Leben

Kräuterdoktor Georg Weidinger erzählt, was sich hinter verschlossenen Klostermauern abspielt.

Vom Himmel kommt die ganze Kraft, die in mir ist (Konfuzius).
In der letzten Ausgabe von U&W habe ich Sie in das grundsätzliche Denken der Chinesischen Medizin eingeführt, habe Ihnen von den fünf großen Organen berichtet, vor allem von der Milz, der ‚alleinerziehenden Mutter’ im Körper, die alles schupfen muss für die Kinder, vom Kochen übers Anziehen bis hin zum Waschen der Kinder und Kleider, einfach alles. Und ich habe Ihnen berichtet von Shen, dem Geist, der im Herzen wohnt, der strahlt, wenn es uns gut geht, der andere ansteckt mitzumachen, wenn es um Begeisterung geht, der uns träumen lässt und Visionen gibt, wenn er sich auf den Körper stützen kann, wenn er die Kraft und Stabilität eines gesunden Körpers, einer gesunden Mitte, im Hintergrund spürt. Bis dahin sind wir vor drei Monaten gekommen. Hier wollte ich weitermachen, Ihnen von TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin, zu erzählen. Und genau hier schweife ich ab, weil mein Shen sich trübt bei einem Thema, das in den letzten Monaten in Österreich und in Deutschland immer und immer wieder auftaucht. Und am Wochenende habe ich im ‚Standard’ abermals einen Artikel darüber gelesen. Unter dem Titel ‚Meine grausame Kindheit’ beschreibt Leopold Federmair die körperlichen und seelischen Misshandlungen, die ihm und anderen Kindern im Internat im Stiftskloster Kremsmünster widerfahren sind. Jahrelang wurde geschwiegen, seit ein paar Jahren nicht mehr. Seit ein paar Jahren erfährt die Öffentlichkeit, was hinter verschlossenen Klostermauern der römisch-katholischen Kirche Menschen unter Missbrauch ihrer Machtposition von Erziehern und kirchlichen Autoritäten angetan wurde.
Wieder einmal taucht ein Stück grausame moderne Kirchengeschichte in den Medien auf. Und fast ist man geneigt zu sagen, dass das eh nichts Neues ist, dass wir das jetzt eh schon wissen, das mit den pädophilen Patres und Mönchen verschiedenster Ordensgemeinschaften, dass wir jetzt eh schon wissen, dass die verschiedensten von der Kirche den katholischen Priestern auferlegten Lebensführungsregeln all die Jahre nur deshalb funktionierten, weil wir nicht wussten, dass sie eben nicht funktionierten, weil der Gehorsam der Kirche und dem Papst gegenüber funktionierte, weil geschwiegen wurde, weil der Befehl lautete zu schweigen ...
Und es trifft mich ganz tief innen, wenn ich wieder und wieder von dem Leid höre, das Menschen, in diesem Fall katholische Priester, anderen Menschen angetan haben. Und ich erhebe heute meine Stimme, nicht um einen neuerlichen Stein zu werfen, nicht um eine neue Kerbe zu schlagen, nicht um zu verurteilen oder gar zu beschönigen. Ich möchte Ihnen einfach meine persönlichen Erfahrungen mit den Klostermauern beschreiben. Das bin ich mir und den Menschen, die mich in meiner Erziehung und in meinem Werdegang geprägt haben, schuldig.
ALSO, ich möchte Ihnen von meiner Internatszeit bei den Jesuiten erzählen. Aus verschiedenen familiären Gründen entschieden unsere Eltern, meinen älteren Bruder und mich ins Internat zu stecken. Ich hatte meine Gymnasialzeit in einem öffentlichen Gymnasium begonnen und musste nun während des Schuljahres ins Kollegium Kalksburg in Wien 23 wechseln. Ich kann mich gut erinnern, dass ich bei dem Erstgespräch meiner Eltern mit meinem zukünftigen Erzieher, Pater Zacherl, tief beeindruckt war von dem riesigen Freizeitangebot, das dort für uns verfügbar war: vom Fechten über Reiten über Tennis und mein erster Eindruck muss wohl gewesen sein, dass ich hierher in ein Feriencamp komme. Pater Zacherl hat nur weise lächelnd gemeint, ich solle einmal eine Woche abwarten und mich dann erst für eine Freizeitaktivität entscheiden. Und so kam es auch, dass ich, außer bei diesem Erstgespräch, nie wieder über ‚Freizeit’ und ‚Aktivitäten’ nachdachte, sondern das, worum es vor allem in den ersten Wochen ging, war zu schauen, dass ich überlebte ...

