Leben

‚Erleben Sie ZEN und gehen Sie auf eine sinnliche Entdeckungsreise' las ich vor einigen Jahren auf einem Parfüm namens ‚Zen'. Seitdem sammle ich Produktwerbungen aus dem ‚WWW', aus der Weiten Waren Welt, die Zen versprechen – man will ja schließlich der eigenen Erleuchtung näher kommen, oder?

‚Google Almighty' weiß alles, sieht alles, findet alles – auch, was Zen ist. Wenn ich ‚Zen' in der Kategorie Bilder eingebe, strahlt mir eine Flut von frisch-grünen Bambusrohren, sinnlich-schwarzen Kieseln und bedeutungsschweren Ringen auf achtsam-stillen Teichen entgegen. Die vorherrschenden Farben? Grün, Weiß und Schwarz. Scrollt man weiter hinunter, kommen noch einige Orchideen und Stein-Buddhas, meist aus Kunststoff, dazu. Noch weiter unten gibt es schon die ersten weiteren vielversprechenden Hints: Zen-Musik, Zen-Joghurt, Zen-Babywippen. Ohhh, sag' ich da nur und frage mich: Ist dort, wo Zen draufsteht, auch Zen drin? Ich lasse mich also von Freund Google durch ein Zen-Lernprogramm führen.

 

Ich lerne: Zen ist Wellness und hat Farbe


Unübersehbar viele, sicherlich Hunderte Wellness- und Gesundheitsangebote schmücken sich mit dem Namen Zen. Ich erinnere mich an eine Fernsehwerbung für grünen Zen-Tee (grün, siehe oben!), in dem eine leicht bekleidete Lady im weißen Bikini (!) im Schneidersitz zu meditieren vorgibt. Sie blickt selig, bei ruhiger, besinnlicher Musik und bestrahlt uns mit Glück und Gesundheit. Wieso die Farbe Weiß? Weiß drückt Pures, Unverfälschtes, drückt Reinheit aus. Personen, die mit Gesundheit zu tun haben, tragen Weiß – Masseure, Therapeuten und Ärzte. Trotzdem ist Schwarz die Farbe, die am häufigsten mit Zen assoziiert wird: schwarze Kleidung, schwarze Matten, schwarz auf weiß gepinselte Kalligrafie. Schwarz und Weiß haben eines gemeinsam, sie sind eigentlich keine Farben, sie sind die Farben der ‚Nicht-Eigenschaften'. Also doch Zen drin? Grün, die dritte Zen-Farbe, steht für die Natur, häufig in Form von Bambus, oder als einzige Farbe, um einen ‚grünen' Akzent zum grauen Alltag zu setzen. Grün entspannt die Sinne und steht für die Ursprünglichkeit und das harmonische Miteinander in der Natur. Ist es Bambus, kommt noch die exotische Komponente dazu – ‚ex oriente lux', obwohl der Bambus mittlerweile auch bei uns schon sehr gut wuchert und so manchen Gärtner zur Verzweiflung bringt. Wellness? Wie jeder weiß, der zumindest in Zen reingeschnuppert hat, hat Zen aber schon gar nichts mit Wellness zu tun. Die Zen-Praxis ist weder entspannend, noch gibt es Massagen im Zen-Kloster. Die positiven Auswirkungen der Zen-Praxis auf die Gesundheit sind zwar inzwischen gut dokumentiert, aber sie sind das Resultat der nur scheinbar so einfachen ‚Sitz'-Praxis und nicht das vom Plätschern im warmen Thermenbecken.

Auch schwarze Steine finden wir in den Zen-Werbesujets zuhauf. Trittsteine im Wasser, Steintürmchen, Steine im Steingarten, von Kieselwellen umgeben, Steine mit Bambuszweigen, sogar Steine mit chinesischen Schriftzügen, die meist ‚Harmonie' oder ‚Glück' bedeuten. Alles im Lot und in Harmonie: Das versprechen Tees, Wellness-Studios und sogar ein Fuß-Spray. Auch gleich so manche komplette Institution, die mit Wellness, Schönheit und Entspannung zu tun hat, tut dies unter der Flagge Zen, zum Beispiel die ‚ZENwellness & beauty academy' in Düsseldorf mit ihrer Ausbildung zur Wellness-Kosmetikerin. Ein elegantes New Yorker Institut, das sich ‚La Vie Zen' nennt, verspricht eine Mischung aus einem Urlaub am Land in Frankreich und der Ruhe eines Zen-Retreats: ‚... luxuriös, friedlich, elegant und meditativ.' Das Angebot speist sich häufig aus fernöstlichen Massagepraktiken wie Tuina, Shiatsu oder aus der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin). Die Besitzerin des ‚Za Zen Wellness Center' in Beirut versprach bei der Eröffnung, dass es ihr Ziel sei, ‚Zen in das Leben ihrer Gäste fließen zu lassen'.

