Gesellschaft

Ist unser Körper für die Ansprüche der modernen Welt gemacht oder sollten wir eher zurück zum Anfang? Eine Spurensuche.

Wie wurden wir zu jenen Lebewesen, die fast alle Lebensräume dieses Planeten besiedeln, das Weltall sowie die kleinsten Bausteine der Materie erforschen, zu erstaunlichen kulturellen Leistungen fähig sind, aber immer noch Kriege gegeneinander führen?

Der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse lebte nach aktuellen Kenntnissen vor ungefähr acht bis fünf Millionen Jahren in Afrika. Dann trennten sich die Entwicklungslinien und die Anthropologie bezeichnet alle diese Nachfahren des bislang leider unbekannten Bindeglieds zwischen Menschen und Affen als Homininen.
Die Geschichte unserer Menschheit fällt in eine Epoche großen Wandels und erst langsam beginnen wir zu begreifen, welchen entscheidenden Einfluss die verschiedenen Phasen der Erderwärmung und -abkühlung auf unsere Entwicklung zum Homo sapiens hatten.
Als Befunde für diese Genesis aus evolutionsbiologischer Sicht dienen einige wenige Fundstücke von Skeletten, die man alle zusammengenommen leicht in einem normalen Kasten unterbringen könnte.
Umso spannender ist diese mit kriminalistischer Akribie erforschte Geschichte, durch welche Anpassungen und Entwicklungen unser Körper und unser Geist gezwungen wurden, um bis heute zu überleben.

Heutige Menschen kauen täglich nur mehr unter 30 Minuten.

Aufrechter Gang
Die älteste Vormenschenart, die als Hominine bezeichnet wird, lebte vor circa sechs Millionen Jahren und ist als Sahelanthropus tchadensis bekannt. Wir würden diese Spezies mit ihrem starken Augenbrauenwulst und ihrer vorragenden Schnauze eher für einen Affen halten, aber ihr bereits aufrechter Gang war ein erster und wichtiger Entwicklungsschritt. Um die Bedeutung dieser Fähigkeit zu verstehen, muss man sich die Lebensbedingungen zu dieser Zeit näher ansehen: Damals lebten die verschiedenen Vorfahren der heutigen Menschenaffen in den ausgedehnten Regenwäldern Afrikas. In den Baumkronen fanden sie nicht nur Schutz vor Raubtieren, sondern auch ausreichend Früchte für ihre Ernährung. Als das Klima zu dieser Zeit langsam abzukühlen begann, schrumpften die Regenwälder und Steppengebiete breiteten sich aus. Dort standen als Nahrung vor allem harte Gräser und zähe Blätter zur Verfügung. Die damaligen Veränderungen ihres Lebensraums zwangen die Homininen zu viel längeren Wanderzeiten, die man mit einer zweibeinigen Fortbewegungsweise effizienter und schneller bewältigen konnte.
Auch Menschenaffen gehen manchmal auf zwei Beinen, doch dies wirkt auf uns eher wie der schwankende Gang eines Betrunkenen und erinnert an den Komiker Groucho Marx. Die Gründe dafür finden sich in der Skelettanatomie. Schimpansen brauchen deswegen zur Fortbewegung vier Mal so viel Energie wie Menschen. Das erhöht – bei begrenzten Kraftressourcen – die tägliche Reichweite von zwei bis maximal drei auf fast zwölf Kilometer. Dieser Gewinn an Reichweite bei der Nahrungssuche war viel wichtiger für das Überleben als die Möglichkeiten, die sich den Vormenschen durch freie Hände erschlossen.

