Leben

„Da gab es keine hysterischen Ausbrüche, keinen kollektiven Ruf nach Rache. Neben allem Fehlerhaften und Entsetzlichen zeigten die Menschen eine berührende Würde und ein Getragensein in Gemeinschaft, das nur aus viel Liebe und wachem Bewusstsein erwächst." Ein Aufruf zu mehr Fehlerfreundlichkeit von Marie Mannschatz.

Sie haben es sicher auch schon bemerkt: Achtsamkeit hat Hochkonjunktur. Bücher über Achtsamkeit füllen die Regale, Wochenendkurse zu diesem Thema gibt es in allen Preislagen. Wenn ein Bereich der buddhistischen Lehre von unserer Kultur adoptiert worden ist, dann ist es die Achtsamkeit. Ob sie jedoch wirklich geübt und gelebt wird, das steht auf einem anderen Blatt. Ich frage mich, woran wir ablesen könnten, ob unsere Gesellschaft achtsamer wird. Werden die Scheidungsraten sinken, die Schadensbilanzen von Haftpflicht- und Unfallversicherungen einknicken? Wird die Kriminalität abnehmen, wenn alle sehr viel achtsamer sind?

Mich haben im vergangenen Jahr die Norweger und die Japaner im Umgang mit ihren Katastrophen beeindruckt. Da gab es keine hysterischen Ausbrüche, keinen kollektiven Ruf nach Rache. Neben allem Fehlerhaften und Entsetzlichen zeigten die Menschen eine berührende Würde und ein Getragensein in Gemeinschaft, das nur aus viel Liebe und wachem Bewusstsein erwächst. Ja, vielleicht kommt gerade in der Begegnung mit dem Unangenehmen und Irrtümlichen die heilsame Kraft der Achtsamkeit zum Ausdruck. Brausen wir gleich auf, wenn wir der alltäglichen Unzulänglichkeit begegnen? Behaupten wir, das könnte uns nie passieren, und weisen die Schuld den anderen zu?
Erst wenn wir einfühlsam umgehen können mit dem, was uns erschreckt und abstößt, wirkt Achtsamkeit transformierend. Diese Geistesqualität weckt unsere Wahrnehmung für Zwischentöne und das ewig Unvollkommene, die Grundlage aller Lebendigkeit.

Auch die eigenen Fehler treten mit wachsender Achtsamkeit deutlicher ins Bewusstsein. Trotz all meiner Achtsamkeitsübung schneide ich mir hin und wieder in den Finger, nehme anderen Autofahrern die Vorfahrt, vergesse Dinge, die mir wichtig sind. Ich habe auch weiterhin unangenehme Eigenschaften, über die sich manche königlich aufregen können. Ich sage Dinge, die mir hinterher dumm und überflüssig erscheinen. Die Unvollkommenheit hat ihren festen Platz in meinem Alltag. Deshalb möchte ich nicht minder liebenswert sein. Ich brauche es, dass ich meine Unvollkommenheit als Teil meines Wachsens und Werdens akzeptiere.

Mir scheint, unser menschliches Dasein findet stets in einem enormen Spannungsfeld statt – zwischen großem Wollen und bemühtem Tun, zwischen guter Absicht und täglichem Scheitern. Erst wenn wir liebevoll anerkennen, dass wir alle unser Bestes anstreben und auf dem Weg dahin regelmäßig stolpern, verwirklichen wir in unserer Gesellschaft das ‚Menschenrecht auf Irrtum’ (Buchtitel von Bernd Guggenberger). Wir sind keine Maschinen und wir funktionieren auch nicht auf Knopfdruck. In einer Zeit, wo Computer und Bildschirme gewohntes Gegenüber sind und Perfektionsansprüche prägen, dürfen wir nicht vergessen, dass auch unsere Unvollkommenheit und Fehleranfälligkeit unser Menschsein charakterisiert.

Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2018-01-21 15:05
Hallo Frau Mannschatz,

Ihr Artikel ist ein zutreffender Aufklärungsbeitrag, und das nicht nur für Buddhisten. Danke dafür!

Wenn Achtsamkeit für die Perfektionierung eingesetzt wird,
führt das schneller als man denkt in unheilsamere Bereiche
des Menschlichen Daseins.
Auch hier kann ich aus eigener Erfahrung sagen, der mittlere Weg
zwischen den Extremen, (auch wenn manche Menschen den zu
profan und zu langweilig finden) der vernünftigere und heilsamere Weg ist.
Es gibt zwischen schlechten destruktiven und sehr Guten perfektionierten
Denk- und Handlungsmuster, die Mitte, die heißt ganz einfach „gut“ und ist
heilsamer und stressfreier für ein selbst und andere.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, heilsamen, buddhistischen Grüßen
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