Gesellschaft

Warum reagiert man mit Gewalt auf Gewalt? Gibt es nicht auch andere Lösungswege? Karl-Heinz Brodbeck geht der Frage nach, ob der Pazifismus überholt ist.

Pazifisten sind ins Gerede gekommen. Der deutsche Bundespräsident – eigentlich ein Theologe – fordert wegen einer vermeintlich neuen Weltlage ‚Militäreinsätze zur Verteidigung der Menschenrechte‘. Grüne Parteien, ursprünglich Bannerträger des politischen Pazifismus, plädieren nachdrücklich für einen Waffeneinsatz in der Ukraine. Führende Tageszeitungen firmieren mit Titeln wie ‚Pazifismus – ein Abgesang‘ (FAZ 1.9.14). Und in diversen Blogs wird eine Pazifistin wie die deutsche Bischöfin Margot Käßmann verhöhnt, weil sie generell Militäreinsätze kritisiert.
Der Hintergrund für diese Entwicklung ist eine weltweite Explosion der Gewalt. Besonders die Terrorakte und Morde des ‚Islamischen Staates‘ (IS) gelten als unabweisbares Zeichen, dass solchem Terror mit militärisch-gewaltsamen Mitteln begegnet werden müsse. Vor allem die vermeintlich religiös motivierte Gewalt steht am Pranger, nachgerade ein radikaler Islam. Aber selbst Buddhisten sind mit durch nichts zu rechtfertigenden Gewaltakten in Myanmar in die Kritik geraten. Verteidigt man die Gewaltfreiheit als moralische Grundhaltung (ahimsā) – der Verfasser kann aus Erfahrung ein Lied davon singen –, so charakterisieren auch buddhistische Freunde den Pazifismus inzwischen als naiv. Ein Anlass, Argumente für den Pazifismus neu zu durchdenken.


Der Pazifismus ist im Buddhismus – aber auch in vielen anderen Systemen – ein notwendiger Teil einer religiös fundierten Ethik. Nun hat der Dalai Lama in jüngerer Zeit immer wieder mit Nachdruck eine säkulare Ethik eingefordert, eine Ethik also, die sich nicht primär auf religiöse Werte bezieht, sondern Argumente findet, die der allgemeinmenschlichen, auch der wissenschaftlichen Erfahrung entstammen. Welche Rolle soll überhaupt eine Morallehre, eine Ethik in der Gesellschaft spielen? Moralische Regeln formen das menschliche Zusammenleben. Die Moral sichert das Weiterleben aller Menschen auf dem Planeten Erde in einer intakten, natürlichen Umwelt. Und dieser ethische Wert bildet die Grundlage jeder moralischen Reflexion. Die Moral funktioniert aber in der Moderne nur dann, wenn sie auch vernünftig eingesehen werden kann, wenn man den Sinn einer moralischen Regel versteht. Dies einzuüben, dazu dient gewöhnlich die schulische Erziehung, sofern Religionen dies nicht mehr leisten. Ein bloßer Glaube, Moral als bloße Tradition – das funktioniert nur gelegentlich und bestimmte die früheren Gesellschaften. In einer Welt, die durch die Aufklärung hindurchgegangen ist, kann das nicht mehr vorausgesetzt werden. Der Buddha hatte in seiner berühmten Rede an die Kalamer bereits gefordert: Ihr müsst selber erkennen. Ein Gedanke, den erst Kant wieder ausdrücklich als Voraussetzung für moralische Urteile formulierte: Sapere aude – wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.


Auch der Pazifismus ist eine moralische Überzeugung, muss also auch vernünftig begründbar sein. Eine ethische Grundforderung bei Kant ist der Gedanke, dass eine Moral, die das Handeln anleitet oder begrenzt, universalisierbar sein muss. Das heißt: Sie muss prinzipiell für alle Menschen anwendbar sein. Das ist nur möglich, wenn eine Moralregel – universell angewandt – das menschliche Zusammenleben stabilisiert und fördert, nicht etwa zerstört. Im Buddhismus wird diese Forderung mit dem Begriff des Mitgefühls ausgedrückt. Der Buddha hatte das in die Formel gebracht: „Sich selber schützend, schützt man die anderen; die anderen schützend, schützt man sich selbst.“ (SN 47.19) Hieraus ergibt sich ein ganz einfacher Gedanke: Gewalt gegen andere Menschen, gar das Töten anderer Menschen, kann nicht universalisiert werden. Eine Menschheit, in der die Regel gilt: Du darfst, gar du sollst andere töten, würde bald vernichtet sein. Dagegen kann die pazifistische Regel des Gewaltverzichts unschwer universalisiert werden. Sie führt zu Toleranz, zu geistigen Werten, zu Verständigung und damit zu einem friedlichen Zusammenleben.


