Leben

Wir wissen: Ärger ist wirklich ärgerlich. Aber wollen wir tatsächlich wegen jeder Kleinigkeit in die Luft gehen? Ein sarkastischer Streifzug mit Anselm Eder.

 

In einem Schweizer Hotel übernachtet eine Dame, bekommt bei der Abfahrt in der Früh die Rechnung präsentiert und ist entsetzt:
„685 Franken für eine Nacht? Ja sind Sie denn wahnsinnig? Was sind denn das für Preise?"
Der Portier sagt nach einem Blick in die Unterlagen:
„Ja aber ... Sie hatten ja das Zimmer mit Blick aufs Matterhorn."
„Hören Sie: Ich bin gestern Abend um 10 Uhr gekommen und muss heute früh um 6 Uhr weiterfahren – was glauben Sie, wie oft ich aufs Matterhorn geschaut habe?"
„Ja aber ... können hätten Sie! Können hätten Sie! Und außerdem sehe ich gerade: Sie hatten ja das Zimmer mit Sauna und Whirlpool und Massage inkludiert!"
„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich bin gestern Abend um 10 Uhr gekommen und muss heute früh um 6 Uhr wieder weiter, was glauben Sie wohl, wie viel Massage und Whirlpool und Sauna ich da konsumiert habe?"
„Ja aber ... können hätten Sie! Können hätten Sie!"
„Wissen Sie was: Ich zahle Ihnen 200 Franken für das Zimmer und ziehe Ihnen 485 Franken ab wegen sexueller Belästigung."
„Ja aber, gnädigste Frau, es hat Sie doch in unserem Haus niemand sexuell belästigt!"
„Ja aber ... können hätten Sie! Können hätten Sie!"

 

Über die Qualität des Witzes kann man unterschiedlicher Meinung sein. Aber er enthält ein oder zwei Elemente, über die sich, wie ich meine, nachzudenken lohnt.
Da ist zunächst einmal der Ärger der Dame, der daher kommt, dass ihre Vorstellung, was so eine Nacht in einem Hotel normalerweise kosten kann, mit den Tatsachen nicht übereinstimmt. Nun ist aber bekanntlich der Zimmerpreis eines Hotels nicht der Willkür des Portiers überlassen, sondern er ist von vornherein festgelegt (zumindest hofft man das). Er ist also geregelt. Der Ärger kommt somit aus der Diskrepanz zwischen den vorgefundenen und den erwarteten Regeln. Wenn wir die alltäglichen Ärgernisse, die uns immer wieder mal passieren, genauer anschauen, werden wir feststellen, dass sie so gut wie immer damit zu tun haben, dass irgendjemand sich nicht so benimmt, wie wir meinen, dass er oder sie sich benehmen sollte. Anders gesagt: dass er oder sie andere Regeln befolgt als die, die er oder sie nach unserer Meinung befolgen sollte. Denn dass jemand gar keine Regeln befolgt, ist kaum möglich, weil alle menschlichen Aktivitäten nach Regeln ablaufen, wenn auch manchmal nach solchen, die uns nicht gefallen. Sogar Ärgernisse, die mit gar keinen anderen Personen zu tun haben, wenn wir etwa über eine Teppichfalte stolpern, kann man als eine falsche Einschätzung von – diesmal physikalischen – Regeln interpretieren. Das zweite hübsche Element in der Geschichte ist die Reaktion der Dame, die sich jetzt die für sie zunächst neue Regel zu eigen macht und zum eigenen Vorteil verwendet – beziehungsweise dies versucht: Die Geschichte erzählt ja nicht, ob die Strategie aufgeht. Denn wenn man in diesem Haus alles bezahlen muss, was man können hätte, dann hat auch sie etwas in Rechnung zu stellen.

Wir können also jeden Ärger unter mindestens zwei Gesichtspunkten betrachten. Erstens: Irgendjemand hat irgendetwas falsch gemacht. Und zweitens: Irgendetwas hat ‚falsch' funktioniert, soll heißen, nicht so, wie wir es erwartet und für richtig gehalten hätten. Unsere Dame im Schweizer Hotel – wobei es für die Geschichte ganz unerheblich ist, ob sie in der Schweiz oder anderswo spielt – hat als Ansprechpartner nur den armen Portier – und der kriegt sein Fett ab. In Wirklichkeit geht es aber um die Zimmerpreise und die hat der Portier nicht gemacht. Dementsprechend gibt es zwei klassische Reaktionen auf Ärger. Erstens: Ein Schuldiger wird gesucht, gefunden und beschimpft. Zweitens: Das System der unerwartet anderen Regeln wird als solches erkannt und darauf wird reagiert. Auch dies ist in der Reaktion unserer Dame im Hotel angedeutet. Keine Frage, dass die zweite Art der Reaktion die sehr viel interessantere, meist allerdings auch die sehr viel schwierigere ist.

