Leben

Der österreichische Psychotherapeut Wolfgang Merz ist seit vielen Jahren als Coach und Therapeut tätig. Er erklärt, warum uns die Leistungs- und Konsumgesellschaft krank macht und was Sexualität mit Meditation zu tun hat.

Was verstehen Sie persönlich unter sexueller Energie?

Sie ist ein Teil der Lebensenergie. Nach einem alten hinduistischen Prinzip wird von der Kundalini-Energie gesprochen. Ein wesentlicher Teil dieser Lebensenergie ist die sexuelle Energie. Wenn ich diese gar nicht oder unbefriedigend lebe, dann sind die allgemeine Lebensenergie, die Vitalität und die Lebensfreude beeinträchtigt. Die sexuelle Energie ist quasi ein wichtiger Zufluss zum großen See der allgemeinen Lebensenergie. Für jemanden, der lebendig und intensiv, sich und das Leben spürend, wirklich selbstbewusst sein Dasein gestalten möchte, ist es daher unerlässlich, auch den Zugang zu seiner sexuellen Energie zu finden.

 

Ist Ihren Klienten bewusst, dass sie sexuelle Schwierigkeiten haben?

Die meisten Menschen sind nach außen orientiert: nach Leistung und Erfolg. Was zählt, ist das Kognitive, das Vernunftorientierte im Kampf des Berufes. Im Normalfall kommen sie erst dann zu mir, wenn sich bereits psychosomatische Symptome zeigen, sie eine Sinnkrise haben, sie ausgelaugt sind oder mitten in einer Depression stecken. Häufiger trifft das auf Männer zu. Erst im Laufe der Therapie stellen sie sich dann die Frage, welche Defizite zu ihrer Situation beigetragen haben. Zu viel Kopfarbeit und Leistungsorientierung kann ein Defizit an Gefühlen und damit auch an Liebe hervorrufen und die Sexualität in der Partnerschaft negativ beeinflussen.

 

Viele Männer holen sich die sexuelle Befriedigung bei Prostituierten.

Die sexuelle Begegnung mit Prostituierten macht nur einen geringen Teil dessen aus, was in einem sexuellen Zusammensein möglich wäre. Meist geht es lediglich darum, auf die Schnelle den Überdruck zu lüften oder das für einen Augenblick zu erleben, was in der eigenen Beziehung ausgeklammert ist. Wirklich erfüllende Sexualität aber verlangt Zeit und ein offenes Herz.

 

Wissen die Menschen, was guter Sex ist?

Es ist erstaunlich, was für ein erschreckendes Zerrbild die meisten Menschen von Sex haben. Es ist stark geprägt von Pornografie, erotischer Werbung und Inhalten aus Filmen. Die Vorstellung von Sexualität ist, dass sie geil und ekstatisch sein muss – ohne zu wissen, wie man zu dieser Ekstase kommt. Frauen haben hier eine klarere Vorstellung ihrer Sehnsüchte und Wünsche, was Sexualität in ihrer Tiefe und Vielfalt sein kann. Männer reagieren oft erst in der Krise, bei Potenz- und Erektionsstörungen, denn Sexualität ist für den Mann wohl auch die wesentlichste Selbstbestätigungsquelle.

 

Trotz Aufklärung und sexueller Revolution gibt es diese Probleme immer noch?

Das ist das Erschreckende für mich: Ich bin geprägt von der 68er-Bewegung und der sogenannten sexuellen Revolution in der Hoffnung auf eine Fortsetzung dieser Gedanken in den nächsten Generationen. Weit gefehlt: Heute ist in der Sexualtherapie eines der häufigsten Symptome das sogenannte Low Sexual Desire Syndrome (LSD). Die Menschen sind weniger sexuell aktiv als noch vor zehn oder 20 Jahren. Die Generation der 50-Jährigen hat oft mehr Sex als die Generation der 20- bis 30-Jährigen.

 

Woran liegt das?

Wir werden permanent mit sexuellen Inhalten überfordert, die weit weg vom realen Erleben sind, und wir merken es gar nicht. Sexualität heißt heute, Pornografie und Hochleistungssex zu leben, entfernt von Herzlichkeit und Zärtlichkeit und weit entfernt von der Lehre des Tantrismus, die Sexualität als Zugang zu einer anderen Bewusstseinsebene sieht. Sexualität wird außerdem mit Leistung kompensiert und wenn Menschen sich in der Arbeit erschöpfen, dann fehlt die Energie für die Lust. Durch Werbung wird uns ständig vorgespielt, was uns glücklich machen soll, nämlich Konsum und Leistung. Die sexuelle Geilheit, das Animalische und Emotionale wird dadurch vernachlässigt und vergessen. Konsum ist aber nur eine materielle Ersatzbefriedigung und steht im Gegensatz zu unseren wirklichen inneren Bedürfnissen und Trieben. Viele Menschen sehnen sich aber natürlich auch nach gelebter Sexualität und befriedigen diese Sehnsucht voyeuristisch, stellvertretend und projizierend in der virtuellen Welt von Film und Internet.

 

Wo liegt das Problem?

Entweder sie finden nicht den richtigen Partner oder sie tabuisieren ängstlich und schüchtern das Thema Sexualität in ihrer Beziehung. Oft widerspricht auch die Sehnsucht des einen in der Sexualität den Wünschen und Vorstellungen des anderen. Ein Paar einigt sich dann auf den kleinsten gemeinsamen Nenner – und die partnerschaftliche Sexualität wird monoton und langweilig –, anstatt in den individuellen Vorstellungen des Partners für sich selbst die Chance neuer Erfahrungen zu sehen und damit das Spektrum der eigenen Persönlichkeit zu erweitern.