Das scheint auf den ersten Blick ganz einfach, ja fast trivial zu sein. Doch wenn es zu Debatten über Politik und Kriegseinsätze kommt, wird das fast immer vergessen. Nur eine pazifistische Grundhaltung sichert langfristig das Überleben der Menschen – aus buddhistischer Perspektive gesprochen gilt sogar gegenüber Tieren: „Du sollst nicht töten!“ Nun ist eine moralische Regel ein Ideal, ein Orientierungspunkt für das jeweils eigene Handeln. Die Ethik beschreibt keine soziale Wirklichkeit, liefert kein spezifisches Modell für das Zusammenleben in einer intakten Natur. Das heißt: Es gibt immer Situationen, in denen die pazifistische Grundhaltung der Gewaltlosigkeit in ein moralisches Dilemma gerät. Das sind vor allem Fälle der Selbstverteidigung. Es gibt zweifellos eine Extremposition, die jegliche Gewaltanwendung ablehnt und dafür im Zweifel sogar das eigene Leben riskiert. Das ist höchst respektabel, kann aber nicht ein Modell für alle Menschen sein. Deshalb haben auch überzeugte Pazifisten stets zugestanden, dass für Fälle von Selbstverteidigung Gewaltanwendung in Grenzen moralisch akzeptabel ist. Doch auch hier bleibt der Pazifismus insofern eine Norm, als er in solchen Situationen nur eine kleinstmögliche Gewaltanwendung billigt. Waffenlieferungen in Konfliktherde, Drohneneinsätze mit vielen zivilen Opfern oder das Bombardement ganzer Städte gehören sicher nicht dazu. Jede Gesellschaft benötigt eine Polizei zum Schutz der Bürger gegen Gewalttäter. Sie wird aber zugleich das Maß der Gewalt durch die Exekutive streng überwachen und rechtlich normieren. All dies war eigentlich unstrittig. Auch der Dalai Lama hat immer wieder gesagt, dass es Situationen gibt, in denen Gewalt unvermeidlich ist, um Schwache oder Wehrlose zu schützen.

90 gross krieg fuer den frieden


Was hat sich nun an dieser vormals weitgehend akzeptierten Überzeugung geändert, dass der Pazifismus als moralisches Ideal scheinbar in Verruf gekommen ist? Hier ist daran zu erinnern, dass Krieg und Gewalt immer für bestimmte Ziele eingesetzt werden. Es sind letztlich wirtschaftliche Interessen wie die Energieversorgung oder die Beseitigung unliebsamer Konkurrenten. Diese wahren Gründe für Krieg und Gewalt werden aber meist hinter einem Wortschwall an PR und Rhetorik verborgen. Selten spricht jemand Klartext. Als der deutsche Bundespräsident Horst Köhler 2010 ganz offen sagte, ‚dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege‘, wurde er noch heftig kritisiert und trat zurück. Das hat sich grundlegend geändert. Heute fordert einer seiner Nachfolger ungeniert zu Rüstungsanstrengungen und Militäreinsätzen auf. Er wendet dabei aber eine geschickte neue Rhetorik an. Beliebt ist die Floskel von der ‚Verteidigung der Menschenrechte‘ zur Rechtfertigung von Gewalt. Die Sprache des Pazifismus (‚Sicherung des Friedens‘) wurde übernommen und dient heute der Verhüllung des genauen Gegenteils – ganz so, wie dies George Orwell in ‚1984‘ charakterisiert hatte (‚doublespeak‘). Blickt man auf die Praxis der Militäreinsätze, die angeblich Frieden, Menschenrechte und Demokratie sichern sollten, so zeigt sich ein humanes Desaster: In Vietnam, im Kosovo, im Irak, in Afrika, Libyen, Syrien folgten nur Tod und Zerstörung und entlarvten die Reden zur Begründung dieser Kriege als blanke Ideologie. Es gibt keinen Grund, von den jüngsten Militäreinsätzen in der Ukraine oder im Nahen Osten anderes als Zerstörung, Flüchtlingselend und nur neue Ursachen für künftige Gewalt zu erwarten.
Es ist eine buddhistische Grundlehre, dass alle Ereignisse, alle Phänomene gegenseitig abhängig sind. Nichts entsteht ohne Ursachen. Zu einem durchdachten Pazifismus gehört deshalb stets die Forderung, eine Situation in ihrem Kontext, ihrer Entstehung, ihrer Geschichte zu verstehen, um mit dieser Kenntnis Wohlwollen, Geduld und gewaltfreie Lösungen zu suchen. Hierzu ist Achtsamkeit gefordert, nicht Zorn, der nach den Waffen ruft. Das Pali-Wort für Achtsamkeit (sati) bedeutet auch ‚Gedächtnis‘. Menschen haben leider ein sehr kurzes Gedächtnis. Obgleich sie oftmals Ereignisse miterlebt haben, die zur Ursache für spätere Gewalt wurden, reagieren sie meist nur auf neue, momentane Eindrücke. Diese psychologische Tatsache des raschen Vergessens nutzen PR und Propaganda, die zudem immer neue Bedrohungen erfinden. Um den ersten Golfkrieg zu rechtfertigen, erfand man die ‚Brutkastenlüge‘; für den zweiten Golfkrieg behauptete man, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen; für den Jugoslawienkrieg wurden Bilder nicht existierender KZs produziert. In all diesen Fällen hat die militärische ‚Antwort‘ auf diese Lügen erst das hervorgebracht, was vermeintlich bekämpft werden sollte. Kriege sind schlicht, welche Ziele man sich auch immer anfangs ausmalt, Akte der Zerstörung und des Tötens. Was die jüngere Geschichte zeigt, war nicht eine Rettung von Menschen, sondern Tote und Verletzte, eine zerstörte Infrastruktur und als Antwort darauf vielfach eine Radikalisierung, leider oft unter religiösen Vorzeichen. Faktisch wurden so Wirtschaftsinteressen durchgesetzt und lukrative Märkte für Rüstungsfirmen und Waffenexporteure eröffnet. Das Gegenteil des Pazifismus, der Bellizismus, die Befürwortung von Waffen und Krieg zur Problemlösung, hat – ungeachtet seiner moralischen Haltlosigkeit – rein faktisch nur immer das Gegenteil erreicht: noch mehr Gewalt, Tod und Elend.


