Gesellschaft

Wohlstand und Fortschritt führen nicht unbedingt zu einem entspannten Leben.

In Spanien gab es in Madrid bis in die 1970er Jahre noch Nachtwächter, die nach Einbruch der Dunkelheit durch die Gassen wanderten. Nachtschwärmer konnten diese meist schon sehr alten Männer durch Händeklatschen herbeirufen, damit sie einem gegen ein kleines Entgelt das Haustor aufsperrten. Ungeduldigen Touristen, die diesen Brauch nicht kannten und lärmend an die Türen klopften, kamen sie gemächlich langsamen Schrittes und mit ihrem großen Schlüsselbund klappernd entgegen und riefen ihrerseits beschwichtigend ‚sosegate‘, auf Deutsch: beruhige dich, sei gemächlich. Diese Männer wurden ‚Serenos‘, also ‚Gelassene‘ genannt. In der Stille der Nacht waren sie offenbar von jeder Hektik des Alltags befreit und ihr hohes Alter ließ sie zudem über den Aufregungen und dem Zorn der Jugend stehen. Diese Nachtwächter gibt es längst nicht mehr und mit ihrem Verschwinden scheint sich unsere Gesellschaft auch der Gelassenheit entledigt zu haben. 

Wer sich nicht permanent anstrengt, der ist eben selbst an seinem sozialen Abstieg schuld. 

Im Online-Verzeichnis des Buchhandels finden sich gegenwärtig mehr als 3.200 Bücher, Zeitschriften und Videos, die das Wort ‚Gelassenheit‘ im Titel tragen. Sucht man nach dem Stichwort ‚Burnout‘, dann findet man über 3.000 Produkte und beim Begriff ‚Stress‘ sind es sogar fast 30.000 Ratgeber, die den Lesern beim Bewältigen ihres Lebens helfen wollen. Die Gründe für die alltägliche und rastlose Hetze, die den Alltag vieler Menschen zunehmend bestimmt, werden oft in den Auswüchsen einer auf Wettbewerb und Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft gesehen. Die ursprünglich zur Aufhebung von Klassengrenzen gedachte Maxime, jeder könne alles in seinem Leben erreichen, wenn er es nur wolle, wurde bald von einer Chance zur Drohung: Wer sich nicht permanent anstrengt, der ist eben selbst an seinem sozialen Abstieg schuld.

Der die menschliche Existenz reflektierende Grundsatz des Philosophen René Descartes ‚Ich denke, also bin ich‘ wurde zu einem fast lebensbedrohlichen ‚Ich leiste, also bin ich‘. Und auch das grundsätzlich sinnvolle Prinzip der Selbstoptimierung hat mittlerweile den Bereich der Freizeit durchdrungen. Als leistungsorientierter Mensch geht man nicht einfach nur ein bisschen joggen, sondern trainiert zumindest für einen Halbmarathon. Im Urlaub einfach nur faulenzen? So etwas erzeugt bestenfalls ein mitleidiges Lächeln bei den Arbeitskollegen, die ein streng getaktetes Reise- und Animationsprogramm dem Nichtstun vorziehen.

Hartmut Rosa, Soziologieprofessor an der Universität in Jena und Autor von Büchern über das Thema Entschleunigung und Entfremdung, beschreibt die Lebenssituation vieler Menschen der westlichen Welt sehr treffend: Arbeit, die wir nicht tun wollen, Produkte, die wir nicht brauchen, und Freundschaften mit Leuten, die wir nicht kennen. Dies ist das Substrat, auf dem ein Gefühl der Entfremdung von unserer Umwelt entsteht, das uns emotional und geistig erschöpft.

Was ist da falsch gelaufen, dass zunehmend mehr Menschen ihr Leben trotz aller Fortschritte der Zivilisation mit medizinischer Versorgung und materiellem Wohlstand offenbar nicht als besser, sondern vielfach als schlechter empfinden?

