Gesellschaft

Sonst würde es ja ‚Bubitation‘ heißen. Als einem Menschen, der noch nie in seinem Leben meditiert hat, wird mir dieser saudumme Witz vielleicht verziehen.

Meditation, so höre ich, soll eine Technik sein, die zu einem Bewusstseins- und Bewusstheitszustand führt, in dem das Hier und Jetzt stärker und deutlicher erlebt werden kann, in dem Lebensenergien besser fließen können, in dem erhöhte Konzentration möglich ist, der zu Geduld, Empathie und Einsicht führt, kurz zu allem, was sich ein durchschnittlicher, stressgeplagter Mitteleuropäer so wünscht – oder wenigstens wünschen sollte. Mich wundert nur, dass es noch keine Kursangebote für Power-Meditation gibt. Oder: Durch Meditation in nur zehn Minuten zu höherem Bewusstsein. Oder: Blitzmeditation für zwischendurch statt Jausensnack, mit Gratis-Schlankheitsbonus oder so ähnlich. Oder gibt es so etwas vielleicht schon und mir ist es nur entgangen? Sollte die Werbewirtschaft den Genussfaktor Meditation wirklich noch nicht entdeckt haben? Jetzt, da ich diese Marktlücke öffentlich preisgebe, entgeht mir möglicherweise ein Millionenvermögen.
Der spöttische Blick eines Außenseiters mag auf Personen, die mit Meditation viel Erfahrung haben, zynisch und destruktiv wirken. Mal sehen, ob er auch brauchbare Perspektiven eröffnet. Aus der Außenseiterperspektive fallen meditierende Menschen dadurch auf, dass sie in zumeist seltsam wirkenden Körperhaltungen irgendwo sitzen, manchmal auch liegen, manchmal eigenartige Geräusche von sich geben, nicht immer voll ansprechbar erscheinen; man weiß nicht so recht, wie man sich in ihrer Nähe verhalten soll, und zieht es zumeist vor, sich auf Zehenspitzen zu entfernen. Und eines vor allem weiß man als Außenseiter so gar nicht: Warum tun die das?
Ganz offenbar erleben Menschen beim Meditieren Bewusstseinszustände, die in Worten wahrscheinlich nur sehr schwer beschreibbar sind, aber wohl attraktiv genug sind, dass diese Menschen den Aufwand des Erlernens und Ausübens meditativer Techniken auf sich nehmen, um sie zu erleben. Veränderte Bewusstseinszustände kann man sich auch durch Einnahme von Drogen verschaffen. Leider kosten die viel Geld, sind gesundheitsschädlich und machen süchtig. Also doch besser meditieren.
Allerdings dürfte es den meisten meditierenden Menschen, soviel ich verstanden habe, um den Kick des Ausprobierens veränderter
Bewusstseinszustände gar nicht in erster Linie gehen. Warum also tun die das?
Wie so oft sind auch hier die Amerikaner Vorreiter, wenn es darum geht, den Nutzen von irgendetwas klar, allgemeinverständlich und verkaufsfördernd darzustellen. Glück, Wohlbefinden und Gesundheit werden besser, verspricht die Harvard Medical School. Mediziner also, noch dazu aus Harvard, und die müssen es wissen. Vor allem Mantra-Meditation, denn die ist am einfachsten zu erlernen und zu praktizieren: Sie ist daher die effizienteste Meditationsform laut innerpeacemeditation.org. Also: Ein bisschen Glück und innerer Frieden, aber ein bisschen plötzlich.
Albert Einstein soll einmal gesagt haben: „Wenn ich eine Stunde Zeit hätte, das größte Problem der Welt zu lösen, dann würde ich 57 Minuten dazu verwenden, es zu beschreiben, und drei Minuten, es zu lösen.“ Dahinter steckt wohl der Gedanke, dass es zu jedem Problem unendlich viele Pseudo-Lösungen gibt: Verschiebungen des Problems auf eine andere Ebene, von der aus es nicht so gut zu erkennen und daher noch viel schwerer zu lösen ist, aber, da es nicht so gut erkennbar ist, so ausschaut, als wäre es nicht mehr da. Und es gibt meistens nur ganz wenige Lösungen, bei denen die Regeln verstanden werden, die zu dem Problem geführt haben, und bei denen versucht wird, entweder diese Regeln zu verändern oder sie so anzuwenden, dass sich das Problem weniger dramatisch auswirkt. Dieses Verstehen der Regeln ist wahrscheinlich das, was Einstein als ‚Beschreibung des Problems‘ bezeichnet hat. (Sofern das Zitat wirklich von ihm stammt, aber das ist wahrscheinlich nicht so wichtig.)
