Gesellschaft

Was ändert regelmäßige Meditation in Firmen? Eine Studie zur Wirkung von Achtsamkeit erforscht, wie regelmäßige Meditationspraxis auf das Wohlbefinden, Arbeiten und Zusammenarbeiten in Unternehmen wirkt. 

„Meine Frau hat gestaunt und gesagt, ich sei so anders geworden.“ So beschreibt ein Teilnehmer der Achtsamkeits-Studie die ‚Nebenwirkungen’ der Meditation. Er ist einer von 110 Interessierten, die mit ihrem Team, ihrer Firma oder einem kleinen Kollegenkreis für zehn Wochen erprobt haben, was Achtsamkeit im Arbeitsalltag verändert. Achtsames E-Mailen, achtsame Meetings und tägliche Meditation als neue To-dos im Job.
Chris Tamdjidi, Gründer der Kalapa Academy, leitet gemeinsam mit der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität die Studie und begleitet die Meditierenden. Der Buddhist forscht zur Wirkung von Achtsamkeit im Unternehmensalltag und freut sich über die ersten Ergebnisse. Die Fehlerrate der TeilnehmerInnen beim Arbeiten ist deutlich gesunken. Stress und Überforderung lassen nach, dafür wachsen die Entscheidungsfreude und die Arbeitszufriedenheit bei den ProbandInnen.
„Ich wollte das Thema Achtsamkeit in Unternehmen relevant machen, auch als Eingangstor für die Themen Entschleunigung, Mitgefühl und Menschsein. Achtsamkeit ist wie ein trojanisches Pferd, in das man viel reinpacken kann.“
So fungieren Tamdjidis Kooperation mit der Münchner Uni und die wissenschaftliche Studie als legitime Eintrittskarte eines Themas in ein Feld, wo es noch kritisch beäugt wird. Meditation und Achtsamkeit: ‚Was ist da der Return on Investment? Wie lässt sich der Erfolg messen? Und wie steigert Achtsamkeit den Shareholder Value?’, könnten Betriebswirte fragen, wenn sie sich vorstellen, dass ihre MitarbeiterInnen meditieren sollen. Tamdjidi hat zum Thema Achtsamkeit viele neugierige UnternehmerInnen erlebt, die aber nur hinter vorgehaltener Hand verraten, dass sie selbst meditieren. So stieg sein Interesse, ob Meditation auch im Firmenkontext funktioniert, ohne von Produktivitätszielen korrumpiert zu werden.
Dafür hat er mit seinen KollegInnen von der Kalapa Academy das angewandte Achtsamkeitstraining entwickelt.
Um der Wirtschaftslogik zu begegnen und Erfolg messbar zu machen, unterziehen sich die TeilnehmerInnen vor Beginn und nach Ende des zehnwöchigen Trainingszyklus neurophysiologischen Tests. Seit Anfang 2013 läuft die Studie, 250 Menschen nehmen daran teil.
Einmal pro Woche kommen Chris Tamdjidi oder seine Kollegin von der Kalapa Academy in die Firmen. An diesem Tag nehmen sich die TeilnehmerInnen zweieinhalb Stunden Zeit, um gemeinsam zu meditieren und zu lernen.

Entscheidend für die Praxis-Einheiten sei es, so Chris Tamdjidi, einen achtsamen Raum zu schaffen, mitten im Arbeitsumfeld mit funktionalen Räumen, Büromöbeln und Arbeitsklima. Der praktizierende Buddhist lädt die Menschen ein, sich darauf einzulassen. Nach einem Check-in zum persönlichen Befinden und zu den Erfahrungen mit der Übung der vergangenen Woche beginnt das Sitzen – 15 Minuten Meditation, die den Ungeübten oft lang werden. Danach bekommt der rege Geist wieder Futter. Chris Tamdjidi erzählt über die Aspekte von Achtsamkeit und theoretische Hintergründe, zum Beispiel die neurophysiologischen Zusammenhänge. Die Gruppe nimmt sich ein neues Thema vor und lernt zum Beispiel, wie achtsame Meetings organisiert werden. Im Austausch überlegen die Einzelnen, wie sie das konkret anwenden und in ihre kommende Woche einbauen können.