 

Haben Männer mehr LSD als Frauen?

Inzwischen ja. Frauen äußern eine viel stärkere Sehnsucht nach liebe- und lustvoller partnerschaftlicher Sexualität, sind sich der Defizite bewusst und suchen eine tief gelebte Sexualität, in der Liebe und Lust im Einklang sind. Der Mann findet allzu häufig seine Triebabfuhr in der Selbstbefriedigung, im Internet oder im schnellen Kontakt mit einer Prostituierten.

 

Wie wichtig ist es zu reden? Liegt die Sehnsucht nicht auch darin, einen Partner zu haben, der erahnt und erfasst, was man möchte?

Partner sprechen über alles Mögliche, über Beruf, Urlaubspläne, Lebensgestaltung und vieles mehr, doch allzu selten über ihre Sexualität, ihre Wünsche und Sehnsüchte im Liebesleben. Der Wunsch, dass der Partner die Sehnsüchte des anderen von den Augen ablesen kann, ist eine frühkindliche Erwartung und eine Illusion – und damit eine Quelle der Enttäuschung. Oft führt dies zu einem Irrweg und einem Rückzug, ganz nach dem Motto: Bevor ich es falsch mache, mache ich gar nichts. Ich finde, Partner sollten über alles sprechen, auch und gerade über ihre Sexualität – zum Beispiel in der Art der sogenannten erotischen Zwiegespräche.

 

Gibt es Menschen, die einfach ohne Sex leben können?

Es gibt immer wieder Menschen, die sagen, dass sie gelebte Sexualität nicht brauchen. Oft macht sich aber die nicht gelebte Sexualität in ihrer Ausstrahlung und ihren körperlichen Empfindlichkeiten sichtbar. Reduzierte Vitalität, Depression, erhöhte Reizbarkeit und Aggressivität wie auch mangelndes Selbstbewusstsein können die Folge sein. Untersuchungen zeigen auch, dass Menschen mit gelebter Sexualität ein erfüllteres und gesünderes Leben haben.

 

Es gibt aber auch reife Menschen, die zölibatär leben, wie den Dalai Lama oder Kardinal König.

Derartige wirklich reife und sich nicht selbst ‚kastrierende’ Menschen gibt es nur wenige. Ich denke, man erreicht eher einen höheren geistigen Zustand, wenn man diese natürlichen Triebe lebt, anstatt sie zu unterdrücken. Sexualität ist wie eine Meditation, die jedes Mal die Lebendigkeit in mir öffnet und mich ein Stück bewusster und stärker macht – in der Begegnung mit mir selbst und dem Partner.

 

Wenn Sie Gesundheitsminister wären, was würden Sie tun?

Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Sexualität würde bei mir schon in der Schule beginnen. Vor 20 Jahren wurde ein komplett neuer Sexualkundeunterricht geplant und mutige, progressive Vorschläge wurden dazu von Fachleuten erarbeitet. Am Ende jedoch wurde von Moralisten und Traditionalisten alles gestrichen und nichts von der geplanten Reform ist geblieben. Da Eltern die sexuelle Aufklärung noch immer auf ein Minimum reduzieren, sollten die Schulen und Kindergärten einen größeren Beitrag leisten. Aber nicht nur, um zu erklären, was zum Beispiel Empfängnisverhütung ist, sondern, um darauf einzugehen, welches Potenzial und welche Entfaltungsmöglichkeiten in diesem Lebenselement und Lebenselixier Sexualität vorhanden sind. Es gibt inzwischen schon die ersten Tantra-Seminare für Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren. Wichtig sind dabei auch die Berichterstattungen in den Massenmedien, die heute größtenteils nur sensationsgeil und massenorientiert sind. Viel zu selten wird über Sexualität als Bestandteil menschlicher Gesundheit gesprochen und geschrieben.

 

Was halten Sie von Pornografie?

Sie ist ein durchaus wichtiges Ventil für viele Menschen und bisweilen auch ein stimulierendes Zusatzelement, allzu oft jedoch ein Ersatz für wirklich gelebte und gefühlte Sexualität. Gerade in den USA wird deutlich: Je mehr die Menschen auf der einen Seite Sexualität unterdrücken, desto mehr suchen sie den Ausgleich auf der anderen Seite. Pornografiekonsum ist also auch ein Ausdruck davon, wie viel im alltäglichen Sexualleben unterdrückt wird. Wenn mehr Sexualität aktiv und erfüllend gelebt wird, dann wird auch Pornografie obsolet, denn sie ist eine virtuelle Ersatzbefriedigung.

 

Wie sieht es mit dem Vertrauen dem eigenen Partner gegenüber aus, um über die inneren Sehnsüchte zu sprechen?

Das Vertrauen zum Partner ist immer auch der Ausdruck des eigenen Selbstvertrauens. Viele Menschen haben kein Vertrauen zu sich selbst, zu ihren Gefühlen, Träumen, Sehnsüchten oder auch zur eigenen Körperlichkeit. Wenn ich meinen eigenen Gefühlen nicht vertraue, dann kann ich auch dem Partner nicht vertrauen. Dadurch bleibt eine Distanz. Wer sich selbst nicht nahe ist, der scheut auch die Nähe zu jemand anderem.

 

Dr. Wolfgang Merz, 58, ist Psychotherapeut, Coach und Trainer für Persönlichkeitsentwicklung. Seit 1978 organisiert und leitet er Selbsterfahrungsseminare sowie Fortbildungs- und Supervisionsgruppen für psychosoziale Berufe. Seit 1983 führt er Managementtrainings durch, berät bei Organisations- und Personalentwicklung und betreut Führungskräfte. Seit 2000 arbeitet er auch als Coach und Therapeut für deutschsprachige Klienten in Italien.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren