Leben

Privat ein Russe, beruflich einer der beliebtesten deutschen Schriftsteller. Wladimir Kaminer erzählt, wie er es schafft, das Leben auf die leichte Schulter zu nehmen. Mit Ursache\Wirkung spricht er auch darüber, was man seiner Meinung nach braucht, um ein gutes Leben zu führen.

 Was ist ein gutes Leben?
Ein gutes Leben ist immer ein Kompromiss. Das ist mit das Wichtigste, das ich in meinem Leben gelernt habe. Jeder geht mal durch eine Phase des Unglücklichseins. Normalerweise sollte diese Phase bereits in der frühen Kindheit durchlebt werden. Die Ursachen für das Gefühl des Unglücks suchen wir hauptsächlich in der Welt draußen, also im Außen. Dieses Phänomen kenne ich gut von meinen Kindern. Lange Zeit waren sie davon überzeugt, dass falsche Freunde und eine falsche Umgebung an ihrem Unglück schuld seien. Was haben sie also gemacht? Sie haben die Freunde ausgetauscht und dachten, damit die Probleme zu lösen. Doch was sie erkennen mussten, war Folgendes: Ich kann die Umgebung, meine Freunde, mein komplettes Leben wechseln, aber es ändert sich nichts, das Gefühl bleibt. Irgendwann beginnen wir Menschen dann doch, die Ursache für unser Empfinden in uns selbst zu suchen. Wir beginnen mit Yoga, werden zum Vegetarier oder nehmen Japanischunterricht – und auch dann machen wir oft die Erfahrung, dass sich nichts wirklich verbessert hat. Meiner Theorie nach hören wir Menschen irgendwann auf, uns und andere ändern zu wollen, und finden uns damit ab, dass das, was passiert, nicht zu ändern ist. Wir Menschen sind, wie wir sind, und reflektiert man selbstkritisch über sich, müsste man auch zu der Erkenntnis gelangen, dass man nicht perfekt ist. Wir müssen daher alle einen Kompromiss mit uns und der Welt schließen, um Frieden zu finden.

„Ein gutes Leben ist immer ein Kompromiss.“

 

Brauchen wir Frieden, um ein gutes Leben zu führen?
Frieden macht glücklich, das zeigt sich auch an der politischen Situation im heutigen Europa. Es gibt jedoch Menschen, die kurzsichtig sind und auf Abwehr und Gewalt setzen. Nach dem Motto: Wenn beim Nachbarn die Wohnung brennt, muss ich nur sämtliche Türen schließen und in die andere Richtung schauen. Die Nachbarwohnung soll komplett ausbrennen, denn dann habe ich mehr Raum. Doch das ist eine überaus kindische Vorstellung, denn was passiert, ist, dass wir gar nicht glücklich sein und gut leben können in einer Welt voll Hunger und Not. Das funktioniert einfach nicht. Entweder kommen alle Menschen über die Runden oder gar keiner. Es gibt nur eine gemeinsame Zukunft. Stolpert das eine Land, dann stolpert auch – vielleicht nicht gleich – das andere.

 

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Führen Sie ein gutes Leben?
Ja, weil ich habe keine großen Ansprüche, keine bestimmten Grundsätze oder großartige Dinge, die ich erhoffe. Ich bin für alles offen und ein sehr neugieriger Mensch. Ich sehe, dass sich die Welt um mich herum und meine Mitmenschen täglich verändern. Das Leben ist ein Fluss, deshalb erscheint es mir unangebracht, konkrete Erwartungen zu haben. Jeder Tag ist ein Neuanfang.

 

„Jeder Tag ist ein Neuanfang.“

 

Wie erleben Sie den Flüchtlingsstrom nach Deutschland oder hier in Österreich?
Es ist eine unheimliche Geschichte. Ich glaube nicht, dass diese Menschen einen Lebensentwurf oder eine Lebensperspektive haben. Ich glaube, sie wissen nicht, was sie tun. Und die gastfreundlichen Menschen, die sie willkommen heißen, wissen es auch nicht. Es ist eine hoch spannende Situation. Die Deutschen reden über diese Flüchtlinge, als wären sie Haustiere. Können wir noch 100 Katzen nehmen oder nicht? Reichen die Konserven? Die Flüchtlinge selbst sind bisher noch nicht zu Wort gekommen und haben uns noch nicht mitgeteilt, wie ihre Erwartungen aussehen.

Kann Ihre Flucht aus der Sowjetunion mit derjenigen heutiger Flüchtlinge verglichen werden?
Nein. Meine Flucht war der pure Spaß. Ich bin aus der Sowjetunion in die DDR ausgereist, buchstäblich in den letzten Tagen ihrer Existenz. Die Flüchtlingsschicksale, die sich derzeit vor meinen Augen abspielen, haben mich dazu veranlasst, über das Flüchtlingselend meiner Familie zu schreiben. Meine Mutter musste mit ihren Eltern 1941 vor den Nazis aus Moskau fliehen. Meine Schwiegereltern haben quasi über Nacht aus Tschetschenien verschwinden müssen – das war nicht lustig. Meine Fahrt aber war lustig – das ist die einzige lustige Flüchtlingsgeschichte, die ich kenne. Ganz allgemein kann man sagen, dass mein Leben mit sehr viel Spaß verbunden ist.