Übrigens deutet die deutsche Sprache interessanterweise auf etwas hin, das im Alltagsverständnis oft und gern übersehen wird: Ärger ist für gewöhnlich selbst gemacht, was in der Formulierung „Ich ärgere mich" ganz eindeutig zum Ausdruck kommt. Hier dürfte die Sprache gescheiter sein als die meisten Menschen, die Ärger gern als etwas von außen über sie Hereinbrechendes betrachten, dessen sie sich kaum erwehren können. Helfen uns diese Weisheiten, wenn wir Ärger vermeiden oder loswerden wollen? Bei akutem Ärger wahrscheinlich kaum. Bei chronischem Ärger vielleicht. Offenbar ist der Ausweg aus dem Ärger immer ein längerfristiges Projekt. Und da Ärger für gewöhnlich heftig und kurzfristig auftritt, haben wir hier ein Problem.

FACTS und BASICS zum Umgang mit Ärger

Ärger tritt zumeist dann auf, wenn eine menschliche Interaktion

  1. nicht das erwartete Ergebnis erbringt, und
  2. das tatsächliche Ergebnis nicht verwertbar ist, jedoch
  3. eine Verwertung des Ergebnisses dringend notwendig und/oder erwünscht ist.


Hier ein Beispiel:
A zu B: „Wo geht es hier zum Bahnhof?"
B zu A: „Sie sind mir so sympathisch – wollen wir was trinken gehen?"
1. Trifft zu. Die Antwort war nach dieser Frage kaum erwartbar.
2. Trifft zu oder auch nicht, je nachdem, ob die Sympathie auf Gegenseitigkeit beruht, und
3. trifft dann zu, wenn A einen Zug erreichen möchte, dann nicht, wenn A die Architektur des Bahnhofs betrachten möchte.



Dementsprechend kann die obige Interaktion durchaus Ärger verursachen, oder eben auch nicht, eventuell sogar freudige Überraschung.

Das langfristige Projekt zum Umgang mit – oder zur Vermeidung von – Ärger beinhaltet folgende Übungsziele:
1. Lernen Sie, sich über Unerwartetes zu freuen.
2. Lernen Sie, unerwartete Reaktionen auch dann zu verwerten, wenn sie Ihren augenblicklichen Zielen nicht dienlich sind.
3. Vermeiden Sie Zeitdruck.

 

Es handelt sich eben, wie gesagt, um ein langfristiges Projekt, das beim kurzfristigen Alltagsärger über den Busfahrer, der schon wieder die Tür nicht aufmacht, über den eisglatten Weg, der schon wieder nicht gestreut ist, oder über den Schalterbeamten, der sich schon wieder nicht für Ihr Anliegen interessiert, leider nur wenig hilft. Aber bei chronischem Ärger, etwa über die heranwachsende Tochter, die schon wieder ihre Socken herumliegen hat lassen, könnten die Fragen, wofür diese Socken stehen, welche anderen Ziele durch die herumliegenden Socken vielleicht noch erreicht oder zumindest angestrebt werden mögen, was durch die herumliegenden Socken für Antworten gegeben werden – vielleicht sogar auf Fragen, die gar nicht gestellt worden sind – kurzum, welche anderen Regeln diese heranwachsende Tochter befolgt, andere nämlich als die, deren Befolgung die geplagte Mutter sich wünscht, Fragen dieser Art könnten also vielleicht zu mitunter interessanten Ergebnissen führen. Die Socken könnten so von einem Ärgernis zu einem Dreh- und Angelpunkt der Kommunikation werden. Allerdings nur dann, wenn die geplagte Mutter nicht unter dem (Zeit-)Druck steht, wegen einer nicht aufgeräumten Wohnung Schwierigkeiten mit ihrem Ehemann zu bekommen.

Lassen wir zusammen: Ärger entsteht immer als Kontrasterlebnis zwischen Erwartung und unerwünschter Wirklichkeit. Um dem Ärger zu entkommen, gibt es grundsätzlich drei Wege: Den Weg der Mächtigen, der darin besteht, die unerwünschte Wirklichkeit im erwünschten Sinne zu verändern. Die Dame in unserer einleitenden Geschichte kauft das Hotel, verändert die Preise und entlässt den Portier. Den Weg der Machtlosen, der darin besteht, dem Zwangscharakter der Situation nach Möglichkeit zu entkommen. Unsere Dame lässt sich wegen Zahlungsunfähigkeit verhaften, schäkert mit den Wachebeamten und genießt den Gefängnisaufenthalt als Gratisurlaub. Und schließlich den Weg der Schlauen: Die Dame definiert die Situation in ihrem Sinne um, unter Verwendung der eben noch ärgerlichen Spielregeln. Schade nur, dass wir durch die Allmachtsmythen unserer Kultur so oft auf den Weg der Mächtigen verführt werden, der dann mangels finanzieller Mittel meistens doch nicht funktioniert.

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