Gesellschaft

Wieso man so schlecht das eigene Leiden erkennt und so wenig dagegen tut. Peter Riedl über das Grundprinzip ‚Ablehnung' im Menschen und die Zusammenhänge dazu in der buddhistischen Praxis und im Leben.

In jedem Menschen gibt es drei Wurzeln, mit denen er oder sie auf die Welt kommt. Und zwar alle Menschen immer. Das hat der Buddha gelehrt.

Spricht man solche Verallgemeinerungen aus, muss man sie allerdings differenziert betrachten. Es sind ja nicht alle Menschen gleich. Die drei Wurzeln des Buddha werden Gier, Hass und Verblendung genannt und auf gut Abendländisch übertragen könnte man sie auch als ‚das Böse' bezeichnen. Die Betrachtungsweise ist bei uns aber eine andere. Wenn von Kriegsverbrechern die Rede ist, zeigt sich für uns das Böse. Als Anders Breivik, der Attentäter von Oslo, im Auto ins Gefängnis gefahren wurde, sagte die Fernsehsprecherin ebenfalls: „Da fährt das Böse!" In so gigantischem Maße sind die Formen des Bösen natürlich nicht in allen von uns vorhanden – aber auch in abgeschwächter Form will kaum jemand Negatives in sich akzeptieren. Das Böse sehen wir immer in den anderen – und ganz sicher außerhalb von uns.

Nach der buddhistischen Erkenntnis stellt es sich so dar: Erstens sind Gier, Hass und Verblendung nicht außerhalb, sondern in jedem Menschen als Wurzel angelegt. Sie gelten sogar als Bedingung, warum wir (wieder-)geboren sind. Und zweitens gibt es das sogenannte ‚Böse' als externe Kraft gar nicht. Diese Erkenntnis ist im Verständnis vieler westlicher Menschen schwer zu akzeptieren.

Darin zeigt sich der Unterschied zwischen östlich-buddhistischer und westlicher Sicht. Und zusätzlich zeigt das meines Erachtens auch, warum sowohl die buddhistische Lehre als auch die Ethik für den Westen eine Bereicherung darstellen kann, warum sie mit westlichem Religionsverständnis wenig zu tun haben und warum es vorteilhaft wäre, würde diese ganzheitliche Sichtweise unser Alltagsleben mehr durchdringen.

Ich kenne eine junge Frau, die liest seit Jahren regelmäßig Ursache&Wirkung. Sie liest auch meine Artikel, in denen ich gebetsmühlenartig wiederhole: Unsere Probleme liegen im Denken und im Fühlen. Man kann seine Gedanken und seine Gefühle unter Kontrolle bringen, quasi den Tiger reiten lernen, der in uns wütet. Eine Methode dazu ist die Übung der Meditation, in der man sein Denken beruhigen, ja sogar zum Stillstand bringen kann. Diese junge Frau hat Probleme. Nicht viel mehr oder weniger als die meisten anderen Menschen auch, aber immer wieder leidet sie unter zwanghaften Gedanken, die sie kaum abstellen kann. Dadurch entstehen sehr unangenehme Emotionen. Sie ängstigt sich nächtelang, weil sie ein Muttermal entdeckt hat und nun überzeugt ist, ein Melanom, also Krebs zu haben. Ein anderes Mal wird sie wütend, weil ihre Mutter etwas sagt, was ihr nicht passt. Heute ist das nicht mehr die spontane Wut von früher, sondern eher wie eine schlechte Angewohnheit, ein eingelerntes ‚Sich-echauffieren-Müssen', ein Verhaltensmuster. Irgendwann als kleines Kind hat sie sich angewöhnt zu schreien, wenn ihr die Mutter auf die Nerven ging, und das kann sie jetzt schlecht unterbinden, es sind alte Knöpfe, die sie sich gegenseitig drücken, die Tochter und die Mutter. Auch diese liest Ursache&Wirkung, auch sie hat Muster aus der Jugend. Sie atmet schlecht, hält immer wieder den Atem an, atmet völlig unregelmäßig. Das hat bei ihr bereits zu beginnenden gesundheitlichen Problemen geführt. Woher sie das hat, kann sie nur vermuten. Als Kind wurde sie oft geohrfeigt und hat, als der Vater zuschlug, den Atem vor Schreck angehalten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es von dort herkommt, aber sie hat es nun nicht mehr unter Kontrolle. Solche Mechanismen sind wie tief eingegrabene Lastwagenspuren auf einer Erdstraße. Die Spuren werden immer tiefer und eines Tages kann man darauf nicht mehr fahren. Dieses Bild entspricht der Krankheit, die aus den immer wieder gleich ablaufenden Mechanismen entsteht, wenn der Körper diese aus Energiemangel nicht mehr kompensieren kann. Auch die Mutter liest meine Artikel, in denen ich, wie schon erwähnt, gebetsmühlenartig wiederhole, dass die immer wieder gleich ablaufenden Lebensmuster ‚Samsara', der weltliche Daseinskreislauf, sind, an dem wir leiden, und dass es eine Möglichkeit gibt, ihn zu beenden. Wenn es gelingt, die eingefahrenen Kreisläufe zu durchbrechen und auf immer wieder gleiche Situationen nicht immer wieder gleich zu reagieren, sondern neu und anders zu agieren, beginnt ein neues Leben. Die Wiederholungen ‚immer wieder' sind bewusst gewählt. Sie deuten auf die Ausweglosigkeit in den ständig gleichen alten Lebensmustern der Erziehung, der Urteile und Vorurteile, die wir mitschleppen, unsere eigenen, die der Vorfahren und letztendlich die der ganzen Menschheit. Ein Ausweg aus dem Dilemma der kreisenden Gedanken, der sich wiederholenden Wutausbrüche, der stockenden Atmung kann in der buddhistischen Übung liegen, in einer ernsthaften Praxis der Meditation und der Achtsamkeit. Ich weiß das, denn ich konnte ähnliche, sehr alte und sehr tief liegende Lebensmuster mithilfe der buddhistischen Übung unterbrechen. Obwohl die erwähnten beiden Frauen leiden, so wie alle anderen Menschen, haben sie sich doch so sehr daran gewöhnt, dass sie keine ernsthafte Praxis beginnen, sie meditieren nicht und ändern auch sonst nichts in ihrem Leben. Sie bringen die intellektuellen Erkenntnisse in keinen Bezug zu sich.

