Leben

Raus aus dem vertrauten Leben und zu Fuß von Wien nach Marrakesch gehen: Reisebericht eines modernen Instagram-Pilgers.

Am 10. Juni habe ich mich vom Wiener Kutschkermarkt in den Süden aufgemacht, genauer gesagt nach Marrakesch. Manche sprechen mittlerweile gar nicht mehr vom Pilger Ernst Merkinger, sondern vom Pilger 2.0, weil ich meine Eindrücke via Instagram-Account und auf meinem Blog teile.
Aber warum pilgern? Und warum um Himmels willen Marokko? Die Reise nach Marokko zur Weihnachtszeit des letzten Jahres entwickelte sich zu einer Liebesgeschichte zwischen diesem Flecken Erde und mir. Die wandernden Dünen, der Demut einflößende Sternenhimmel, der nächtliche Gesang der Nomaden am Lagerfeuer, die viel zu süßen Pfefferminztees, die kulinarischen Gaumenfreuden, die handgemachten Töpfe, die chaotischen Marktkulissen, der mit Feinheiten geschmückte Garten André Hellers: Es ist pure Magie für mich. Man könnte meinen, die marokkanische Seele hat sich mit meiner auf ein Rendezvous verabredet und ihr ewige Liebe geschworen.

Schritt für Schritt
Ein ähnliches Szenario habe ich bei meiner Pilgerreise 2016 verspürt. Dies hat mich auf eine neue Ebene transferiert. Ich wurde als Homo idioticus vom Touristen zum Pilger transformiert, der sich auf dem Weg Richtung Homo sapiens Tag für Tag der Weisheit WEGen zu entwickeln versucht. Pilgern ist nicht nur Beten mit den Füßen, Pilgern gibt der eigenen Seele Luft zum Durchatmen – Durchschnaufen in der zeitverdichteten Komplexitätsmaschine, dem natürlichen Rhythmus zum Trotz. Es wirkt befreiend und vertiefend zugleich. Unterhaltung wird durch Überhaltung ersetzt.
Den Flatscreen abdrehen, das Leben einschalten. Man wird im Gegenzug mit Überraschungen statt mit Unterraschungen beschenkt, die Natur gibt einem strahlende GEHsundheit auf körperlicher, geistiger und seelischer Ebene.
Mittlerweile naht leider oder Gott sei Dank das Ende. Diese Tatsache bringt mein rechtes Auge zum Weinen und mein linkes strahlt vor Freude, wieder nach Österreich zurückzukehren, um mich für ein paar Tage in die Berge des Gasteinertals zurückzuziehen, innezuhalten und meine Erfahrungen in einem Buch festzuhalten – und so später teilen zu können.
Ja, durch Erkenntnisse erkennt man seine Wurzeln wieder. Das Pilgern verleiht einem Wurzeln, aber zugleich auch Flügel. Jeder Schritt ist ein Schritt zu mir selbst. Jeder zusätzliche Schritt sorgt für noch mehr Verankerung. Insofern scheint das Pilgern tatsächlich ein religiöser Akt zu sein?! Das lateinische Wort ‚religere‘ bedeutet ‚sorgsam beachten‘, ‚religare‘ heißt, ‚wieder verbinden, was getrennt war‘.
Man tritt in Kontakt mit seiner inneren Haltung, in der eine große Offenheit und Achtsamkeit besteht. Gleichzeitig hat mich diese Verbundenheit durch das Pilgern beflügelt, mir Leichtigkeit eingeflößt, die mich förmlich fliegen lässt. Ohne Einnahme von Energy Drinks versteht sich.

Stimmen im Kopf
Ich habe das Glück oder Problem, dass ich nie allein bin. Wie Sie das jetzt verstehen sollen? Na ja, ich habe einen Affen in meinem Kopf, der für Unterhaltung sorgt, einen Mönch, der mich an die Meditation erinnert, und eine Mutter, die mich erinnert, die stinkende Wäsche zu waschen. Und ich habe einen Manager, der alle zu vereinen weiß, oder besser gesagt, versucht, diese Horde zusammenzuhalten.
Aber jetzt im Ernst: Ich genieße das Kontrastprogramm. Beim Alleinsein entspringen Gedanken aus der Stille, die durch Dialoge mit anderen Mitpilgern oder Freunden entfacht worden sind. Ich verwerte sie für meine Blogbeiträge. Und wenn ich einmal Lust auf Hüttengaudi-Stimmung habe, dann kann es in einer Pilgerschar auch Spaß machen. Mir scheint das Pilgern ein Abbild des Lebens zu sein. Wir sind alle Lebensgefährten, manchmal für ein paar Minuten, manchmal für einen Tag und manchmal eben ein Leben lang.
Zu Beginn der Reise war ich einer von den Zeigefinger-Zeigern, einer, der die Wahrheit nicht angenommen hat, statt einer Wahrnehmung hat eine ‚Wahrgebung‘ stattgefunden. Doch je länger ich in die Welt des Pilgerns eintauche, desto mehr lebe ich im Moment und nehme die Knieschmerzen, die schimmligen Unterkünfte, die 140 Dezibel-Schnarcher und das Wetter so hin, wie sie sind.