Mit der Hausübung und der Aufgabe täglicher Meditation verabschieden sie sich wieder an ihre Schreibtische. In den Wochen zwischen den Treffen arbeiten die TeilnehmerInnen der Studie mit einer Handy-App, in der sie ihre Meditationszeiten protokollieren und direkt ans System der Forscher übermitteln.
„Die TeilnehmerInnen machen einen deutlichen Unterschied in ihren Büros“, erzählt Tamdjidi. „Es überrascht, wenn ein Teamleiter plötzlich zum achtsamen Meeting einlädt und ganz klar die Regeln dafür formuliert“, so der Leiter der Studie. Die Regeln eines achtsamen Meetings: Der Moderator kommt früher an, um den Raum bewusst wahrzunehmen und zu spüren, wie es ihm selbst gerade geht. Er wählt sich bewusst einen Platz und entscheidet, ob es dem Meeting hilft, dass auch die anderen ihre angestammten Plätze verlassen, um neue Perspektiven zu bekommen.
Das Meeting startet mit dem Check-in, jeder erzählt, wie es ihm gerade geht, was ihn aktuell beschäftigt, um innerlich anzukommen. Es gibt die gemeinsame Einigung, Computer und Handys für die Zeit der Besprechung abzuschalten. Der Moderator achtet darauf, dass die Gruppe jeweils beim Thema bleibt und dass der vereinbarte Zeitrahmen eingehalten wird. „Eine Firma hat die Regel eingeführt, dass Besprechungen nur zur vollen oder halben Stunde beginnen und zur Viertel- oder Dreiviertelstunde enden. So ist sichergestellt, dass es immer eine Verschnaufpause zwischen zwei Besprechungen gibt, in der ein Sichsammeln möglich ist“, erzählt Chris Tamdjidi.
Das Interesse der Firmen an der Studie ist groß. „Da saßen 40 männliche Ingenieure vor mir und 30 haben sofort gesagt: Ja, wir machen mit!“, führt Chris Tamdjidi weiter aus. Die TeilnehmerInnen arbeiten in unterschiedlichsten Branchen – Menschen aus Handel, Produktion, Banken, ArchitektInnen oder Start-up-UnternehmerInnen haben gemeinsam gelernt, achtsame Dialoge zu führen oder achtsam zu mailen.
Tamdjidi erzählt, wie das geht: „Zum achtsamen E-Mailen helfen wunderbar die Mail-Programme. In den Einstellungen lässt sich regeln, wie oft Mails abgerufen werden, ob mit Ton oder lautlos. Mails, die in Kopie geschickt werden, kann das Programm automatisch löschen oder in einen separaten Ordner schicken, um Überschwemmung zu vermeiden.“
Chris Tamdjidi empfiehlt den TeilnehmerInnen seiner Studie, nur zwei- oder dreimal am Tag E-Mails abzurufen, um das konzentrierte Arbeiten nicht dauernd zu unterbrechen. Viele der TeilnehmerInnen haben ihre KollegInnen daraufhin informiert, dass sie die Mails nur dreimal am Tag in einem bestimmten Zeitraum abrufen. So ist klar, dass in der Zeit dazwischen keine Antwort zu erwarten ist.
Nach dem E-Mail-Check am Vormittag gibt es Fokus-Phasen, in denen die KollegInnen sich möglichst in Ruhe arbeiten lassen. Dafür ist am Nachmittag Zeit, in der Meetings geplant werden. „Sobald die Leute merken, wie oft sie gestört werden und wie oft sie andere unterbrechen, realisieren sie, wie ineffizient und unachtsam das ist“, sagt Tamdjidi.
Auch bei der digitalen Post lernen seine TeilnehmerInnen das Dranbleiben. Die E-Mails werden abgerufen und dann am Stück bearbeitet, so dass nach der halben oder ganzen Stunde der Posteingang wieder leer ist und nichts Offengebliebenes mehr den Geist okkupiert. Entscheidend ist, bei einem Thema zu bleiben.