Vielleicht kann da ein Blick auf die entwicklungsbiologische Herkunft der Menschen etwas Licht ins Dunkel des gestressten Alltags bringen. Dazu müssen wir fast 2,5 Millionen Jahre in der Geschichte zurückgehen. Eine damals noch recht unbedeutende Spezies, der Homo sapiens, bildet sich aus anderen Affengattungen heraus. Völlig unbedeutend leben diese Wesen neben vielen anderen, zum Teil viel effizienteren und stärkeren Tierarten in Ostafrika. Die Rolle, die unsere Vorfahren im Ökosystem spielten, war nicht größer als die von Insekten, Vögeln oder Steppenpavianen. Und dabei blieb es auch sehr lange Zeit. Der Homo sapiens und fünf andere nah verwandte Menschenarten wanderten auch in andere Kontinente ein, vermehrten sich und die eher kleinen Gruppen starben auch wieder aus. Bis plötzlich vor etwa 70.000 Jahren der Homo sapiens eine mysteriöse und plötzliche Entwicklung durchlief. Die Veränderung betraf aber weder den Knochenbau noch die Leistungsfähigkeit, sondern nur ein Organ: das Gehirn. Selbst dieses wurde nicht größer, aber offensichtlich änderte sich etwas in der inneren Qualität. Humanbiologen sprechen von einer ‚kognitiven Revolution‘. Was uns seit diesem Entwicklungssprung von allen anderen Lebewesen dieses Planeten unterscheidet, ist unsere Fähigkeit zur Kooperation in sehr großen Gruppen. Auch andere Tierarten wie Ameisen, Wölfe oder Schimpansen arbeiten zusammen, doch die Größe dieser Rudel, Horden oder Schwärme ist vergleichsweise klein. Damit ich diesen Text, den Sie gerade lesen, schreiben konnte, musste eine fast unübersehbare Anzahl von Menschen zusammenwirken: Bergleute haben Rohstoffe gefördert, die von anderen über die ganze Welt transportiert wurden. Dazu brauchte es wiederum Straßen, Autos oder Eisenbahnen. In Fabriken wurden Einzelteile hergestellt, diese wurden weiterverkauft und irgendwann zu einem Computer zusammengebaut, auf dem ich diese Zeilen schreibe. Die Redaktion von Ursache\Wirkung hat diesen Text mit anderen Beiträgen zusammengefasst, in die Druckerei gesendet, wo die aktuelle Zeitschrift gedruckt und versandt wurde. Vermutlich waren insgesamt mehrere hunderttausend Menschen dabei direkt und indirekt involviert. Dagegen erscheinen selbst die vielen Arbeiten in einem Bienenstock vergleichsweise simpel.

Diese neue Fähigkeit des Menschen, mit anderen, weit entfernten und persönlich unbekannten Gruppen zusammenzuarbeiten, war die Voraussetzung für eine weitere soziale Veränderung: die Entwicklung der Landwirtschaft. Die tägliche Arbeitszeit stieg dadurch von etwa vier Stunden als Jäger auf über acht Stunden als Bauer. Und die Bevölkerung wuchs. Anders als bei den nomadisierenden Wildbeutern konnten Frauen jetzt nicht nur alle drei bis vier Jahre, sondern jedes Jahr ein Kind zur Welt bringen. Diese wurden früher abgestillt und mit Getreidebrei ernährt. An dieser Stelle der Menschheitsgeschichte fängt eine fatale Spirale an: Immer mehr Mitglieder eines Familienclans konkurrierten um die proteinarme Nahrung. In agrarischen Gesellschaften stieg die Kindersterblichkeit rasant an, nur mehr jedes dritte Kind erreichte das Erwachsenenalter. Jene Entwicklung, die das Leben eigentlich verbessern sollte, wurde zum Bumerang und verschlechterte die Gesundheit, die Lebenserwartung und minimierte die arbeitsfreie Zeit. Diese kulturelle Revolution bedeutete letzten Endes, dass mehr Menschen schlechter lebten als je zuvor.

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Und das Rad dieser neuen gesellschaftlichen Entwicklung drehte sich weiter: Wetterkatastrophen konnte man als sesshafter Bauer nun nicht mehr durch Wanderungen begegnen, die Getreidelager lockten Diebe und Schädlinge an und die höhere Siedlungsdichte war ein steter Nährboden für Krankheiten.

Das enge Zusammenleben wiederum verursachte oft auch sozialen Stress, auf den Menschen damals – wie auch noch heutzutage – mit den physiologischen Reaktionen ihrer für steinzeitliche Verhältnisse adaptierten Körper reagieren: Herz- und Atemfrequenz steigen an, die Hirnanhangdrüse entlässt Hormone in den Blutkreislauf, die zum Beispiel in der Nebenniere das Stresshormon Cortisol produzieren, das den Stoffwechsel beschleunigt. Die plötzlich verfügbaren Kraftreserven liefern die Energie für jene zwei Verhaltensmodi, die bedrohlichen Situationen angemessen sind: Kampf oder Flucht.

Beide Optionen dauern nicht lange an, dann ist die Situation entschieden. Wenn man entkommen konnte oder den Kampf gewonnen hat, dann kehrt der Körper in kurzer Zeit wieder in den Normalbetrieb zurück. Mit zunehmendem Zivilisationsgrad wird jedoch eine Flucht außerhalb der sonst schützenden und ernährenden Gemeinschaft nicht möglich. Und gewaltsame Lösungen werden innerhalb einer Sozietät aus gutem Grund geächtet und erst recht bestraft. Stresshormone werden nicht mehr abgebaut, und für die Produktion der sogenannten Glückshormone wie Oxytocin und Serotonin fehlen die notwendigen positiven Sozialbeziehungen. Ein Teufelskreis, der uns in wenigen tausend Jahren zu Menschen gemacht hat, die trotz Wohlstand oft nur mehr über wenig Gelassenheit verfügen.

Wenn man dieser Analyse folgt, dann stellt sich natürlich die Frage, wie man dieser Situation begegnen kann.
Antworten darauf überlasse ich den zigtausenden Angeboten zur gelassenen Lebensweise und Stressreduktion, die uns dabei helfen wollen, auch ein ‚Sereno‘ zu werden.

 

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