Hürden nehmen
Natürlich versuche ich, meine Schmerzen zu behandeln, mein Bett gemütlich zu machen, mit Oropax für Ohren-Frieden zu sorgen oder dem Wetter entsprechende Kleidung zu tragen. Aber nicht mehr und nicht weniger. Dies erinnert mich an ein Zitat von Buddha: „Hast du ein Problem, so versuche, es zu lösen. Kannst du es nicht lösen, mache kein Problem daraus.“
Natürlich hatte ich einige Momente in der Vorbereitung, die mich haben zweifeln lassen, ob ich dieses Projekt tatsächlich stemmen kann. Immerhin warteten 3.000 Kilometer auf mich. Pardon, über 3.000 Kilometer! Jeder Schritt ist ein Schritt ins Ungewisse. Jeder Kilometer eine schlaflose Nacht mehr. Bis dato war ich als Assistent tätig, ob im Theater, beim Fotografieren oder in TV-Produktionen, ich war quasi Assistent des Regisseurs oder des Chefredakteurs. Doch eines Tages hatte ich das Gefühl, dass die Zeit reif war, eigene Projekte zu realisieren, einen Schritt aus dem Schattendasein zu tun. Wenn ich Freunden, Bekannten oder Verwandten von meinen Pilgerplänen erzählte, lachten einige, andere wiederum ermutigten mich, sagten: „Das ist ein typisches Merkinger-Projekt! Gut so!“
Auf dem Weg in den Süden wird mir mehr und mehr klar, wie wichtig es ist, Verinnerlichtes zu veräußerlichen, sein reines Wesen Tag für Tag konsequent zu leben und sich durch sein Umfeld nicht auf Abwege bringen zu lassen. Es schlummert doch in jedem der Traum eines erfüllten Lebens, so weit trau ich mich, mich aus dem Fenster zu lehnen, auch ohne wissenschaftlichen Beweis oder einen Abschluss an der Sigmund-Freud-Universität. Bei einer Lebenskünstlerin ist die Erfüllung dieses Traumes mehr, bei einem Couch-Potato weniger ausgeprägt. Doch wenn dieser Traum zum Wunsch mutiert, gibt es kein Zurück mehr. Dieser ‚Wunsch der Wünscher‘ malt sich selbst eine Vision aus, und dann braucht’s früher oder später den Beschluss, seinen Traum in die Tat umzusetzen. Wenn wir uns auf Abenteuer einlassen, die Lebendigkeit und die Spiritualität des Lebens aufsuchen, indem wir inspirierende Orte und Personen aufsuchen, die seelenlandschaftlich Ähnliches vorhaben, dann gibt es erst recht kein Zurück mehr. Dann kann man sich diesem Leben nur mehr hingeben.
Der Pilger braucht Courage, ein Fünkchen Naivität, Urvertrauen, Flexibilität und Spontaneität – so wie Harry Potter seinen Zauberstab. Wenn ich dieser Magie zu wenig Raum gegeben hätte, wäre mir bei Leo in Persenbeug ein vorzüglicher Kirschkuchen entgangen, hätte ich mit den FEIERsingers keinen schnapsigen Grillabend erlebt, hätte ich bei all den vielen Instagram-Followern nicht
übernachten können. Das ist die Magie des Pilgerns, von der ich nie müde werde zu erzählen.

Eine Pilger-G’schicht aus Österreich und aus Frankreich
Tag für Tag, Tür für Tür, Schritt für Schritt werden immaterielle und materielle Geschenke uns Pilgern entgegengebracht.

Auf dem Weg von Gmunden Richtung Bad Ischl ist mir Folgendes passiert:
Ich klopfe bei einer Haustür an, weil ich mein Geschäft dringend erledigen muss. Eine Pensionistin öffnet.
„Ja bitte, was kann ich für Sie tun?“
„Geschätzte Frau, darf ich Ihre Toilette kurz aufsuchen? Es wäre dringend!“
„Du weckst mi vo mein Mittagsschlaferl auf, nur weil du gackn muasst?!“
*PAUSE*
Sie denkt kurz über das Gesagte nach ...
*PAUSE hält an*
„Andererseits: Gackn muass jeder! Selbst die Püger! Du bist ja a Püger, oder?!“
„Ja, ich bin Pilger.“
„Guat, daunn kimm hoit eina ...!“
Nach dem Entleeren meines Darms legt sie mir Erdbeeren neben meinen Rucksack und erzählt mir von ihren traumatischen Erlebnissen in der Nazizeit.

Am Ende des Ortes Le Pin in Frankreich habe ich Denis Gobert nach einer Schlafmöglichkeit in seinem Garten gefragt. Mit französischem Akzent hat er mir ein herzliches „Sure!“ zugerufen, ist schnurstracks in seinen Bagger gestiegen und hat mir einen flachen Schlafplatz gebaggert. I’m not kidding! True story! Gebaggert! Anschließend haben wir Rosé, Käse mit Brot genascht und einen Bauchmuskelkater durch das viele Lachen kreiert.

Ernst Merkinger, geboren 1990, pilgerte 2017 von Wien nach Marrakesch. Mehr zu seiner Reise gibt es unter www.ernstjetzt.com nachzulesen. Instagram: @ernstjetzt

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