Das klingt sehr dramatisch, und das war es auch, aus der Sicht eines kleinen Buben, der bisher noch nie länger als zwei Tage von zu Hause und den Eltern getrennt gewesen war. Im ersten Jahr lebte ich in einem Vierbettzimmer, zusammen mit drei anderen Buben. Das heißt, dass ich die Zeit der großen Schlafsäle gerade nicht mehr erlebt habe. Unser Reich war ein Bett und ein Kasten an dessen Fuß- und ein Nachtkasterl an dessen Kopfende. Dieses Reich gehörte mir. Ich hatte es in geordnetem Zustand zu halten. Das Bett musste untertags bezogen sein (ich kann mich gut erinnern, dass einmal Pater Zacherl in der ersten Schulstunde zu uns in die Klasse gekommen ist und mich wortlos zurück in den Internatstrakt geführt hat, weil ich vergessen hatte, mein Bett ordnungsgemäß zu hinterlassen. Ein Trauma, das meine Frau heute noch büßt, weil ich mich weigere, mein Bett zu machen, aber das ist eine andere Geschichte ...), im Kasten und Nachtkasten musste Ordnung herrschen.

Und so lernte ich sehr schnell den strengen, geregelten Internatsalltag kennen: In der Früh um 6 Uhr 20 kam Pater Zacherl zu uns ins Zimmer, öffnete zuerst alle Fenster, egal, ob Sommer oder Winter, und ging dann zu jedem einzelnen Bett hin, begrüßte mich mit „Guten Morgen, Georg“ und ging erst weiter, wenn von mir ein „Guten Morgen, Pater Zacherl“ zurückkam, ich mich erhob und auf den Weg ins Badezimmer machte. Das, was ich am Anfang vor allem mitbekam, war die Strenge des Alltags. Kurz nach 6 Uhr 30 trafen wir uns im Gemeinschaftsraum zum Morgengebet und danach hatten wir unser erstes Studium bis 7 Uhr 10. Dann marschierten wir geschlossen zum Frühstück, um dann um 8 Uhr mit der Schule im Schultrakt (direkt neben dem Internatstrakt) zu beginnen. Und so war der ganze Tag organisiert, von früh bis spät.
Das letzte Studium hatten wir von 19 Uhr 30 bis 20 Uhr, danach war Freizeit bis zum Abendgebet um 21 Uhr, dann machten wir uns fertig zum Schlafengehen, um 21 Uhr 30 wurde das Licht abgedreht. Jeden Tag die gleiche Struktur, die gleichen Rituale. Nach dem Lichtabdrehen schritt dann Pater Zacherl noch lange Zeit mit langsamem, gleichmäßigem Schritt sein Brevier lesend den Gang unserer Abteilung ab. Noch heute höre ich den Rhythmus des Knarrens seiner schweren schwarzen Lederschuhe, der ganz regelmäßig war, sich dann am Ende des Ganges beim Wenden veränderte und dann wieder in eine bedächtige Regelmäßigkeit fiel. Wenn ich einmal abends nicht gleich einschlafen konnte, hörte ich manchmal ein ganz leises Weinen im Zimmer. Die Strenge des Tages wich in der Nacht manchmal noch dem Kind in uns ...
Um zu überleben, musste ich mich fügen, musste ich den Alltag übernehmen, mich mit der Trennung von den Eltern abfinden und beginnen, mein neues Leben zu leben. Und nach den anfänglichen Schwierigkeiten wurde das Kollegium meine Heimat. Ich entdeckte schön langsam, wo ich da eigentlich lebte: Kalksburg war damals ein kleiner Ort am Rande von Wien, dem 23. Gemeindebezirk zugehörig, aber wenn man in Kalksburg selbst stand, glaubte man sich in tiefster Provinz.
Zweimal die Woche durften wir die Klostermauern für eine halbe Stunde verlassen. Und in einer halben Stunde kommt man nicht viel weiter als in den Ort Kalksburg hinein und dieser bestand zum damaligen Zeitpunkt aus nicht viel mehr als dem Kollegium, einer ‚Trinkerheilanstalt’ (das ist das, was die meisten mit ‚Kalksburg’ assoziieren), einem Kaffeehaus mit Konditorei und ein paar Wohnhäusern. Der Höhepunkt dieser unserer Ausflüge war also die Konditorei, wo wir uns mit Süßigkeiten eindeckten, um dann wieder internatwärts zu marschieren und uns dort in aller Ruhe damit vollzustopfen.
Das Kollegium selbst war wie ein Dorf, mit Handwerkern, zum Beispiel dem ‚Frater Gärtner’, der, jedes Mal, wenn ich ihn traf, fröhlich vor sich hin pfiff und lächelte, mit einer Schule, einer Kirche, Sportplätzen, Wiesen und Wäldern hinter dem Haus, einem kleinen Geschäft für unsere Alltäglichkeiten, wir hatten den ‚Mini-Treff’ für die Unterstufe, den ‚Treff’ für die Oberstufe, von uns Schülern selbst geführte ‚Lokale’, in denen man einen Toast essen und etwas trinken konnte (es waren eigentlich nur Zimmer, die eben dafür genutzt wurden) und den Klostertrakt für die Patres.
