Leben

Jeder Tag in unserem Leben ist gespickt mit Angeboten, sich einmal wieder genüsslich zu ärgern.

Schon am frühen Morgen können wir das Radio anschalten, die 7-Uhr-Nachrichten hören und dabei spüren, wie Erregung in uns aufsteigt. Auch die unangenehmen Gewohnheiten unserer Liebsten oder der Blick in den Spiegel bieten Ansatzpunkte zum Aufbrausen. Doch wir geben unserer Lust an spontaner Entladung nicht nach. Wir spüren stattdessen die Lebenskraft, die der Ärger aufrührt, die kecke Streckung der Wirbelsäule und all die kleinen Gesichtsmuskeln, die mit unserem Unmut wach werden. Ärger kommt in zahllosen Verkleidungen daher – vom inneren Verstimmtsein über leises Schmollen und Grollen hin zu gereizter Frustration, Empörung, kochender Wut, kalter Rache. Wir kennen alle unsere Lieblingsaufreger und wissen meist recht gut, woran sich unsere Nächsten entzünden. Doch wie nutzen wir dieses Gefühl?

Mir hat es geholfen, konstruktiven Ärger von destruktivem Ärger unterscheiden zu lernen. Ich brauche konstruktiven Ärger, um mir nicht alles bieten zu lassen und für meine Rechte einzustehen. Konstruktiver Ärger will kommunizieren, ein Problem lösen. Er ist geradeheraus und nährt die Durchsetzungskraft. Konstruktiver Ärger ist kurz und kräftig und schnell vergessen. Er hat Sinn für Humor, möchte weder mit Worten noch mit Taten anderen eins auswischen oder sie gar verletzen, er möchte Einsicht und Veränderung schaffen. Konstruktiver Ärger bildet die Grundlage für ein Aufbegehren gegen soziale Ungerechtigkeit und die Missachtung der Rechte aller Lebewesen.

Denn wenn ich gut schreiben, beten und predigen will, dann muss ich zornig sein; da erfrischt sich mein ganz Geblüt, mein Verstand wird geschärft, und alle Anfechtungen weichen.
Martin Luther

Im Gegensatz dazu denkt destruktiver Ärger nur an sich selbst. Er vergöttert Meinungen und Ansichten und glaubt zu wissen, wo es langgeht. Wer sich destruktiv ärgert, frönt seinem Hang zum Drama und steigert sich in die Ärger-Geschichte hinein, denkt nicht darüber nach, wohin ein unreflektiertes Dampfablassen führen kann. Es gibt kein Bewusstsein über die Absicht, die mit dem Ärger verfolgt wird. Destruktiver Ärger möchte verletzen, schockieren. Argumente hört er nicht.

Wollen wir unseren destruktiven Ärger in konstruktiven verwandeln? Dafür erforschen wir alle inneren Abläufe im Zusammenhang mit diesem schwierigen Gefühl. Wie beginnt es? Was passiert im Körper? Wie fühlt sich der Höhepunkt an? Im Kern aller Ärgernisse steckt Widerwillen, der auf eine unangenehme Erfahrung reagiert. Je tiefer wir unsere Antwort auf Unangenehmes verstehen, umso einsichtiger wird auch unser Ärger. Wenn es gelingt, Ärger als Empfindung im Körper zu verankern, zu spüren, wie wir dabei atmen und welche Gedankenspulen ablaufen, können wir viel ruhiger entscheiden, welches Verhalten, welche Antwort angemessen ist. Ärger darf sein. Ärger ist Kraft. Wie wir die Kraft einsetzen, das muss unsere bewusste Entscheidung sein.

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