Gesellschaft

Wenn Menschen nach langem Leidensweg wieder gesunden, fragen sich alle: Wie hat er oder sie das nur geschafft? Profunde Antworten hierauf zu geben ist oft nicht leicht. Die Forschung steckt hier noch in den Kinderschuhen.

Eines kann aufgrund der ersten Erkenntnisse, wie Heilung passiert, gesagt werden: Das Zusammenspiel von Psyche, Nerven- und Immunsystem spielt bei der Gesundung des Menschen eine wesentlich größere Rolle als bislang angenommen. Menschen, denen es gelingt, sich mental und physisch zu stärken, haben weitaus größere Chancen, ihr Leben in eine heilsame Richtung zu lenken. Folgender Gedanke kann hier hilfreich sein, sagt Dr. Günther Linemayr, Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie: „Man muss davon ausgehen, dass der Körper grundsätzlich salutogenetisch, also gesundheitsfördernd organisiert ist. Sonst würden wir keine Woche überleben.“ Mit dem Thema Selbstheilung und deren Grenzen ist der Mediziner als Krebsspezialist tagtäglich konfrontiert: „Die große Frage ist: Wie funktioniert das? Und diese Frage ist weitgehend unbeantwortet. Ich möchte vorausschicken, dass sich die Medizin leider mehr mit der Pathogenese (Anmerkung der Redaktion: Entstehung einer Krankheit) beschäftigt – also wie werden wir krank. Dies wird mit großer Intensität beforscht.“ 

Im Dezember 2013 formierte sich erstmals ein Arbeitskreis für Salutogenese (Anmerkung der Redaktion: Entstehung und Erhaltung der Gesundheit) bei Krebs, zusammengesetzt aus deutschen und österreichischen Experten, zu dessen Gründungsmitgliedern auch Günther Linemayr zählt. Ziel ist es zu untersuchen, welche Verhaltensweisen die Selbstheilungskräfte stärken und wie ungewöhnliche Krankheitsverläufe, also sogenannte Wunderheilungen sinnvoll definiert und dokumentiert werden können. „Da gibt es eine Reihe von Kriterien. Wir sehen dann zum Beispiel, dass ein Betroffener wesentlich länger überlebt als ein anderer mit ähnlichen Voraussetzungen. Oder laut Prognose ist keine Heilung möglich, aber die Person wurde dennoch geheilt. Was wir machen, ist, dass wir breit Krankengeschichten sammeln, dann schauen, was die Person verändert hat und wie es mit der Krankheitsverarbeitung aussieht“, sagt Linemayr.
Manche Personen entwickeln im Umgang mit einer schweren Erkrankung kämpferische Züge, andere sehen die Situation pragmatisch, manche werden passiv und ergeben sich zunächst ihrem Schicksal. Diese Herangehensweisen können sich im Laufe der Zeit aber auch ändern: Menschen, die zunächst von einer Diagnose überwältigt sind, entwickeln plötzlich kämpferische Energien.
Die Frage aller Fragen ist, wie die Selbstheilungskräfte mobilisiert werden können und welche messbaren Körpervorgänge (wie etwa Abnahme von Cortisol, hormonelle Veränderungen) dann ablaufen. Dr. Günther Linemayr hat in 30 Jahren Praxis ein gutes Dutzend solcher ungewöhnlicher Krankheitsverläufe mitbegleitet. Der erwähnte Arbeitskreis für Salutogenese bei Krebs versucht, rund 200 solcher Fälle zu sammeln, um dann exakte Forschungen anzugehen. Denn bisher gibt es keine eindeutigen Beweise, welche Maßnahmen im Einzelfall die besten Heilungsaussichten versprechen.
Jene Wissenschaft, welche sich mit dem Phänomen der Selbstheilung intensiv beschäftigt, ist die Psychoneuroimmunologie, ein relativ junger Zweig der Medizin. Es geht um die Erforschung des Einflusses von psychosozialen Faktoren auf die Systeme in unserem Organismus. Also wie wirken sich Erlebnisse auf das Hormon- und das Immunsystem aus. Und wie beeinflussen sie unser oberstes Steuerorgan, das Nervensystem, welches mit dem Hormon- und Immunsystem ständig in Verbindung steht.
Univ.-Prof. Dr. Christian Schubert leitet das Labor für Psychoneuroimmunologie an der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie in Innsbruck: „Man hat zeigen können, dass positive Faktoren der Psychologie wie Optimismus, Ausdauerfähigkeit oder Affekte einen wesentlichen Einfluss auf Immunaktivitäten haben. Im weiteren Verlauf wurde auch getestet, inwieweit etwa Interventionen wie Hypnose oder das Ausdrücken von Gefühlen sich auf die Immunaktivität auswirken. Es zeigte sich, dass hier potente Mechanismen existieren.“

Die Körperabwehr und das Gehirn sind eng über Nervenfasern und auch über Hormone verbunden. Es gibt also eine gemeinsame biochemische Sprache. Der aktuelle Wissensstand besagt: Das Immunsystem ist sehr wichtig in der Auseinandersetzung mit Erkrankungen generell. In Bezug auf Krebs beispielsweise kann gesagt werden, dass das Gehirn direkt mit den Krebszellen in Verbindung steht – über Nervenimpulse und über Hormone. Und damit sei klar, so der Psychoneuroimmunologe, dass psychische Vorgänge – sei es im positiven, sei es im negativen Bereich – einen Einfluss auf Krebs haben. In der kürzlich erschienenen zweiten Auflage seines Buches ‚Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie‘ weist er auf Grundsätzliches hin: „Die Konditionierung und die Hypnose sind verlässliche, wissenschaftlich geprüfte Techniken, um das Immunsystem in die gewünschte Richtung zu bringen.“

Das Ineinandergreifen von Psyche, Nerven- und Immunsystem spielt bei der Gesundung des Menschen also eine wesentlich größere Rolle als bislang angenommen. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich auch Dr. Bettina Reiter, Fachärztin für Psychiatrie und Psychoanalytikerin. Sie hat sich aus eigener Betroffenheit auf die Behandlung von an Krebs erkrankten Menschen spezialisiert. Einzelne Mediziner und Forschungseinheiten erkennen die Bedeutung von Selbstheilung an. Andere Einheiten des Gesundheitssystems reagieren deutlich schleppender: „Ganz offiziell skeptisch bis ablehnend ist die universitäre Medizin, und da ist die Wand wasserdicht. Aber die Patienten verlangen es! Sind schwer erkrankt und müssen schauen, dass sie ihre sieben Sachen zusammenhalten. Je gefährlicher die Krankheit ist und je mehr Kraft sie kostet, umso eher kommen Patienten auf die Idee: Verdammt noch mal, dann muss ich es selber hinkriegen.“
Der 2009 verstorbene Amerikaner Dr. Oscar Carl Simonton war einer der Ersten, der Krebserkrankte motivierte, ihre Selbstheilungskräfte zu aktivieren – etwa durch Meditation, kognitive Verhaltenstherapie, Hypnose oder Trance-Trommeln. Kernelement der Simonton-Methode sind angeleitete Imaginationsübungen. Ursprünglich arbeitete Simonton überwiegend mit aggressiven inneren Bildern: Betroffene sollten sich ihr Immunsystem zum Beispiel als übermächtige Armee vorstellen, welche die ‚feindlichen‘ Krebszellen vernichtet. Später tendierte er eher zu ressourcenaktivierenden, Zuversicht und Hoffnung betonenden Vorstellungen. Aus heutiger Sicht ist seine wichtigste Erkenntnis: „Das Wissen darum, dass das Imaginieren, also das Schulen und Üben unserer Vorstellungskraft in Bezug auf unser Krankheitsgeschehens ungemein hilfreich ist. Ob nach Simonton oder in Form einer Zen-Meditation ist egal. Da gibt es 127.000 Methoden, und jede ist okay – Hauptsache, der Patient kann etwas daraus machen, das ihm möglicherweise dienlich ist“, sagt Reiter.
Der Körper weiß, was er zur Heilung braucht, wir müssen auf ihn hören lernen. Neben diesem Ansatz schlägt die Psychiaterin und Psychoanalytikerin je nach Individuum folgende Maßnahmen vor: Phytotherapie und Nahrungsergänzungsmittel, besondere Diätrichtlinien, Selbstbeobachtung, Stärkung des Immunsystems, unterstützende Beziehungen, verdrängte Aggressionen loslassen und so weiter.
Zum tatsächlichen Heilungsvorgang hat Bettina Reiter eine sehr klare Vorstellung: „Was man sicher sagen kann, ist, dass es auf jeden Fall eine Placeboheilung ist, die da passiert – und wiederum im Gegensatz zur akademischen Medizin finden ich und meine Freunde aus der Placeboforschung das nicht komisch oder deppert, sondern ganz im Gegenteil: Wir finden das toll. Denn wenn man das Konzept von Placebo näher untersucht und feststellt, dass man mit wirkungslosen Substanzen trotzdem Heilungserfolge erzielen kann, dann ist das doch ein unfassbar interessantes Phänomen.“

Carola Timmel ist Journalistin im Bereich Medizin und Gesundheit. Daneben ist sie auch der Stadtforschung zugetan. Im Februar 2016 erschien ihr neues Hörbuch im Rahmen der Hörbuch-Reihe ‚Stadtflanerien‘ (Verlag Aktionsradius Wien).

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Kommentare   

# Susanne Winter 2017-11-29 14:39
Hat Frau Timmel jede einzelne MEthode gezählt?
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