Selbst die Form einer Mail kann achtsam sein. „Ich halte mir den Menschen vor Augen, dem ich gerade schreibe, um so auch innerlich in Kontakt zu kommen. Manche Sachen, die Leute in E-Mails schreiben, würde man einem Menschen ja nicht ins Gesicht sagen.“ Außerdem empfiehlt Chris Tamdjidi, zum Abschied die Grüße „nach Stuttgart“ oder „Richtung Berlin“ zu schicken, um sich innerlich den AdressatInnen in ihrer physischen Wirklichkeit zuzuwenden.
Eine gute Körperhaltung ist entscheidend für die eigene Achtsamkeit beim Mailbearbeiten und auch die innere Klarheit, nicht auf alles gleich zu reagieren. „Zum Beispiel mit dem Bewusstsein: Dieses Mail tut mir jetzt weh. Ich halte das mal aus und reagiere nicht sofort“, so Chris Tamdjidi.
Der Buddhist und Achtsamkeitslehrer bleibt nüchtern, wenn er die Anliegen seiner ProbandInnen beschreibt. „Die meisten unserer TeilnehmerInnen suchen nicht Spiritualität oder Egolosigkeit, sondern eine Linderung ihrer Leiden wie Anspannung, Stress oder Anzeichen von Burn-out.“
„Wenn ich sie bitte, ihren Vormittag zu beschreiben, können sich viele nicht mehr erinnern, was sie gemacht haben.“ Die hohe Informationsdichte, die starke Fragmentierung und die vielen Unterbrechungen erhöhen den persönlichen Stress enorm, so der Forscher. „Wir bringen da schon ein ordentliches Packerl mit.“
Tamdjidi ist zufrieden mit den Ergebnissen der Studie. Die ersten Werte, die die WissenschaftlerInnen der Münchner Uni ermittelt haben, zeigen, dass angewandte Achtsamkeit Anspannung, Stress und Burn-out-Symptome lindert. Die Auswertung der subjektiven Fragebogen und kognitiven Tests hat eine deutliche Verminderung der Fehlerrate und eine bessere Steuerung der Aufmerksamkeit bei den ProbandInnen gezeigt.
„Die kognitiven Fähigkeiten verbessern sich zuerst, gefolgt von der Veränderung des intrapersonellen, emotionalen Erlebens. Erst nachgelagert wirkt das Training auch auf die interpersonelle Ebene“, erklärt Tamdjidi. So hat sich mit etwas Verzögerung die Atmosphäre in den Teams verbessert und damit auch die Arbeitszufriedenheit, die Kreativität und die Entscheidungsfreude der Einzelnen.
Neben den Zahlen interessiert den Forscher vor allem die subjektive Wahrnehmung seiner ProbandInnen. Ein Teilnehmer beschreibt, ‚das war lebensverändernd für mich!’ Ein anderer erzählt von der Freude seiner Frau, die plötzlich einen viel aufmerksameren Ehemann zu Hause hatte.