 

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Hatten Sie immer schon ein so heiteres Naturell?
So bin ich nicht auf die Welt gekommen, sondern besorgt und schreiend, wie alle Menschen das tun. Ich wurde von vielen Ängsten und Unsicherheiten geplagt – auch das ist natürlich. Irgendwann aber habe ich es mir selbst verboten, mich zu ärgern. Meiner Meinung nach sollten wir keine Forderungen an die Welt stellen. Wir sollten es so halten, wie die Deutschen es ausdrücken: „Dem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.“ Im Russischen gibt es dieses Sprichwort auch. Das Leben ist ein Geschenk Gottes. Man muss sich dem Neuen gegenüber öffnen und darf keine Angst haben. Beginnt man sich einmal zu ärgern, ist das der Beginn einer Never Ending Story. Als Beispiel: Zuerst ärgert man sich über die Mücken, dann über die Fliegen, dann kommen noch die Spinnen dazu, plötzlich ärgere ich mich über alle Lebewesen, auch über die Menschen, mich eingeschlossen. Es gibt immer irgendetwas, das dich in deiner Ruhe stört. Also sollte man besser gar nicht damit anfangen.

 

„Meine Flucht war der pure Spaß.“

 

Sie haben ein neues Buch mit dem Titel ‚Das Leben ist keine Kunst‘ geschrieben. Wovon handelt es?
Menschen sehen ihr Leben oft als eine Art Kunstprojekt an. Sie wollen etwas aus eigener Kraft schaffen, das ihr Leben und das anderer verändert. Manchmal geschieht das in der Tat, aber immer anders als geplant. Die Veränderungen kommen nicht unbedingt so, wie man es sich erhofft hat. Meist ist da eine schreiende Diskrepanz zwischen dem Ideal und der Realität. Wenn ein Traum auf die Realität trifft, dann passiert oft sehr Lustiges. Und genau davon handelt das Buch. Übrigens ist es auch sehr lustig.

 

„Ich bin besorgt und schreiend auf die Welt gekommen, wie alle Menschen das tun.“

 

Was ist Ihr Rezept für ein gutes Leben?
Man muss in gewisser Weise sich selbst aufgeben, um glücklich zu sein. Man sollte nicht egozentrisch sein und sich als Mittelpunkt der Welt betrachten. Auch sollte man immer ein bisschen auf Distanz zu sich selbst gehen. Selbstironie ist da sehr wichtig. Ein vorgefertigtes Konzept für das Leben zu haben ist nicht gut. Die Vorstellungen werden so niemals eintreffen und auch nicht bewusst zu realisieren sein. Ich merke, dass gerade Männer häufig diese Fehler machen und ab einem bestimmten Alter einfach enttäuscht und desillusioniert sind, weil sie denken, ihr Lebensprojekt sei gescheitert. Sie schmollen dann vor sich hin und werden zu Arschlöchern. Ab diesem Zeitpunkt macht das Leben dann wirklich keinen Spaß mehr. Ich persönlich habe keinen Lebensplan und bin sehr glücklich damit.

Sie veranstalten seit Jahren Feste wie die ‚Russendisko‘. Haben all Ihre Veranstaltungen eine politische Botschaft?
Wir versuchen, die Politik wieder zu etwas Alltäglichem zu machen. Es ist eine sehr angenehme Vorstellung, dass Politik auch im Fernsehen stattfindet. In meiner Heimat Russland war das nicht so. Heute haben wir diese Politik, und zwar vor unserer Haustüre. Wir haben sie auf der Straße, und zwar in Form von Menschen in Not. Jede Geste wird damit politisch.

 

„Es ist eine sehr angenehme Vorstellung, dass Politik im Fernsehen stattfindet.“

 

Ihre letzte Veranstaltung stand unter dem Motto ‚Tanzen für ein solidarisches Europa‘. Wo finden diese Feste statt?
Wir veranstalten diese Disko nicht nur in Berlin, sondern sind auch viel unterwegs. Mein Kollege Yuriy Gurzhy, mit dem ich die Russendisko veranstaltete, hat eine Band, mit der er erst kürzlich ein Konzert für Solidarität in Ungarn gespielt hat. Sie waren für ein Wochenende in Budapest unterwegs. Die Auftritte waren den Erzählungen nach sehr schwierig. Wir haben auch schon mehrmals die Russendisko mit ukrainischer Musik veranstaltet, um ein Zeichen für den Frieden zu setzen. Natürlich bleiben wir politisch. Alles ist politisch. Es kann durchaus vorkommen, dass Menschen nicht mit uns einer Meinung sind, aber dann versuchen wir, miteinander zu reden. Hauptsache, man bleibt im Gespräch.

Fotos © A. Walther

 

Wladimir Kaminer, 1967 in Moskau geboren, lebt seit 1990 am Prenzlauer Berg in Berlin. Er ist Schriftsteller und geht häufig auf Lese- und Vortragsreisen. Sein neuestes Buch ‚Das Leben ist keine Kunst‘ ist im September 2015 erschienen.

 

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Kommentare   

# Patlar Dukkha Ajdan 2016-02-15 17:07
Tiere haben mehr gefühl als Menschen....Warum sollten Flüchtlinge mehr wert sein als Tiere? Lächerlich.....
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# Manuela Berndl 2016-02-15 17:08
Ein kluger Mann !
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