. Wir haben das Glück definiert: Mittelklassewagen, Familie, Reihenhaus, Smartphone.
Aber was ist überhaupt eine Familie? Nach dem herkömmlichen Familienbegriff ist Familie: Vater, Mutter, Kind. Nicht etwa zwei Mütter und Kind, oder Mutter alleine mit Kind. Die Zeiten mit nur ,Vater, Mutter, Kind' sind aber vorbei. Es gibt hohe Scheidungsraten, Patchworkfamilien, AlleinerzieherInnen und vieles mehr.

Das Unglück ist also vorprogrammiert. Gibt es diesen Durchschnittsmenschen?
Es gibt keine Durchschnittsmenschen. Jeder Mensch ist Elite, nur jeder in einem anderen Bereich. Ein super Fußballspieler ist ein Riesentalent. Woher kommt die Wertigkeit, was ein Riesentalent ist?
Wenn ein Mensch ein Leben lang bereit ist, einen anderen zu pflegen, dann trägt die Umsetzung seines Talents wesentlich mehr zur Lösung unserer Zukunft bei, als wenn ein Fußballprofi ein Tor schießt. Woher kommt diese Wertigkeit also? Wenn die Mehrheit der Menschen Fußball nicht als modern empfände, würden ganz viele gar nicht mehr Fußball spielen. Dann hätte derjenige Pech mit dem Talent zum Fußballspielen. In Indien zum Beispiel hat Kricket die größte Popularität und Fußball gar nicht.

Was ist für Sie als Genetiker Geist und Materie?
Das Leben, das ist für mich die Materie, aus biologischer Sicht, aber ein Tisch ist auch Materie. Jeder hat ein genetisches Grundgerüst, was davon Verwendung findet, hängt aber von vielen Parametern ab. Wir kommen auf die Welt mit einem genetischen Rüstzeug, der DNA. Diese DNA wird abgelesen und muss umgesetzt werden.
Nehmen Sie den Unterschied zwischen einer Raupe und einem Schmetterling: Beide haben haarscharf die gleichen Gene. Die Metamorphose hat nur stattgefunden, weil die Raupe von den vorhandenen Genen andere verwendet als der Schmetterling. Wir nennen das Epigenetik. Es gibt das genetische Grundgerüst und was davon verwendet wird, hängt von vielen Punkten ab – exogenen und endogenen Faktoren.

Existiert Geist beziehungsweise Geistiges überhaupt?
Ich weiß es nicht, ich kann nicht sagen, ob der Geist existiert. Aber wenn ich es nicht weiß, heißt das auch nicht, dass der Geist nicht existiert. Vielleicht in diesem Zusammenhang auch wichtig: Der Genetiker braucht für die evolutive Entstehung von Leben außer den Naturwissenschaften keine zusätzlichen Elemente als Erklärung.

„Die Note des Kindes wird immer besser, je durchschnittlicher sein Haus wird."

Sie sind Teil der österreichischen Bioethikkommission. Auf welcher Ethik beruhen deren Entscheidungen?
Eine Bioethikkommission beschäftigt sich mit Fragen wie Lifescience, Medizin und Gesundheitswesen. In diesen Bereichen soll die Politik über den neuesten Stand der Dinge informiert werden beziehungsweise soll geklärt werden, wo es Diskussionsbedarf gibt oder was gesetzlich neu geregelt werden sollte. Dafür wird Expertise gebraucht. Die Kommission besteht aus Biologen, Juristen, Philosophen, Medizinern, Psychologen und Theologen. Diese geben dann Empfehlungen zu einem bestimmten Thema ab. Es kommt dabei kein bestimmter Typ von Ethik zum Tragen. Die Empfehlungen ergeben sich aufgrund eines demokratischen Mehrheitssystems.

Wo bringt sich die Bioethikkommission ein?
Die Wissenschaftler setzen sich mit einer Fragestellung auseinander und lassen einen öffentlichen Diskurs entstehen. Die Bioethikkommission hat die Aufgabe, die Öffentlichkeit und die Politik zu informieren und Empfehlungen abzugeben. Ein aktuelles Thema ist zum Beispiel eine 60-jährige Frau, die ein Kind bekommt. Ist dies gut oder schlecht? Welche Konsequenzen hat dies für das Kind? Das Thema wird ethisch und philosophisch betrachtet, auch öffentliche Diskussionen sind wichtig. In der Politik wird auch geschaut, wie andere Länder damit umgehen. Die Bioethikkommission gibt auch juristische Empfehlungen.

Wie stehen Sie persönlich dazu, dass eine 60-jährige Frau ein Kind bekommt?
Wenn eine 60-jährige Frau durch eine medizinische Behandlung ein Kind bekommt, so muss das aus medizinischer, psychologischer und ethischer Sicht diskutiert werden. Ich persönlich habe dabei meine Vorbehalte.

Sind Sie gläubig?
Ich gehe davon aus, dass ein Mensch, ohne irgendetwas zu glauben, nicht existieren kann. Glauben ist etwas Existenzielles, ohne Glauben würde das Zusammenleben nicht funktionieren. Vertrauen muss aufgebaut werden zwischen zwei Menschen. Es muss aber auch ein bisschen ein genetisches Urvertrauen, wie wenn ein Küken im Nest sitzt und weiß, dass die Mutter wiederkommt und einen Wurm bringt, geben. Ich sehe einen großen Unterschied zwischen Vertrauen und Glauben. Vertrauen ist personenbezogen. Der religiöse Glaube darf sich nicht in die Naturwissenschaften einmischen, aber ein Naturwissenschaftler kann durchaus gläubig im religiösen Sinn sein. Ich sehe da keinen Widerspruch.

Welches Gottesverständnis haben Sie?
Ich glaube an das Grundkonzept der katholischen Kirche, das ist Teil meines Lebens.

Univ.-Prof. Mag. Dr. Markus Hengstschläger, geboren 1968. Der weltweit bekannte österreichische Spitzenforscher ist Leiter der Medizinischen Genetik an der MedUni Wien. Bekannt wurde er auch durch seine zahlreichen Publikationen, unter anderem ‚Die Durchschnittsfalle'. Sein neuestes Buch ‚Warum nur Knallköpfe die Welt vor Killer-Klobrillen retten können' ist im August 2014 erschienen.
 
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Fotos Markus Hengstschläger © Andreas Hofer

 

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