Der Wiener Organisationsberater Torsten Jung, der mit Chris Tamdjidi zusammen forscht und arbeitet, sieht sich durch die Ergebnisse in seiner Arbeit bestätigt. „Die Studie belegt wissenschaftlich, dass Achtsamkeit die Entscheidungsfreiheit und Kreativität deutlich steigert. Das unterstreicht auch meine Erfahrungen in der Arbeit mit Führungskräften: Achtsamkeit fördert Impulsdistanz und damit die Fähigkeit, zwischen dem Erscheinen eines inneren oder äußeren Impulses und der Reaktion darauf mehr Handlungsoptionen wahrzunehmen. Das steigert unser Maß an persönlicher Freiheit und letztlich auch unsere Kreativität.“
Was sie ausdrücklich nicht wollen, so die beiden Forscher, sei es, Achtsamkeit zu instrumentalisieren. „Achtsamkeit ist in der Mitte der gesellschaftlichen Diskussion angekommen. Gleichzeitig wird diese Diskussion oft auf die positiven Wirkungen der Achtsamkeitspraxis verkürzt. Diese Erfahrungsebene lässt sich nicht als Werkzeug instrumentalisieren und steht jenseits der Kategorien von Ursache und Wirkung. Um es noch deutlicher zu sagen: Diese Art von Denken verhindert geradezu, dass wir zu der Erfahrung der Verbundenheit durchbrechen. Wer Achtsamkeit auf die Ebene eines Tools zu mehr Resilienz oder besserer Kooperationskultur ziehen möchte, geht fehl und tut dem Thema nicht gut“, so Torsten Jung von der Beratergruppe Neuwaldegg. Was Chris Tamdjidi mit der Studie nicht möchte, ist Achtsamkeit als Produktivitätsmittel zu verkaufen. „Ich sehe es als ein Tor zum Menschsein, zu Freude und Entwicklung in der Arbeitswelt. Es schafft Entschleunigung und damit Zufriedenheit. Das kann sich auch auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Menschen auswirken, aber das ist kein Versprechen.“
95 Prozent der StudienteilnehmerInnen wollen weiter üben. Nur fünf Prozent hat es nach den zehn Wochen Achtsamkeit schon gereicht. Ein Drittel zeigt nach dem Programm tieferes Interesse an Achtsamkeit und deren Ursprüngen. Sie wollen ihren Einblick und die Praxis vertiefen. Die anderen nutzen die Meditation und Achtsamkeitsübungen, um ihren Arbeitsalltag zu verbessern, und behalten Dinge wie achtsame Dialoge mit den MitarbeiterInnen bei. Ein Teilnehmer geht immer noch täglich achtsam vom Auto ins Büro und zurück.
Das Ende des Trainings fällt vielen TeilnehmerInnen schwer. Sie haben das gemeinsame Meditieren schätzen gelernt und plötzlich fehlt der Rahmen. Die TrainerInnen kommen nicht mehr, um den achtsamen Raum in der Firma zu gestalten. Jetzt liegt es an ihnen selbst, den Geist weiterzutragen. Firmen, die das Programm schon durchlaufen haben, überlegen, wie sie das Üben und Meditieren auch ohne Anleitung und Beobachtung der Forscher in ihren Alltag integrieren. Chris Tamdjidi ist neugierig, wie es ihnen gelingt, die Erfahrungen zu verankern. Seine Vision ist es, die Forschung als Langzeitprojekt anzulegen und zu beobachten, wie Achtsamkeit im Unternehmensalltag auf lange Sicht wirkt. Dazu forscht er mit Torsten Jung im Neuwaldegger Innovationscenter ‚Sissy – Spiritualität in sozialen Systemen’ weiter. In einem zweijährigen Projekt wollen sie die Forschungsfragen vertiefen.

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Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2018-01-22 11:59
Wenn Meditation und Achtsamkeit für ein Wirtschaftssystem in dem Ethik, Moral und
Gemeinwohl keine Rolle spielen, praktiziert wird, und in dem Gewinnmaximierung oberste Priorität besitzt, werden die Menschen die das praktizieren, missbraucht und dienen der Diktatur der Gewinnmaximierung.
Sie verhindern eine soziale und umweltverträgliche Ökonomie: Sie machen Reiche reicher und Arme ärmer und zerstören die für uns lebensnotwendige natürliche Umwelt.
Durch die Diktatur der Gewinnmaximierung, praktizieren die Menschen eine globale Selbstzerstörung.
Sie vernichten die globalen natürlichen Lebensgrundlagen ( Ökosysteme ) , ohne die die Menschen auf diesen Planeten Erde nicht mehr leben können.
Wer hier den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht erkennen kann oder will, der muss schon sehr verblendet sein.

Buddhas Pfad der Weisheit „mache das Heilsame , lasse das Unheilsame und ent-
wickle deinen Geist“, ist eine gut praktizierende Anleitung und das nicht nur
für Buddhisten.


Mit freundlichen, achtsamen, frei von Gewinnmaximierung, heilsamen buddhistischen Grüßen, auf eine bessere Zukunft.
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# Uwe Meisenbacher 2018-01-22 14:58
Achtsamkeit und Meditation müssen immer im Kontext mit Ethik, Moral und Gemeinwohl praktiziert werden, sonst können sie nicht heilsam sein.
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