Wenn man das Vergessen der Vorgeschichte bestimmter Ereignisse und eine teils propagandistisch aufgebauschte, teils schlicht lügnerische Berichterstattung einbezieht, wird verständlich, auf welchem Weg sich das öffentliche Bewusstsein in jüngerer Zeit zu immer mehr bellezistischen Positionen manipulieren ließ. Die Kritik am Pazifismus ist selbst Teil einer Medienkampagne, die 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs militärische Auseinandersetzungen wieder akzeptabel machen möchte. Papst Franziskus ist einer der wenigen, die dieses Spiel durchschaut haben. Das weltweite Wirtschaftssystem ist ‚unerträglich‘ geworden, sagt er. Vor allem die junge Generation leidet darunter durch hohe Jugendarbeitslosigkeit. „Diese Wirtschaft tötet“, heißt es in seiner Enzyklika Evangelii Gaudium. Und in einem Interview mit der spanischen Zeitung ‚La Vanguardia‘ sagte er am 16. Juni 2014: „Damit das System fortbestehen kann, müssen Kriege geführt werden, wie es die großen Imperien immer getan haben.“ Die Kriegsführung ist ein zentraler Teil des globalen Wirtschaftssystems. Und der Krieg der Worte, die Propaganda, ist darin selbst zu einem Kriegsschauplatz geworden. Aus dieser Perspektive muss man die jüngsten Angriffe auf den Pazifismus verstehen.


Der Pazifismus wurde immer von totalitären Ideologen kritisiert: Trotzki, Stalin oder Hitler sprachen seltsam einstimmig vom Pazifismus als einer ‚Hauptgefahr‘ jeweils für ihre Ziele. Dass demokratische Länder, worin bislang wenigstens prinzipiell pazifistische Positionen toleriert wurden, nun dazu übergegangen sind, vielfältige Anlässe für einen Waffeneinsatz zu finden, gehört zu den gefährlichsten Entwicklungen der jüngeren Zeit. Lokale Kriege können, für welche Ziele auch immer geführt, jederzeit in eine globale Katastrophe münden: Atomare und biologische Waffen gibt es noch in Hülle und Fülle. Es ist hier besonders wichtig, nicht auf die PR-Tricks der Kriegsrhetorik hereinzufallen. Sie spricht von ‚chirurgischen Eingriffen‘, um den Tod von Tausenden zu verschleiern. Überall und unter wechselnden Masken wird eine ‚globale terroristische Bedrohung‘ behauptet und in NATO-Ländern, in Russland und in China werden die Militärausgaben massiv erhöht. Hier ist der Krieg der Worte bereits zur vorauseilenden Rechtfertigung wirklicher Kriege geworden. Die Verteidigung des Pazifismus als ethisches Ideal ist deshalb durch eine kluge Kritik der Kriegsrhetorik zu ergänzen. Der Pazifismus hat die richtigen Argumente, er hat den Geist auf seiner Seite. „Deshalb muss ein Mensch, dem die geistigen Werte die höchsten sind, Pazifist sein.“ (Albert Einstein)

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