Mit dem buddhistischen ‚Hass' ist also jede Form der Ablehnung gemeint. Hass ist nicht das Gegenteil von Liebe, sondern das Gegenteil von Begehren. Er hat die gleiche Qualität und Ursache wie die Gier, nur mit gegenteiligem Vorzeichen. Es gibt Menschen, bei denen steht das Begehren im Vordergrund, und solche, bei denen die Ablehnung dominiert. Mutter und Tochter, die eine lebt mehr die ‚Gier', die andere eher den ‚Hass'. Konfrontierte ich sie mit diesen Aussagen, würden beide vermutlich mit Unverständnis reagieren, so wie meine eigene Mutter, über die ich in der letzten Ausgabe geschrieben habe.

Es ist geradezu tragisch, wie sich die Religionen teilweise vom Wesentlichen wegentwickelt haben. Es wird kaum noch gelehrt, wie der Mensch zufriedener und ausgeglichener werden kann. Mehr oder weniger bedingungsloser Glaube und das Einhalten von Riten und Regeln stehen im Vordergrund. Kaum welche davon ergeben heute noch Sinn, die meisten scheinen bedeutungslos und führen zu Konflikten. Im Westen halten sich nur noch wenige an diese Regeln, im Lichte der zunehmenden Auseinandersetzung um religiöse Vorschriften kann das als Vorteil gesehen werden. Die buddhistische Religion ist genau betrachtet gar keine, sie ist eher eine Wissenschaft, jene vom Menschen, und möglicherweise waren das Religionen immer. Aus ihnen ist Bedeutendes hervorgegangen, die Medizin zum Beispiel. Wissenschaft war nicht zu allen Zeiten und an allen Orten gleich. Oft wurde mehr geglaubt als geforscht und untersucht. Das zeigt, wie wenig die Menschen wussten. Wer nicht weiß, glaubt oft, weil er nicht weiß, dass es besser sein kann, an die Dinge nicht mit dem Wissen oder Glauben heranzugehen, sondern mit dem Nichtwissen. Nur ein Geist, der ,nicht weiß', kann für wirklich Neues offen sein. So ein offener Geist kann eine Übung beginnen, zum Beispiel die Praxis der Achtsamkeit und der Meditation. Mit dieser kann man über die Grenzen des Bekannten hinausgehen ins Unbekannte. Es mag pathetisch klingen, aber das Überwinden dieser Grenzen kann ein Tor in ein neues Leben öffnen, in eines ohne Leiden. Wer das Tor durchschreiten möchte, braucht dreierlei. Einmal die Erkenntnis, dass er leidet, des Weiteren das Vertrauen, dass es einen Ausweg gibt, und drittens den Willen, Freiheit zu verwirklichen. „Wir haben das Leiden auf einen Thron gehoben", sagt Krishnamurti. Wir halten Leiden für gut, weil wir es scheinbar nicht ändern können, wir haben es akzeptiert und integriert, aus Philosophien und Religionen argumentiert, dass es gut ist. Aber das ist nicht richtig. Es sind das begehrliche Wollen und die Ablehnung, die die Mechanismen des Leidens aufrechterhalten.

Der Ausweg in die Freiheit führt ins Nirvana. Das ist kein nebulöser, esoterisch-religiöser Weg ins Nirgendwo, sondern ein konkreter in ein immerwährendes liebevolles, mitfühlendes und gleichmütiges Leben. So tief muss man nicht gehen. Weitgehende Zufriedenheit und Ausgeglichenheit zu erreichen, genügt auch schon.

 

Kommentare   

# Andrea Diesenreiter 2017-06-05 14:23
Danke für dieses Wachrütteln.
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