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Jäger und Sammler
Der nächste entscheidende Anpassungsschritt beginnt bei den Australopithecinen, die vor rund vier Millionen bis einer Million Jahren lebten. Das berühmteste Fossil dieser Gruppe ist Lucy, die in einer noch trockeneren Klimaphase Afrikas lebte. Sie und ihre Artgenossen verbrachten noch fast einen halben Tag mit dem Kauen der zähen, fasrigen Nahrung. Heutige Menschen kauen täglich nur mehr unter 30 Minuten. Die Ernährung dieser Spezies hatte sich seit den früchtereichen Tagen im Regenwald stark verändert: Knollen, Pflanzenstängel und harte Blätter stellten den Hauptteil der Nahrung. Beim Zerkleinern halfen ihnen dicke, zahnschmelzreiche Backenzähne und Backenmuskel, die die Größe eines Koteletts hatten.
Bei der Suche nach stärkereichen Wurzeln und Pflanzenknollen waren jetzt auch die freien Hände hilfreich, mit denen sie Stöcke zum Ausgraben einsetzten.
Vor 2,5 Millionen Jahren kühlen die Weltmeere um zwei Grad ab und auch die ostafrikanischen Landschaften werden immer trockener. Wer hier überleben will, braucht neue Strategien. Die Menschengattung Homo erscheint zum Beginn der Eiszeit und entwickelt sich durch neue Verhaltensweisen wie dem Verzehr von Fleisch, dem Gebrauch von Werkzeugen zur Beschaffung und Verarbeitung von Lebensmitteln sowie einer intensiven Kooperation zwischen Sippenmitgliedern zu den ersten Jägern.
Anfangs stand dem Homo erectus in erster Linie Aas als fleischliche Nahrung zur Verfügung. Aber auch ein gut abgelegenes Antilopensteak hat fünf Mal mehr Kalorien als die gleiche Menge an Grünpflanzen. Ein Jäger kann pro Tag 3.000-6.000 Kalorien mit Unterstützung durch die Sippe beschaffen, die er aber dann auch mit den anderen teilen muss. An Tagen ohne Jagderfolg teilen wiederum die Frauen die von ihnen gesammelten Früchte mit den Männern.
Die Kultur des Teilens wird überlebenswichtig und die Idee der Familie entsteht. Diese durch wechselseitige Kooperation verbundene Kleingruppe wird zum gemeinsamen Nahrungserwerb und zur Betreuung des Nachwuchses beitragen. Damals entstanden erste moralische Regeln, die Habgier und Egoismus in der Gruppe in letzter Konsequenz mit dem Tod bestraften.
Mit scharfen Steinwerkzeugen konnte nun auch die zähe Nahrung zerkleinert und damit der Aufwand für das anstrengende Kauen und die weitere Verdauung deutlich verringert werden. Ein weiteres Mal in der menschlichen Evolution stand mehr Energie zur Verfügung. Doch wohin mit diesen Ressourcen?

Das wachsende Gehirn verbesserte das logische Denken, stärkte das Gedächtnis und ermöglichte neue Formen der Kommunikation und Kooperation.

Überfluss
Zwischen Darm und Gehirn bestehen wichtige Verbindungen, die im Zuge der Anpassungen an die neue Lebensweise weiter ausgebaut wurden. Beide Organe sind fast gleich schwer, verbrauchen jeweils 15 Prozent der Stoffwechselenergie und benötigen gleiche Blutmengen, um ihre Funktionen aufrechterhalten zu können. Berücksichtigt man die Körpergrößen anderer Säugetiere, dann zeigt sich, dass deren Gehirne nur 20 Prozent von unseren ausmachen, die Därme hingegen doppelt so groß sind. Diese Entwicklung resultiert auch aus den veränderten Essgewohnheiten. Aufgrund der zerkleinerten und aufbereiteten Nahrung mussten unsere Vorfahren nun nicht mehr so viel Energie für die Verdauung aufwenden, sondern konnten diese Ressourcen in Aufbau und Erhaltung eines größeren Gehirns stecken. Dieses wachsende Gehirn verbesserte das logische Denken, stärkte das Gedächtnis und ermöglichte neue Formen der Kommunikation und Kooperation.
Aber den Vorteilen eines größeren Gehirns standen auch gewichtige Nachteile gegenüber. Nur mit qualitativ hochwertiger und energiereicher Nahrung konnte eine stillende Mutter ihren täglichen Kalorienbedarf decken. Dies war bei den dadurch gegebenen Einschränkungen ohne Hilfe anderer Sippenmitglieder nicht mehr möglich. Noch problematischer war der stete Energiebedarf des größeren Gehirns, dessen Versorgung mit Blutzucker nicht länger als etwa 90 Sekunden unterbrochen werden darf. Wie konnten also die Menschen der Vorzeit die Zeiten des Mangels überleben?

Kultur
Der Homo sapiens erschien vor ungefähr 200.000 Jahren und lebte mehrere zehntausend Jahre neben dem Neandertaler. Über die Gründe, die zum Aussterben unserer nächsten Verwandten führten, wurden zahllose Theorien aufgestellt. Zuletzt wurde in die Diskussion der etwas zirkelschlussartige Begriff der ‚Verhaltensmodernität‘ eingebracht. Was man damit meint, ist die Fähigkeit der modernen Menschen, Kultur zu schaffen. Kultur als Sammelbegriff für alle neuen und tradierten Verhaltensweisen entwickelt eine Gesellschaft ungleich schneller weiter, als es je durch biologische Evolution passiert. Wir können erlernte und erprobte Verhaltensweisen an andere weitergeben, können Regeln für das Zusammenleben aufstellen und Technologien vom Grabstock des Australopithecus bis zur Mondrakete entwickeln. Dies hat uns in den letzten 50.000 Jahren zur dominierenden Art auf diesem Planeten gemacht.
Am Anfang dieser Entwicklungsgeschichte stand ein Wandel des Klimas und was am Ende steht, hängt davon ab, ob wir mit unserem für eine steinzeitliche Welt optimierten Körper auch in einer Überflussgesellschaft erfolgreich überleben können.

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