Mit der Zeit erfuhr ich, dass das Kollegium Kalksburg zu dieser Zeit eine Art Altersheim für viele Patres war, die ein Leben lang in der Welt verstreut ihrer seelsorgerischen Pflicht nachgegangen waren und eben im Alter hier in Kalksburg ihre letzte Heimat auf Erden fanden. Und manche dieser Patres veränderten alles für mich. Sie müssen sich vorstellen, dass es im Orden der Jesuiten eine zehnjährige Erprobungszeit gibt, in der man im Kloster lebt, und erst nach dieser Zeit darf man dem Kloster als Pater beitreten (ich hoffe, ich habe das so richtig in Erinnerung ...). Daraus resultiert, dass die meisten der Patres mindestens zwei Studien absolviert haben und sehr belesen und wissend sind. Und diese Patres, nach einem langen, aufregenden Leben an verschiedensten Orten der Welt, kehrten dann im Alter in die Heimat zurück, hatten eine kleine Zelle im Kloster in Kalksburg und viel Zeit. Und diese Zeit nutzten sie, um uns, den kleinen Buben, von ihrem Leben zu erzählen.
Ich kann mich an viele Spaziergänge erinnern, an denen ein für uns ‚uralter’ Pater seine Arme auf unsere Schultern legte, ein Bub links, ein Bub rechts, und so mit uns über Wiese und durch Wald ging und vom Leben und seinen Erfahrungen berichtete. Wieder andere dieser Patres kamen am Abend in unsere Abteilung und erzählten uns von der Welt ‚da draußen’. Im Orden der Jesuiten ist es üblich, immer nur zehn Jahre an einem Ort zu verweilen, dann wird man wieder versetzt, um sich nicht an Weltliches zu binden. Und so kam in den Erzählungen immer wieder die Wehmut vor, sich von lieben Menschen und Orten zu verabschieden, und die Freude, Neues aufzubauen und zu entdecken.
Andere Patres nutzten ihr großes Wissen, um schwächeren Schülern Nachhilfe zu geben oder mit uns zu lesen oder Latein zu übersetzen. Und mit der Zeit war das Internat meine Welt, die Patres meine Lehrmeister, die Mitschüler meine Familie. Wir durften ganz selten fernsehen, etwa einmal im Monat. Einmal durften wir uns einen Western anschauen, und da ich solche Aufregungen nicht gewohnt war, schlief ich danach sehr unruhig, mit intensivsten Träumen und auch Weinen. Pater Zacherl kam zu mir ans Bett und hat mich wortlos gehalten, für mich eine Ewigkeit lang. Von diesem Zeitpunkt an empfand ich ihn als unseren Beschützer, wie er so auf und ab schritt am Gang, um alles Böse von uns fernzuhalten. Von diesem Zeitpunkt an war er mein Pater, mein Vater.
Nach Monaten der Eingewöhnung war ich an einem Ort des Schutzes, der Weisheit und Reinheit angekommen. Nie wieder in meinem Leben habe ich so viel Ehrlichkeit, Warmherzigkeit, Menschlichkeit und Bescheidenheit erleben dürfen. Für Außenstehende war die Disziplin, die wir lebten, das vielleicht Augenscheinlichste. Für mich war diese die Struktur, die mir die Freiheit meines Geistes und die Sicherheit meiner Entwicklung ermöglichte. Nie habe ich auch nur im Entferntesten einen körperlichen Übergriff, sei es sexuell oder gewaltmäßig, erlebt oder in unseren Mauern davon gehört. Und obwohl in dieser Zeit mein Asthma und meine Migräne erstmalig aufgetreten sind, mein Körper also an seine Grenzen gestoßen ist, steckte in diesen Mauern auch die Heilung dafür. Und als ich diese Mauern das letzte Mal verließ, und das war mit vierzehn Jahren, war der weitere Weg meines weiteren Lebens schon klar vorgezeichnet: mit Geradlinigkeit und Ehrlichkeit und Feuer im Herzen (SHEN!) in und durch die Welt zu gehen!
Mein Dank gilt diesen Patres, allen voran Pater Zacherl, und Ihnen, dass Sie mir ermöglichen, darüber zu schreiben, um den Patres, dem Orden der Jesuiten und der Kirche meinen Respekt und meinen Dank zu zollen!
Und die Hausübung für heute ist eine Nachdenk- und Meditationsübung und die ist wieder chinesisch: Alles hat ein YIN und ein YANG (ich werde schön langsam chinesisch kryptisch ...)!

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren