Leben

Vom Philosophen Friedrich Nietzsche als Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn stammt eine der heftigsten Polemiken gegen das Christentum – inklusive Vergleich mit dem Buddhismus.

„Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheueres anknüpfen, – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissenskollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. Vom deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche, aus dessen Feder diese prophetischen Zeilen stammen, geht eine intellektuelle Sprengkraft aus, die bestehende Wertvorstellungen, gewohnte Formen des Philosophierens sowie die Konventionen der Wissenschaft bis heute erschüttert. Als einer der meistzitierten Denker aller Zeiten – man denke nur an „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" – verkündet er mit Schaudern den Tod Gottes im Sinne eines für Europa verhängnisvollen Werteverfalls, beschwört leidenschaftlich sein umstrittenes Ideal vom Übermenschen, konstatiert voller Ehrfurcht die ewige Wiederkehr des Gleichen und berauscht sich an seinem berühmt-berüchtigten Konzept vom Willen zur Macht. Wer war dieser Mann, den der Literat Gottfried Benn als das ‚größte Ausstrahlungsphänomen der Geistesgeschichte' bezeichnet hat?

Geboren am 15. Oktober 1844 in Lützen (Sachsen), studiert der aus einer evangelischen Pfarrersfamilie stammende Nietzsche klassische Philologie und wird bereits mit 25 Jahren zum Professor für griechische Sprache und Literatur ernannt. Sein Leben ist neben gesundheitlichen Problemen bestimmt von schwierigen Beziehungen, etwa zu seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé oder dem Komponisten Richard Wagner. Nietzsche versinkt schließlich in der bedrückenden Einsamkeit des Wahnsinns und stirbt am 25. August 1900 in Weimar. Rückblickend lässt sich feststellen, dass das biografisch-psychologische Interesse an der Person Nietzsche im Vergleich zu ähnlich einflussreichen Denkern bis heute auffallend stark ausgeprägt ist. Die Forschungsliteratur ist schon lange nicht mehr zu überblicken; aus unzähligen Perspektiven wurde und wird das Phänomen Nietzsche beleuchtet: Nietzsche, der Dichter und Komponist, der Antimoralist, der Tiefenpsychologe, der Bildungskritiker, der Erkenntnistheoretiker, der Kultur- und Religionsphilosoph, ja Nietzsche der kultisch verehrte Prophet. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen. Bei Nietzsche könne man laut Rüdiger Safranski erfahren, dass das Denken, egal, ob man die Ergebnisse richtig oder falsch findet, ein ‚gesteigerter, glückhafter Zustand' sei, der süchtig machen könne. Für den Autor von ‚Nietzsche. Biografie seines Denkens' kommt man mit Nietzsches Denken letztlich nirgendwo an, denn ‚es gibt kein Ergebnis, kein Resultat', sondern nur den ‚Willen zum unabschließbaren Abenteuer des Denkens'. Bedingt durch den Überreichtum seiner Gedankenwelt und das stete Bestreben, Probleme von allen Seiten zu betrachten, bietet Nietzsches Werk unzählige Anknüpfungs- und Interpretationsmöglichkeiten. Existentialismus, Nationalsozialismus, Surrealismus oder die Freudsche Psychoanalyse – nur so wird auch nachvollziehbar, wie er für diesen bunten Mix an weltanschaulichen Strömungen Bedeutung gewinnen konnte.

Nietzsches ‚Also sprach Zarathustra' ist zu einem der lebendigsten und zugleich auch umstrittensten Klassiker moderner Philosophie avanciert. Darin beschreibt er jene ‚drei Verwandlungen des Geistes', durch die der sich (spirituell) entwickelnde Mensch hindurchgehen muss, um schließlich als Übermensch in Erscheinung treten zu können. Beginnend in einem Zustand der Abhängigkeit von Autoritäten, versinnbildlicht durch das ‚Kamel', das die Last der Moral trägt, gelte es, in einer Phase der Rebellion diesen Zustand zu überwinden, wofür Nietzsche das Bild des ‚Löwen' wählt, um sich schließlich als ‚Kind' jenseits von Gut und Böse schaffend den eigenen Werten und Zielen hinwenden zu können und dabei dem Ernst des Lebens spielerisch zu begegnen. Als Kerngedanken des Buches könnte man die ‚ewige Wiederkunft des Gleichen' bezeichnen. Wie kam Nietzsche auf diese höchste Formel der Schicksalsbejahung? ‚Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuss über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen' widerfährt Nietzsche sein überwältigendes Schlüsselerlebnis – eine Erleuchtung, die sich ihm schon länger angedeutet hatte und nun wie ein Gedanken-Gewitter über ihn hereinbricht. Nietzsche erfährt den Zusammenbruch von Ordnung und Zeit, aus dem eine alte, neue und furchtbare Wahrheit zugleich emporsteigt: die ewige Wiederkunft des Gleichen, welche im Sinne einer Überwindung des Pessimismus Arthur Schopenhauers und des in Europa grassierenden Nihilismus gedeutet werden kann. Nietzsche sah sich ‚jenseits von Gut und Böse, und nicht mehr, wie Buddha und Schopenhauer, im Bann und Wahne der Moral'. Für die Bejahung des Samsara als ewigen Kreislauf des leidhaften Lebens hat sich Nietzsche also entschieden, während sein einstiger ‚Lehrer' Schopenhauer unter Verweis auf die buddhistische Lehre den Ausstieg aus dem Rad des Lebens empfahl.

Die Lektüre Schopenhauers führt Nietzsche in erster Linie zur Auseinandersetzung mit dem ältesten Hinayana-Buddhismus, welcher ihm für seine Polemik gegen das Christentum überaus willkommen ist (s. Kasten). Hinweise auf den Buddhismus finden sich verstreut im gesamten Werk; Nietzsche schätzt die atheistisch-realistische und zugleich sanftmütige Grundeinstellung Buddhas und meint, in dessen Lehre die Beschränkung der Dogmatik auf eine Psychohygiene von Körper, Seele und Geist erkennen zu können. Weder Gebet noch Askese werde den Jüngern abverlangt. Nicht den vom Christentum ausgerufenen ‚Kampf gegen Sünde', sondern einen ‚Kampf gegen das Leiden' führe der Buddhismus, dessen Praxis dies tatsächlich ermögliche. Nietzsche prophezeit zudem das Aufkommen eines europäischen Buddhismus. Im Unterschied zu seinem Freund Wagner und dem gemeinsamen ‚Lehrer' Schopenhauer begegnet Nietzsche dem Buddhismus dennoch kritisch. Sicherlich hat dies mit der zur damaligen Zeit herrschenden Interpretation als Nihilismus im Sinne einer lebensfeindlichen Sehnsucht nach dem Nichts zu tun. Konsequenterweise hat Nietzsche – im Gegensatz zu Wagner und Schopenhauer – sich selbst auch niemals als Buddhist bezeichnet.

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