Leben

Der Philosoph Wilhelm Schmid über die Liebe und das Denken als Quelle der Gelassenheit.

Sie sind Philosoph. Wie wird man das?
Aus Verlegenheit. Einerseits war es mir sicherlich in die Wiege gelegt, weil mein Vater ein Philosoph war, allerdings ohne jegliche höhere Schulbildung. Er war ein Bauer, der sich Gedanken gemacht hat. Gedanken machen ist Philosophie. Mehr ist im Grunde nicht dahinter. Diese Berufung von Haus aus habe ich zunächst versucht zu umgehen. Erst später habe ich mich gefügt. Es waren einige Fragen in meinem Leben aufgetaucht, die ich zu beantworten versucht habe. Das waren vor allem Fragen, die die Liebe aufwirft.

Die Liebe, aber auch die Gelassenheit sind zentrale Themen im Buddhismus. Wie kommen Sie zu diesen Fragen?
Das sind Fragen, die im Leben absolut jedes Menschen auftauchen. Jeder Mensch ist früher oder später mit Liebe konfrontiert. Man meint damit meist Liebe im engeren Sinne, also die begehrliche Liebe. Doch Liebe meint auch schon die Liebe zu den Eltern, zu Freunden, zur Natur. Große Probleme wirft die Liebe im engeren Sinne auf.

Im Buddhismus werden viele Formen der Liebe unterschieden. Haben Sie sich damit auch beschäftigt?
Allen Formen von Liebe ist eines gemeinsam, es handelt sich immer um eine Zuwendung und Zuneigung in unterschiedlichen Formen. Bei der Liebe im engeren Sinne nimmt das die Form des Begehrens an. Das wirft bestimmte Fragen auf, weil viele Erwartungen mit dieser Form von Liebe verbunden sind. Wenn diese Erwartungen enttäuscht werden – und sie werden zwangsläufig enttäuscht, denn der andere Mensch ist nicht dazu da, dass es mir gut geht, sondern damit es ihm gut geht –, dann sind die Enttäuschungen gewaltiger als bei den anderen Lieben. Ich habe das mehrfach erlebt und dann dachte ich mir, du musst dieser Sache gründlich nachgehen. Das erste große Buch über die Liebe stammt von Platon, das ‚Symposion – Peri Erotos‘. Es ist das einzige gründliche Buch über die Liebe. Ich habe es auch aus dem Altgriechischen übersetzt.

Spielte das Verlassenwerden eine Rolle in Ihrem Leben?
Ja, durchaus. Ich war schon einmal verheiratet und bin von meiner damaligen Frau verlassen worden. Menschen sind vom Begriff der Liebe viel stärker abhängig, als sie selbst glauben. Es gibt unendlich viele Begriffe von Liebe. Jede Kultur hat einen bestimmten Begriff der Liebe und den übernehmen die Teilhaber an dieser Kultur. Die europäische Kultur ist seit annähernd 200 Jahren sehr stark vom romantischen Begriff von Liebe geprägt. Der sieht vor, dass Menschen sich verstehen, Harmonie vorherrscht und die Menschen letztlich eins werden. Ich bin gescheitert an diesem Begriff von Liebe. Ich verdanke meiner jetzigen Frau, dass sie mich langsam, aber sicher an die Einsicht herangeführt hat, dass zur Liebe Störung der Harmonie gehört und ein Alltag, der nicht von leidenschaftlichen Gefühlen geprägt ist, sondern von schlichten, banalen Organisationsfragen. Wenn die banalen Fragen beantwortet sind, wird der Raum frei, um romantische Liebe zu pflegen.

Und wie ist es gekommen, dass Sie sich mit Gelassenheit beschäftigt haben?
Ich glaube, alle wichtigen Dinge werden dem Menschen vom Leben serviert. Das Leben ist sehr fürsorglich mit den Menschen. Das hat vermutlich Gründe, denn das Leben hat die Menschen überhaupt erfunden. Die haben sich nicht selbst erfunden. Das Leben hatte offenbar ein Bedürfnis nach einem Wesen, das so gestaltet ist wie der Mensch. Mit Nachdenklichkeit, mit Irritierbarkeit und mit einer unendlichen Experimentierfreude. Dieses Wesen kann mit seiner Experimentierfreude sehr viel zur Evolution beitragen. Und so kommt es, dass das Leben uns alle wichtigen Dinge serviert. Wenn die Unruhe zu groß wird, beginnt die Suche nach Gelassenheit. Ich verstehe unter Gelassenheit allerdings nicht Ruhe. Ruhe haben wir, wenn wir tot sind. Davor darf es ein bisschen unruhig sein.

