Leben

An der Klimaerwärmung zeigen sich die Grenzen der Erde ganz konkret. Ob und wie sie ihr Verhalten demnach verändert haben, erzählen fünf Menschen im Porträt.

Ich lebe wie ein Pilger
Gregor Sieböck, 33, Weltenbummler, fühlt sich überall daheim

Eines Morgens wanderte ich los: auf meinem Rücken ein Rucksack, in meiner Hand ein Wanderstock und im Herzen viele Träume. Zuallererst mein Traum von einem einfachen Leben. Mir war klar geworden, dass Konsum die Leere in meinem Leben nicht füllen kann, dass es mehr geben muss auf dieser Erde als das alte Mantra des Neoliberalismus: arbeiten, konsumieren und sterben! Auch hat unser konsumorientierter Lebensstil die Erde aus ihrem Gleichgewicht gebracht. Ich machte mich zu Fuß auf, um nach alternativen Lebensstilen zu suchen. Lebenswege, mit deren Hilfe ich mich selber und die Erde wieder ins Gleichgewicht bringen konnte. Dann war noch der Traum, die Welt zu Fuß zu entdecken: mit einer Geschwindigkeit, wo Körper, Geist und Seele im Einklang sind. Die Indianer Nordamerikas sagen ja, eines Menschen Seele kann nur so schnell reisen, wie ihn seine Füße tragen. Tausende Kilometer und Jahre später kehrte ich wieder heim, diesmal um viele Erkenntnisse und Erfahrungen reicher.
www.globalchange.at

Ich lebe ohne Pferdestärken
Samuel Bernhard, 41, Umweltnaturwissenschaftler, Zürich

Ich mache mir immer Gedanken, wie ich mich am umweltschonendsten von A nach B bewegen kann. Die nachhaltige Mobilität ist für mich zu einer wichtigen Aufgabe geworden – ein brennendes Umweltthema, sowohl in der Praxis als auch in der Theorie. Natürlich, manchmal siegt auch bei mir die Bequemlichkeit, beispielsweise dusche ich ab und zu lange oder schaue zu wenig auf die umweltgerechteste Verpackung. Ich bin erst einmal in meinem Leben in ein Flugzeug gestiegen und trotzdem habe ich schon viele Orte in Europa bereist. Ich bin ein Fahrrad- und Bahnfahrer. Sehe ich einen Porsche, dann wird mir regelrecht kalt ums Herz. Mein Prestige mit einem Auto erhöhen zu können – das ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Manchmal spüre ich Angst und Beklemmung bei lautem Motorgeräusch. Dieses Protzertum ist nichts für mich. Aber jeder soll so leben, wie er oder sie es für richtig hält. Ich bin nur für mich selbst verantwortlich. So versuche ich, das Leben achtsam zu leben und dabei der Welt nicht zu viel auf die Füße zu treten.

Ich lebe aktivistisch
Jutta Matysak, 37, Greenpeace-Aktivistin und Hippotherapeutin, Wien

Niemand ist verpflichtet, mehr zu tun, als er kann. Und das möchte ich voll ausschöpfen. Ich möchte mehr tun. Seit Jahren bin ich Aktivistin bei Greenpeace und anderen NGOs. Was heißt das? Ich besetze in Südkorea das Baugelände einer Walfleischfabrik. Kämpfe in Österreich für den Erhalt der Lobau. Gegen den Klimaschutz kann wirklich niemand sein. Und die, die es sind, haben einfach nur fehlgeleitete Energien – aber das lässt sich ändern. Wie ein Mantra muss ich mir das im Geiste vorsagen, nur so kann ich die Welt – wie sie ist – akzeptieren. Ich erlebe ein totales Hochgefühl, wenn ich mit meiner Arbeit etwas bewirken kann. Es ist eine Leidenschaft, die mich beherrscht und mich zu immer weiteren Aktivitäten zwingt. Ich möchte wachrütteln, Aufmerksamkeit erwecken und manchmal möchte ich einfach nur schreien. Ich sehe mich als globalen Menschen, der global denkt und global handelt. Zorn und Aggression kommen bei mir öfters auf, aber ich bin ein friedlicher, gewaltfreier Idealist. Aufgeben kommt für mich nicht infrage.

Ich lebe gern im Gleichgewicht
Angie Rattay, 32, Grafik-Designerin, Wien

Mit acht Jahren – ich erinnere mich noch sehr gut – durfte ich plötzlich nicht mehr in der Wiese spielen und keine Milch mehr trinken. Tschernobyl hat alles verändert. Tschernobyl hat gezeigt, was der technische Fortschritt der Menschen anrichten kann. Ich habe Respekt vor Flora und Fauna. Sogar als kleines Kind wusste ich bereits, dass wir unseren Planeten nicht nur ausnehmen können. Jede Beziehung besteht aus einer Balance von Geben und Nehmen. Das ist auch der Grund, warum ich eine ‚Gebrauchsinformation für den Planeten Erde’ verfasst habe. Ich gebe Anleitungen zum korrekten Umgang mit unserem Planeten. Wir können uns nicht einfach eine neue Lufthülle, neue Lebewesen, eine neue Wasser- oder Bodenhülle kaufen. Jede Stimme zählt. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Denn Umweltschutz ist Menschenschutz. Ich hasse Ignoranz. Manchmal versuche ich, anderen einen Denkanstoß zugeben, um selbst endlich zu handeln.
www.neongruen.net

Ich lebe wie Amerika
Christoph Lavincka, 23, Student der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Baden bei Wien

Ich richte mich nach interessanten Headlines im Internet. Springen sie mich an, lese ich auch Artikel zum Klimaschutz. Ich kann es verstehen, warum Schwellenländer nicht bereit sind, Klimaziele einzuhalten. Sie wollen wirtschaftlich und politisch aufholen – der Westen hat ihnen ja nichts anderes vorgelebt. Ich verhalte mich leider wie Amerika – ich bin ein Egoist und denke nur an mich. So ganz schlecht bin ich auch wieder nicht: Ich versuche immer, den Müll zu trennen, verzichte auf den Standby-Modus und das Licht drehe ich auch immer ab, wenn es nicht benötigt wird. Auf was ich nicht verzichten kann, sind meine PS-starken Autos. Geschwindigkeit ist meine Leidenschaft. Ich liebe die schier unendliche Leistung, das straffe Fahrwerk und die puristische Ausstattung. Moralisch bin ich zweigespalten. Obwohl ich Angst um unseren Planeten habe und mir auch der Konsequenzen meines nicht immer korrekten Handelns bewusst bin, schaffe ich es leider nicht immer, mich dementsprechend zu verhalten. Vielleicht ändert sich das aber einmal.

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