Mir ist nicht bekannt, ob Albert Einstein jemals meditiert hat. Und überhaupt: Was hat Meditation mit Problemlösung zu tun? Und was hat Problemlösung mit Gesundheit und innerem Frieden zu tun? Die meisten Probleme, mit denen wir Menschen uns in unserem Alltag herumschlagen, sind dadurch gekennzeichnet, dass schnelle Lösungen nicht zur Hand sind – sonst würden wir sie wohl auch nicht Probleme nennen. Und jede Lösung, die uns schnell mal einfällt, geht nicht, weil sie gleich wieder neue Probleme schafft. Man könnte sagen, die verschiedenen möglichen Lösungen stehen einander im Weg. Und bei den vielen erfolglosen Versuchen, einen halbwegs gangbaren Weg durch das Labyrinth der vielen unbrauchbaren Lösungen zu finden, kann man schon mal verzweifeln. Das vielzitierte Licht am Ende des Tunnels taucht immer erst dann auf, wenn wir der Meinung sind, ebendiesen Weg durch das Labyrinth gefunden zu haben. Das Problem ist damit ja noch nicht gelöst. Aber es gibt eine Abfolge von gangbaren Schritten, deren letzter uns, so hoffen wir, aus der Problemsituation herausführt. Man könnte auch sagen: Vorher hatten wir ein Problem, jetzt haben wir ein Projekt. Und genau dieser Weg vom Problem zum Projekt erfordert Zeit, und diese erfordert Distanz zum Problem und einen Verzicht auf schnelle Lösungen.
Was hat das alles mit Meditation zu tun? Mahatma Gandhi soll einmal gesagt haben (und auch hier bin ich nicht sicher, ob wirklich er das gesagt hat, und auch das ist wahrscheinlich nicht so wichtig): „Das Rad des Leidens wird durch die menschliche Gier angetrieben.“ Gier heißt wohl, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel von dem haben zu wollen, was im Augenblick erstrebenswert erscheint. Meistens ist das Geld, manchmal ist es auch die Lösung eines lästigen Problems. Rasches Habenwollen verträgt sich nicht mit der Idee, 57 von 60 Minuten dafür zu verwenden, das zu lösende Problem erst einmal ganz genau anzuschauen. Ich habe noch nie in meinem Leben meditiert. Aber ich habe den Verdacht, dass es eines der wichtigen Merkmale von Meditation sein dürfte, sich von dem Druck zu befreien, zu einem anstehenden Problem ganz schnell eine ganz effiziente Lösung finden zu müssen. Leider sind ja die schnellen Lösungen sehr oft Pseudo-Lösungen, Problemverlagerungen, hinter denen etwas später die verbesserte Variante des Problems noch sehr viel heftiger zuschlägt. Oberflächlich betrachtet mag es paradox erscheinen: Meditation als Abstand von der allzu raschen Problembewältigung – ist das vielleicht ein Training in Lösungskompetenz? So wie der Maler bisweilen von seinem Bild zurücktreten und es aus der Entfernung betrachten muss, um seine Gedanken von den Bilddetails freizubekommen, an denen er gerade gearbeitet hat?
Frauen werden oft bessere Multitasking-Fähigkeiten nachgesagt als Männern. Wohlwollend ausgedrückt: Sie schaffen es besser als Männer, ihre Konzentration auf mehrere Dinge gleichzeitig zu richten. Bösartig ausgedrückt: Sie machen alles gleichzeitig und nichts ordentlich. Wie fast alle Eigenschaften, durch die man große Personengruppen gleichartig zu charakterisieren versucht, ist auch diese nur sehr schwer zu beweisen. Leicht möglich, dass es sich dabei um einen Mythos handelt. Aber versuchen wir doch einmal, nur so zum Spaß, so zu tun, als würde es sich um einen bewiesenen Sachverhalt handeln. Das würde heißen, dass Frauen bessere Karten haben, wenn es darum geht, sich von der engen Fokussierung auf die nächstbeste Problemlösung zu befreien, und dass sie sich etwas leichter damit tun, erst einmal im weiteren Umkreis eines Problems spazieren zu gehen und dabei vielleicht eine etwas nachhaltigere Lösung zu finden: ein Problem erst einmal sorgfältig betrachten, bevor sie es lösen. Ob Frauen vielleicht bessere Chancen haben als Männer, sich durch Langsamkeit zur Nachhaltigkeit vorzuarbeiten?
Alles sehr spekulative Gedanken, die ihren Wert allenfalls dadurch bekommen könnten, dass Frauen und Männer darüber nachzudenken beginnen, ob eine solche Spekulation wohl auf sie selbst zutreffen könnte. Und falls ja, dann hieße es zu Recht: Meditation.

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