Wie können Ihrer Erfahrung nach überhaupt Erkenntnisse über die Gelassenheit gewonnen werden?
Der erste Schritt zur Gelassenheit ist Einsicht in die verschiedenen Phasen des Lebens. Ich habe eine grobe Vierteilung vorgenommen, damit es leichter zu erkennen ist, in welcher Phase wir uns befinden. Das erste Lebensviertel ist eine Möglichkeitsphase, in der wir durch Spielen, Bildung und Ausbildung Erfahrungen sammeln. Wir tun Kindern und Jugendlichen nichts Gutes, wenn wir sie in dieser Phase dazu nötigen, zur Wirklichkeit überzugehen. In der Möglichkeitsphase kann der Mensch noch alles ausprobieren. Ich wünsche mir heute, ich hätte die Einsicht in die verschiedenen Lebensphasen früher gehabt, zum Beispiel im Alter von 30 bis 40 Jahren. Das ist die zweite und schwierigste Lebensphase, zwischen 25 und 50, die – wie ich sie bezeichne – Stress- oder Wirklichkeitsphase, in der parallel wichtige Dinge bewerkstelligt werden müssen. Beispielsweise Karriere und Familiengründung. Ich war in dieser Zeit oft außer Rand und Band. Wenn ich gewusst hätte, dass das zur Eigenart dieser Phase gehört, hätte ich gesagt: „Na ja, dann ist es eben so.“ Die Phase des allmählichen Älterwerdens zwischen circa 50 und 75 Jahren nenne ich das dritte und die Phase des verschärften Älterwerdens ab 75 das vierte Lebensviertel.

Sind die Zeiten heute nicht wunderbar, um Gelassenheit zu üben?
Die Zeit für Gelassenheit ist die Zeit des Älterwerdens. Was die Weltzeiten anbelangt, gibt es keine Zeiten für Gelassenheit. Die Menschen träumen zwar von einer friedlichen Welt, aber eine friedliche Welt stelle ich mir als eine sehr langweilige Welt vor. Die Menschen haben den Maßstab verloren. Wir erleben derzeit keinen Weltkrieg und keine Pest. Das wären wahrlich Herausforderungen. Wir sind weit entfernt von solchen Zeiten. Die Menschen haben heute einen extrem hohen Anspruch an das Leben und die Welt. Das Leben soll sie vollkommen glücklich machen und die Welt soll absolut paradiesisch sein.

Kann man über das Denken zur Gelassenheit kommen oder nur über die Übung?
Erst mal muss die Einsicht kommen, dass die Übung einen Sinn hat. Die antiken Philosophen nannten Übung ‚askesis‘. Wir brauchen dringend Übung. Es gibt keine Automatik vom Denken zum Handeln. Jede Einsicht muss sich mit oft jahrelanger Übung zur Wirklichkeit bringen. So kommt es zu Gewohnheiten, die zur Gelassenheit beitragen.

Wie kann so eine Übung aussehen?
Meine Übung ist es, jeden Morgen ins Café zu gehen und nachzudenken. Ich verdanke dieser einen Stunde – meistens sind es zwei Stunden – unglaublich viel. In dieser Zeit sprießt das Denken. Jeder Mensch muss selbst einschätzen, wann seine goldenen Stunden sind, um zur Kraft zu finden.

Haben Sie ein Korrektiv, dass Ihre Gedanken nicht bloß Illusionen sind?
Ja, Philosophen haben sich schon oft verrannt. Ich habe Sicherungsmechanismen eingebaut: meine Frau, ein sehr guter Freund und weitere Menschen. Sie geben mir Rückmeldungen.

Gibt es für Sie so etwas wie eine geistige Übung oder würden Sie ein bestimmtes Geistestraining empfehlen?
In der Philosophie sind geistige Übungen seit Pythagoras bekannt. Praemeditatio malorum zum Beispiel ist das Vorwegbedenken des Üblen, wovon ich selbst sehr viel halte, gerade in einer Zeit, in der sich alle dazu genötigt fühlen, alles positiv zu denken. Es ist das Negativdenken – ich denke mir, was alles Negatives geschehen kann. Viele Menschen haben Angst, dass es dann auch eintrifft. Davon kann ich nicht berichten. Wenn etwas Negatives eintrifft, bin ich gedanklich vorbereitet. Wenn es nicht eintrifft, bin ich hocherfreut und kann einen Zustand genießen, an dem ich sonst achtlos vorbeigegangen wäre. Ich denke mir etwa, der Zug kommt nicht pünktlich, und er kommt auch tatsächlich nicht pünktlich. Ich bin darauf vorbereitet, habe mir zu essen und Arbeit mitgenommen und keine knappe Terminsetzung nach der Ankunft gemacht. Manchmal kommt es vor, dass der Zug pünktlich ankommt, dann ist das für mich eine Quelle der Freude. Für normale, positiv denkende Menschen ist das keine Freude, für sie hat der Zug den Job, pünktlich anzukommen.