 

Ich lerne: Zen ist Klang im Ohr


Nicht nur Wellness-Institute versprechen Entspannung. Auch Musik soll die Hörer in inneres Gleichgewicht bringen. Die Titel versprechen ‚Heilung durch Zen-Musik', ‚Zen-Musik für innere Balance, Stresslösung und Entspannung, Beruhigung und Harmonie'. Für Leser, die Zen nicht kennen, lassen Sie mich ganz deutlich sagen: Im Zen gibt es ganz sicher keine Musik zur Entspannung! Besonders originell ist dann noch das Versprechen eines Hörgeräte-Herstellers, in einem neuartigen Hörgerät ein Entspannungsprogramm mit meditativer Musik anzubieten. Dieses heißt ‚InterEarZen' und bietet eine Auswahl von fünf verschiedenen Melodien, die angeblich etwas mit ‚Zen' zu tun haben sollen.

 

Ich lerne: Zen ist rundum g'sund


Sehr eng mit dem Wellness-Gedanken verwandt sind Produkte, die besonders auf die Gesundheit abzielen. Hier erinnere ich mich, dass ich vor ein paar Jahren in einem Hotel auf Long Island, USA, abstieg und mir plötzlich eine rote Müslischachtel beim Frühstück entgegenleuchtete mit dem Namen ‚Optimum Zen' für innere Harmonie und einem explodierenden Stern, der wohl die Power dieses Bio-Müslis illustrieren soll. Auf der Rückseite sitzt wieder eine Lady im Lotussitz und verspricht den ‚friedlichen Seufzer des Seins ... den Zen-Moment, wenn Gesundheit, mentale Balance und spirituelle Erfüllung zusammenkommen'. Vor allem in Amerika ist die Verbindung Zen mit biologischen und vegetarischen Produkten eng. Das ist beim grünen Bio-Tee ‚Zen' so und auch beim New Yorker ‚Zen Burger', einer Fastfood-Variante mit veganem Innenleben samt Salatblatt und Tomatenscheibe. Besonders spaßig ist die Nahrungsergänzung für Hunde ‚Zen Puppy – für wilde, ungehorsame Hunde', die mit Kräutern und Inhaltsstoffen aus der Natur den Vierbeinern zu geistiger Klarheit und zur Konzentrationssteigerung beim Hundetraining verhelfen soll.

 

Ich lerne: Zen macht schön


Die Kosmetikindustrie greift in vielen ihrer Produkte zur begrifflichen Entspannungs-Exotik. So heißt etwa eine Pflegeserie ‚Zen', die mit einem Pflanzenkomplex zur Beruhigung von Hautstress punktet. ‚Zen Organics Skin Care Products' wirbt mit dem Motto: ‚Live well. Live natural. Live Zen.' Die Tierversuchs-Freiheit habe eine besondere Wirkung, denn ‚gemäß der Zen-Philosophie sind unsere Produkte frei von Karma'. Wie gut, dass man sich bei der Morgentoilette sicher sein kann, kein zusätzliches Karma zu produzieren.

 

Ich lerne: Zen ist Design


Neben diesen ganzen biologischen, gesunden und karmafreien Produkten gibt es noch zwei kleine Nischen, einerseits für Klarheit, was oft im ästhetischen Sinn gebraucht wird. Hier sehe ich eine elektrische Zahnbürste, die einen Designerpreis gewonnen hat und durch sehr einfache, funktionelle Linienführung hervorsticht. Ein Bleistifthalter für das Büro, den ungewöhnliches Design auszeichnet, und eine Uhr mit schwarzen (!) Zeigern auf weißem (!) Grund und einer Öffnung statt des 12ers, in der grünes (!) Moos wächst. Diese ‚Zen-Uhr' sei laut Hersteller ‚ein Versuch, die Frage zu beantworten: Was ist Zen?'

 

Ich lerne: Zen gibt dir Power


Eine weitere Gruppe, in der Zen für Marketingzwecke herhalten muss, sind Produkte, in denen Zen für Präzision und Kraft steht. Ein Ski namens ‚Zenoxide' in der Farbe Schwarz mit rotem Zen-Kreis (Enso) – da lacht mein Zen-Herz schon mehr. Da spürt man das Kraftvolle, die Essenz, den plötzlichen Schrei des Zen-Meisters, die Tat statt weicher Worte.

Mein persönlicher Star am Zen-Produkte-Himmel ist der DVD-Kurs ‚The Zen of Screaming', ein Schrei-Kurs für Heavy-Metal-Sänger. So abwegig ist das gar nicht, überlege ich mir, denn schließlich wurde Rinzai-Zen im alten China die ‚Schule des Schreiens und Schlagens' genannt. Auch heute wecken Zen-Lehrer vor sich hin Dösende mit einem Schrei aus ihrem Dämmerzustand. Mir scheint, ‚The Zen of Screaming' hat mehr mit Zen zu tun als Zahnbürsten, Cremes, Tees, Müslis und Designermöbel. Zumindest der Titel entspricht dem, was Zen für mich ist: Dynamik, Kraft und absoluter Einsatz.

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Kommentare   

# Tom 2016-04-26 11:26
Super Artikel!!! Diesen inflationären Trend zum Zen habe ich auch schon vor längerer Zeit bemerkt.
Tom
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# Merula 2016-09-25 19:42
Herzlichen Dank für diesen unterhaltsamen Bericht! Schön, bemerken das auch andere wie inflationär dieser Begriff benutzt wird.
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