Leben

Die deutsche Vipassana-Lehrerin Renate Seifarth spricht über ihr Leben, wie sie ihr Geld nach dem Dana-Prinzip erwirtschaftet und wie die KursteilnehmerInnen damit umgehen.

Wie sind Sie zum Buddhismus gekommen?
Eigentlich sehr zufällig. Ich begab mich gemeinsam mit einer Freundin auf einen Abenteuerurlaub in die Himalaya-Region. Dort kam es zu einem Zerwürfnis zwischen meiner Freundin und mir und so ergab es sich, dass wir getrennte Wege gingen. Als Alleinreisende traf ich viele Menschen, einige davon praktizierende Buddhisten, die sehr viel mehr Wärme ausstrahlten. Sie machten mich neugierig, so dass ich mich bereits kurze Zeit später auf meinem ersten Vipassana-Retreat befand. Es verlief aber nicht so gemütlich, wie ich es mir vorgestellt hatte. Durch das direkte Wahrnehmen in Vipassana erkannte ich, wie tief unglücklich ich war. Das war mit 27 Jahren, also sehr früh in meinem Leben.

Renate Seifarth

Was war es, das Sie so unglücklich gestimmt hat?
Da waren tiefe Minderwertigkeitsgefühle, Selbsthass, Verzweiflung, Einsamkeit, Misstrauen und vieles mehr. Eigentlich war das schon immer der Fall gewesen. Das wurde mir aber erst durch das Retreat und durch die Beschäftigung mit meinem innersten Selbst bewusst.

Wie ging Ihr Leben nach diesen Erkenntnissen weiter?
Als ich nach Deutschland zurückkehrte, wollte ich mit der buddhistischen Praxis auf jeden Fall weitermachen. Ich löste meine Wohnung auf – eigentlich alles, was mich in irgendeiner Form an Deutschland band, und trampte nach England ins nächste Retreat-Zentrum. Dort hielt ich mich mehrere Monate auf, aber mein Leiden blieb. Danach musste ich eine Entscheidung treffen: Mache ich weiter mit intensiver buddhistischer Meditationspraxis oder gehe ich in das ‚normale' Leben zurück. Wie man sieht, habe ich mich für die Dharma-Praxis entschieden, obwohl ich noch lange Zeit überlegte, ob ich wieder zurück in einen weltlichen Beruf gehen sollte. Wenn ich nicht Dharma-Lehrerin geworden wäre, so hätte ich mich für den Beruf einer Psychotherapeutin entschieden. Ich habe in meinem Leben immer eine Perspektive gesehen und finde es tragisch, wenn Menschen glauben, keine Perspektive mehr zu haben, was manchmal vielleicht tatsächlich der Fall ist. Trotzdem rate ich vor allem jungen Menschen, ihrem Herzen zu folgen und erst in zweiter Linie zu schauen, ob sie davon leben können. Ein Beruf, der uns nicht erfüllt, aber sehr lukrativ ist, befriedigt nicht.

Wie ist Ihr persönlicher Umgang mit Geld?
Ich musste immer mit sehr wenig auskommen, so dass ich eher zu Kargheit neige. Meine Lehrer ermunterten mich dazu, das Geldausgeben zu lernen. Als ich mich dann entschloss zu unterrichten, hatte ich genau 100 D-Mark im Monat zur Verfügung. Erst seit kurzer Zeit bewohne ich einen fixen Raum in einem Haus einer Freundin. Ich erinnere mich noch an die Zeit, und die ist nicht einmal so lange her, in der ich noch nicht einmal regelmäßig Raummiete bezahlen konnte. Früher haben mich die Menschen, die wussten, dass ich praktiziere, immer wieder für ein paar Tage aufgenommen – so bin ich von einem Ort zum anderen getrampt. Von Anfang an haben mich viele Freunde großzügig unterstützt. Überhaupt muss ich sagen, dass ich vielen Menschen begegnet bin, die sehr großzügig sind und die das Prinzip von ‚Dana' tief verstanden haben.

Ihre Kurse finden auf Dana-Basis statt. Wie gehen Ihre Kursbesucher mit dieser Art des Zahlens um?
Wie viel die Einzelnen geben, kann ich nicht sagen – das Spenden läuft anonym ab. Ich merke allerdings, dass es bei den Teilnehmern ein sehr großes Thema ist und viele keine Vorstellung haben, wie viel am Ende eines Kurses gegeben werden soll. Die wenigsten machen sich darüber Gedanken, dass meine Einnahmen nur punktuell stattfinden und auch ich – so wie jeder andere – Fixkosten wie Steuern oder Krankenversicherung zu zahlen habe. Die Spendenkultur bei uns in Europa ist völlig anders ausgerichtet.