Können Sie Ihre eigenen Gedanken kontrollieren, beenden und gezielt ausrichten?
Ja, das könnte ich. Aber meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich das lassen sollte. Denn das Denken denkt viel besser, wenn ich es denken lasse, also wenn ich nicht eingreife. Systematisch denke ich natürlich auch manchmal, wenn ich etwa einer bestimmten Frage gründlich nachgehe.

Können Sie in Phasen des grüblerischen Denkens das Denken abstellen?
Ja, ohne Mühe. Vielleicht ist das in der Tat die jahrzehntelange Übung im Umgang mit dem Denken, dass ein Philosoph gezielter in das eigene Denken eingreifen kann.

Spielt Spiritualität für Sie eine Rolle?
Für einen Philosophen ist es die Frage, was darunter zu verstehen ist. Spiritualität geht zurück auf den lateinischen Begriff ‚spiritus‘, was Geist bedeutet. Für mich als Philosophen bedeutet Geist ‚Gedanklichkeit‘. Ich mache aber die Beobachtung, dass jene, die von Spiritualität sprechen, noch etwas anderes meinen, was schwer für mich zu fassen ist. Ich kann mir vorstellen, dass sie meinen, es müssen bestimmte Gedanken sein.

Vielleicht meinen diese Menschen Glaubensinhalte.
Da ist wiederum die Frage: Was sind Glaubensinhalte? Das ist allerdings keine spezifische Aussage, denn wir haben immer mit Glauben zu tun. Wir kommen aus dem Glauben nicht hinaus, auch dann, wenn wir wissen, glauben wir eigentlich nur zu wissen. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt sehr deutlich, es gibt kein definitives, endgültiges Wissen – zu keinem Zeitpunkt. Jedes Wissen kann morgen schon durch neues Wissen ersetzt werden.

Kann ich aus dem geistigen Zustand des Nicht-Wissens die Welt beurteilen und in sie hineingehen?
Ich halte das nicht für sinnvoll. Uns ist nun mal die Möglichkeit der Wissensarbeit gegeben und dann sollen wir sie auch nutzen. Wir sollten bloß realistischer vorgehen und nicht glauben, dass wir beim Wissen nicht glauben.

Ist eine mystische Komponente für Sie denkbar?
Ich bin nicht sicher. Der zehnte Schritt auf dem Weg zur Gelassenheit besteht darin, zu erkennen, was das Wesentliche im Leben ist, ohne das alles zusammenbrechen würde. Das Leben gibt uns eine einzige Möglichkeit, das in Erfahrung zu bringen, nämlich, wenn ein Mensch tot ist. Warum ist er tot? Weil ihm etwas Wesentliches fehlt, so wesentlich, dass es sein ganzes Leben getragen hat und jetzt in seiner Abwesenheit das Leben zusammenbricht. Und das kann man auch ohne Mystik herausfinden. Auch ich habe viele Male mit Entsetzen vor einem Toten gestanden. Energie ist aus seinem Körper hinausgegangen. Ich meine keine mystische Energie, sondern reale, physikalisch messbare Energie. Es gibt den Energieerhaltungssatz in der Physik seit 1847. Energie kann in andere Energieformen umgewandelt werden, aber nicht vernichtet und nicht erzeugt werden. Das klingt verdammt ähnlich zu dem, was alle Kulturen zu allen Zeiten ‚Seele‘ genannt haben. ‚Seele‘ ist nichts anderes als Energie. Diese Energie ist poetisch ausgedrückt unendlich, unsterblich und das ist das Wesentliche am Leben. Alles andere ist personal. Menschen mögen bedauern, dass sie als Person aufhören zu existieren. Wohin geht diese Energie? Mutmaßlich dahin, woher sie kommt. Ich vermute, dass das nüchtern betrachtet mit Spiritualität gemeint ist – und das trägt zu meiner Gelassenheit bei.

Wilhelm Schmid, 63, ist ein deutscher Philosoph und Bestsellerautor mit Schwerpunkt auf dem Gebiet der Lebenskunstphilosophie.

 

Tipp zur Vertiefung:
Wilhelm Schmid, Gelassenheit: Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Insel Verlag, 2014
 
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