Leben

Wer ist wer und warum? Fünf Menschen versuchen, ihre ‚Soheit' zu erklären.

„Ich bin du"

Kornelius Hentschel, wissenschaftlicher Reiseleiter, Islamwissenschaftler

Ich bin aber auch Kornelius, als Resultat der Liebe meiner Eltern und als Ergebnis meines kulturellen Gedächtnisses, und ich war und bin ein Suchender. Die Frage, wer ich bin, erfüllte mich seit meinem 17. Lebensjahr und wie es der Zufall so wollte, kam ich mit dem Sufismus (islamische Mystik) in Berührung. Um Antwort auf meine Frage zu finden, zog ich mich für einige Zeit in Jerusalem, in Begleitung meines Sufi-Lehrers, zu einem Retreat zurück, reduzierte meine Nahrungszufuhr und meditierte nächtelang. Die Welt war nachher nicht mehr dieselbe. Dadurch hat sich für mich die Frage „Wer bin ich?" beantwortet. Alles ist Gott. Es geht um die Einheit des Seins. Das Ich wurde zum Du und schließlich zum Wir. Ein nahezu ekstatischer Rausch und darüber hinaus ein Gewahrsein in Gott. Eine Grundlage im Sufismus ist die Einheit in allen Ebenen, so auch die Einheit zwischen Mann und Frau. Ich erlebe es. Einheit auch in allen spirituellen Wegen und Religionen; Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, egal, welcher spirituelle Weg, in der Einheit des Seins ist alles gleichgültig.

 

„Ich bin ein Konglomerat aus Mama und Papa"

Fanny Hauser, Studentin der Rechtswissenschaften

Über die Frage „Wer bin ich?" habe ich noch nie nachgedacht. Ist das wichtig? Ich habe viele Rollen: Ich bin Tochter, Schwester, Freundin und Studentin. Ich mag meine Persönlichkeit und fühle mich als eine genetische Mischung meiner Eltern. Ich mache vieles für mein Ich – weil sich mein Ich dafür entschieden hat. Vieles mache ich aber auch nur, weil meine Eltern sich Bestimmtes von mir erwarten. Bis heute bin ich mir über die Wahl meines Studiums nicht sicher. In meiner Ich-Autonomie fühle ich mich oft eingeschränkt, ich lebe ja auch noch in finanzieller Abhängigkeit von meinen Eltern. Wer ich wirklich bin, weiß ich noch nicht so genau. Was ich aber weiß, ist, dass mein Ich im direkten Zusammenhang mit allen anderen Menschen auf dieser Welt steht. Uns alle hier verbindet das Gefühl, nicht allein sein zu wollen. Mit meinen Vorfahren fühle ich mich sehr verbunden. Meine Großmutter stammt aus China und obwohl ich sie in ihrer Heimat noch nie besuchen konnte, ist sie – genau wie China – ein Teil von mir und ich fühle mich von ihr verstanden.

 

„Ich bin wie ein Fisch im Meer"

Dr. Fleur Wöss, Zen-Lehrerin, Personalentwicklerin

Je länger ich meditiere, desto mehr löst sich die Frage „Wer bin ich?" auf. Sie ist nicht mehr wichtig, deshalb stelle ich sie nicht mehr. Bin ich die Gleiche wie vor 30 Jahren? War ich damals zu 90% ernsthaft und zu 10% unbeschwert? Vielleicht bin ich jetzt zu 75% ernsthaft und zu 25% unbeschwert.

Eigenschaften, Gedanken und Gefühle ändern sich. Ich lebe mit dem Wissen, ‚nichts Fixes' auf der Welt zu sein.

Sobald ich mich z.B. festhalte an der Idee „Ich bin ein Mensch, der ernsthaft ist", verstelle ich die Sicht auf das, was jetzt passiert. Ich hänge mir ein Etikett um und nehme nur mehr das Etikett „Ich bin ernsthaft" wahr, nicht das, was wirklich ist. Ich errichte eine Mauer um diese Idee vom Ich und damit auch gegenüber der Situation und anderen Menschen.

Das Leben ist ein Fluss. Wir alle schwimmen mitten drinnen mit. Es ist wunderbar, vom Fluss getragen zu werden. Das Ideal eines Zen-Meisters ist, keine Spuren zu hinterlassen, auf Japanisch ‚mosshoseki'. So wie ein Vogel am Himmel fliegt oder ein Fisch, der im Wasser schwimmt, keine Spuren hinterlässt. Ich brauche kein Ich, um glücklich zu sein.

 

„Ich bin auf der Suche nach meiner Identität"

Adrian, Student der Anglistik und Filmemacher

Ich bin, was ich bin. Ich habe vielerorts gewohnt und in vielen Städten versucht, meine Identität zu erschließen. In sehr jungen Jahren war ich bereits auf mich allein gestellt, ich bin sehr eigenständig und leide an einem Kommunikationsdefizit. Mit meinem Vater habe ich viel gemeinsam. Uns verbindet auf eine gewisse Art und Weise die Unfähigkeit, mit Menschen locker und flockig in Kontakt zu treten. Mein Ich sehnt sich nach Stabilität und Sicherheit. Ich möchte lernen, klarer zu erkennen, wer ich bin und wer ich nicht bin. Ob ich jemals Ehemann oder Vater werde, weiß ich nicht. Zu heiraten und Kinder zu bekommen, das kann ich mir nicht vorstellen. Mein Unvermögen, auf Menschen intuitiv zuzugehen, mache ich wett, indem ich auf sie zustürme. Manchmal bin ich dabei zu überschwänglich. Das bin ich und ich akzeptiere mich auch so. Allmählich.

 

„Ich bin mehr als die Summe meiner Einzelteile"

Hannes Huber, Meditationslehrer

Müsste ich mich beschreiben, würde ich sagen, dass ich ein Mensch bin, der erstens einmal geboren wurde, Yoga unterrichtet und das Leben lebt, das ich lebe. Auf einer tieferen Ebene bin ich ein ultimatives Wesen – jenseits von allen Vorstellungen und Konventionen. Ich sehe körperliche und mentale Vorgänge in mir, die sich von Moment zu Moment auch wieder verändern. Durch Achtsamkeitsmeditation habe ich gelernt, diese zu erfassen. Selbst die Identifikation mit einem dieser Vorgänge entsteht und vergeht wieder. Ich sehe mich als eine Art Ameisenstraße: Betrachtet man diese aus einer gewissen Entfernung, so verschmelzen die vielen kleinen Ameisen zu einem einzigen Glied. Kommt man ihr näher, werden die vielen verschiedenen Glieder sichtbar. Früher war für mich die Frage ein Lebensthema. Heute ist mein Interesse nahezu gestillt. Jetzt frage ich mich: „Wie kann ich zufrieden leben?" Viele Menschen stellen sich solche Fragen gar nicht. Diese haben es eindeutig leichter.

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