Wie viel bekommen Sie für ein Tagesseminar?
Das ist ganz unterschiedlich und ich kann keine Zahlen nennen. Eine interessante Beobachtung habe ich allerdings gemacht: Je größer ein Kurs ist, desto weniger Dana pro Kopf wird gegeben. Offensichtlich fühlt sich in einer großen Gruppe der Einzelne nicht mehr so sehr zuständig und gefordert. Auch rechnen die Leute durch: Wenn so viele Teilnehmer im Saal sind und jeder so und so viel gibt, dann erhält die am Ende eine riesige Summe. Leider übersehen sie dabei, dass solche Kurse eine Menge Vorarbeit bedeuten und viele Nebenkosten entstehen und ich außerdem nur von Zeit zu Zeit einen solchen Kurs abhalte. Zu Beginn meiner Seminare erkläre ich natürlich immer, warum auf Spendenbasis gelehrt wird und was dieses Prinzip mit der buddhistischen Lehre zu tun hat. Am Anfang war es sehr schwer für mich, von diesen Spendeneinnahmen einigermaßen leben zu können. In meiner Tradition fragt man auch nicht an, ob man Kurse halten kann, sondern wartet, bis man eingeladen wird. Mit der Zeit wurde ich natürlich immer bekannter und es kehrte eine gewisse Regelmäßigkeit ein. Die Situation hat sich in der letzten Zeit sehr verbessert – und dadurch auch die finanzielle Seite meines Lebens.UW70SCHW-Ich-lebe_nur_von_Dana2

Wo sehen Sie den Bezug zum Buddhismus?
Dana ist Teil des Weges. Wenn ich lehre, gehört Dana dazu. Ein Honorar zu verlangen würde bedeuten, den Dharma zu verkaufen, ihn auf eine Ware zu reduzieren, den Aspekt der Großzügigkeit bei seiner Essenz außen vor zu lassen. Allen soll der Dharma zugänglich sein. Das war schon immer eine Maxime im Buddhismus. Die Unterstützung für Lehrende soll aus der Wertschätzung für den Dharma kommen, für sich selbst wie für die Gesellschaft, in der wir leben. Dharma bringt Ethik, Mitgefühl und Weisheit in die Gesellschaft. Fehlen sie, dann wirkt sich das auch insgesamt aus. In der heutigen Zeit, in der teilweise ein Werteverfall stattfindet, ist Dharma sehr wichtig.

Kann ein solch finanziell bescheidenes Leben, wie Sie es führen, auch ein Maßstab für andere sein?
Ich bin ungern ein Maßstab, aber gerne Inspiration. Zum Dharma gehören Einfachheit und Bescheidenheit. Aber ich habe keine Kinder und trage nur selbst das Risiko.
In meinem Hinterkopf spielte sich früher immer folgendes Szenario ab: Wenn ich mich mal in einer ausweglosen Geldmisere befand, beruhigte ich mich immer mit dem Gedanken: Wenn alle Stricke reißen, dann werde ich schon einen Job finden – notfalls an der Supermarktkassa.

Welchen Wert hat Geld für Sie?
Geld sollte man nicht verteufeln. Es ist ein Tauschmittel, ein Mittel zum Zweck. Geld soll aber auch auf keinen Fall überbewertet werden. Es ersetzt Werte, Liebe und Mitgefühl nicht. In unserer Gesellschaft ist es sehr schwer, sich von der Herrschaft des Geldes zu befreien.

Haben Sie keine Zukunftsängste?
Ich würde sagen, ich mache mir Gedanken. Ich sehe das Gedankenmachen auch als eine Form der Verantwortung an. Themen wie Pensionsvorsorge spielen auch in meinem Leben eine immer größere Rolle. Ich musste mich oft entscheiden, ob ich meiner Angst folge oder dem, was mir wichtig ist. Auch heute erlebe ich oft Angst. Ich neige nicht zu blindem Vertrauen. Floskeln wie ‚es wird schon gut', mag ich gar nicht. Dennoch: Vertrauen fühlt sich besser an. Angst und Vertrauen haben die gleiche Basis, nämlich eine ungewisse Zukunft. Ich entscheide mich manchmal einfach für Vertrauen – und das geht. Trotzdem ist auch wichtig, dass immer wieder Zeichen auftreten, die Mut machen – und diese kommen oft unverhofft.

Renate Seifarth, geb. 1961, ist Publizistin, buddhistische Meditationslehrerin, HP für Psychotherapie und Dipl.-Biologin. Nach einer Zeit intensiver Meditation und Studien bei bekannten Meditationslehrern in West und Ost lehrt sie seit 2000 selbst buddhistische Vipassana-Meditation in Meditationskursen, Vorträgen und Beiträgen in Büchern und Magazinen.

 

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