Gesellschaft

Wie gelangen wir von A nach B?
Vier Menschen erzählen von ihrer Art der Fortbewegung.

„Auf den Straßen herrscht Krieg"

Reiner Bludaumüller, 27 Jahre, Wien

Ich bin leidenschaftlicher Fahrradbote und habe meine Passion zum Beruf gemacht. New Yorker Kuriere auf zwei Rädern habe ich schon immer bewundert. Flink, geschwind und zuverlässig erledigen sie ihre Arbeit und bringen die Ware von A nach B. Genau das möchte ich auch tun – mich durch die Straßen einer Mega-City schlängeln, gefinkelte Wege für meine Route suchen und schneller als alle andere sein. Nun ja, gelandet bin ich in Wien. Das Geniale ist: Ich mache Fitness und bekomme noch Geld dafür. Leider ist unsere Berufsgruppe unbeliebt auf den Straßen Wiens. Eine Geschichte: Ich fahre den Ring entlang, vor mir schert ein großer schwarzer Van zum Einparken aus. Natürlich hat er mich nicht gesehen – das ‚roch' ich aber schon im Vorfeld und bin links um ihn herum gefahren. Kein Problem, kennt man ja – denke ich mir. Was macht aber der Typ im Auto? Er schreit mich an und beschimpft mich aufs Übelste. Schlaglöcher und nicht präparierte Wege erschweren noch zusätzlich meine Arbeit. Öffentliche Verkehrsmittel fahren sowieso, wie sie wollen – ohne Rücksicht auf Verluste. Sie sind die heimlichen Regenten der Straße. Was wir brauchen, sind Straßen, auf denen alle Teilnehmer gleichberechtigt fahren können.

 

„Meine geliebte Reise am Morgen"

Irene Schallert, 26 Jahre, Melk bei Wien

Seit acht Jahren lebe ich auf dem Land. Wir sind von Wien nach Melk gezogen, weil wir unsere Kinder im Grünen aufwachsen lassen möchten. Seit einem Jahr arbeite ich wieder – als Teilzeitsekretärin in einem Wiener Rechtsanwaltsbüro. Über ein halbes Jahr bin ich mit Zug und U-Bahn in die Arbeit gefahren. Mit dem Hin- und Herpendeln habe ich fast drei Stunden pro Tag verbracht – öfters sogar länger, wenn die Bahn Verspätung gehabt hat. Nur per Zufall ist mir zu Ohren gekommen, dass eine Freundin meiner Freundin eine Fahrgemeinschaft für Wien-Pendler ins Leben gerufen hat. Seither liebe ich meine ‚kleine Reise' am frühen Morgen. Wir sind zur Gänze Frauen in ähnlichen Lebensumständen. Wir tauschen uns aus und unterstützen uns gegenseitig im Alltag. Ich habe außerdem das Gefühl, umweltschonender zu leben und meinen Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Hätte ich meine Fahrgemeinschaft nicht gefunden, hätte ich meine Arbeit wieder aufgegeben. Ein eigenes Auto wäre bei mir finanziell nicht drin gewesen.

 

„Autos verwüsten die Welt"

Markus Heller, freier Architekt in Berlin, Initiator des Projekts ‚Arbeitsgemeinschaft Autofreies Stadtviertel an der Panke'

Ich bewege mich zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln fort. Ich habe mich nie GEGEN ein Auto entschieden, sondern nie FÜR eines. Als junger Erwachsener spielte ich zwar einmal mit dem Gedanken, mir ein Auto zu kaufen, aber es war mir dann doch zu lästig. Später wurde mir immer klarer, dass Autos in den meisten Fällen nicht nur überflüssige Statussymbole sind, sondern massive Probleme verursachen: enorm viele Verkehrsopfer, Umweltverschmutzung, Verschandelung der Städte usw. Heute würde ich mir nie eine Wohnung suchen, die nicht in der Nähe öffentlicher Verkehrsmittel liegt. Wenn ich reise, versuche ich, auch Flüge zu vermeiden, und nehme lieber die Bahn. 2007 bin ich mit der Bahn von Berlin nach Istanbul gefahren und habe dabei einige Zwischenstopps bei Freunden in Wien, Zagreb und Belgrad gemacht. Beim Fliegen geht so etwas nicht ... Ich engagiere mich für autofreie Wohngebiete – auch dieser Wunsch entstand aus pragmatischen Gründen. Angesichts von ‚Peak Oil' wird autofreies Wohnen irgendwann ganz normal sein.

 

„Ich gewinne Zeit"

Michael Cramer, Europaabgeordneter Bündnis 90/Die G

Ich lebe seit 1979 mobil – und das ohne Auto. In der Zeit, als ich noch in Berlin gewohnt habe, war mir die Stadt nur aus der Windschutzscheibenperspektive bekannt. Von der Stadt selbst – wie sie leibt und lebt – habe ich keine Ahnung gehabt. Dazumal hatte ich meine Wohnung auch noch mitten in Westberlin – die Parkplatzsuche ist dort eine Katastrophe. Irgendwann ist mir das dann zu dumm geworden und ich habe mir überlegt, gleich öffentlich zu fahren. Und dann habe ich das Autofahren ganz eingestellt. Als Abgeordneter bei den Grünen bin ich mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren und konnte auf diese Weise eine Viertelstunde pro Tag einsparen. Freunde von mir fahren sogar ins Fitness-Center mit dem Pkw, brauchen dafür eine halbe Stunde hin, suchen dann eine halbe Stunde nach einem Parkplatz, strampeln sich an einem Fitnessgerät eine halbe Stunde ab, düsen wieder eine halbe Stunde zurück nach Hause und suchen dann wieder eine halbe Stunde nach einem Parkplatz. Der Unterschied zwischen meinen autofahrenden Freunden und mir zeigt sich in den neun Stunden, die ich gewinne. Kein Wunder, meine Freunde stehen unter Dauerstress.

 

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