Leben

Wer sich so richtig unglücklich machen möchte, der muss nur ganz verbissen darauf achten, dass er glücklich wird: am besten zu zweit, da stellt sich das Unglück gleich doppelt ein.

Johann Nestroy hat einmal gesagt, es sei kein Zufall, dass alle Lustspiele mit der Hochzeit enden, denn mit ihr fangen die Tragödien an. An spöttischen Bemerkungen über den Mythos des Glücks in der Ehe fehlt es auch sonst nicht. Henrik Ibsen hat festgehalten: „Wer sein Leben genießt, wird bald von seiner Frau zur Rede gestellt." Raymond Chandler: „Mit der Heirat erhofft man sich Ruhe an der Privatfront, und dann ist plötzlich eine Frau im Haus." Anthony Hopkins: „Bei den Frauen gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie sind Engel. Oder sie leben noch." Wie passen solche bitteren Sprüche mit der Tatsache zusammen, dass Hochzeiten immer noch gefeiert werden, als hätte jetzt alle Not der Einsamkeit ein Ende? – Woher kommt die Idee, dass Menschen nur zu zweit glücklich werden können, obwohl sie sich doch als absolut falsch herausstellt? Oder noch radikaler gefragt: Woher kommt überhaupt die Idee, dass Menschen sich ihr Glück selber organisieren können oder sogar müssen? Auch der Volksmund hat erkannt, dass das Glück ‚a Vogerl' ist, das sich hinsetzt, wo es will. Der moderne Mensch will dieses Vogerl aber fangen und in einen Käfig sperren. Leider verändert es dort häufig seinen Charakter und wird sehr unglücklich.

 

Das Streben nach Glück ist zu einem Streben nach Reichtum geworden.

 

Das individuelle Glücksstreben, ‚the pursuit of happiness', ist in der amerikanischen Verfassung als Grundrecht festgeschrieben. Im dortigen Kontext handelt es sich freilich nicht um ein reflexives Versenken in die Tiefen der Seele, um die eigene Gefühls- und Gedankenwelt zu ordnen und zur Ruhe zu bringen, sondern es geht darum, alle Sachwerte zu akquirieren, von denen ein Mensch (oft irrtümlich) glaubt, dass sie ihn glücklich machen. Das Streben nach Glück ist also in Amerika – und somit in der ganzen westlichen Welt – zu einem Streben nach Reichtum geworden. Wenn und insoweit ein(e) Ehepartner(in) als Teil dieses Reichtums konzipiert wird, verwundert es nicht allzu sehr, wenn das Glück sich in Grenzen hält. Es ist ja nicht der Reichtum selbst, der glücklich macht, sondern das Streben danach, also der Wunsch nach mehr Reichtum oder auch nach mehr Partnerschaft, nicht selten also dann sehr bald das Streben nach einer Nebenfrau oder einem Nebenmann. Das geht in unserer Kultur aber leider nur inoffiziell und damit ist schon ein beträchtliches Maß an Problemen vorprogrammiert. Dass die amtliche Festschreibung des Rechtes auf ein Mehr von demselben systematisch zu Problemen führen muss, das haben unter anderem auch Soziologen – aber nicht nur diese – erkannt. So hat etwa der renommierte amerikanische Soziologe Robert K. Merton diese Erkenntnis zu einem wesentlichen Element seiner Anomietheorie gemacht.

Entspricht es aber nun der Logik der menschlichen Existenz, das Glück selbst organisieren zu wollen, oder woher kommt eigentlich diese Idee?

Leider wissen wir ziemlich wenig darüber, wie Menschen in früheren Epochen ihr Glück organisiert haben. Es gibt natürlich noch immer die bei Anthropologen so beliebten naturnah lebenden Stämme. Von ihnen glauben wir, dass sie ähnlich denken und handeln wie unsere Vorfahren vor mehreren tausend Jahren. Viele von ihnen sind ja nicht mehr übrig und die wenigen Verbleibenden wurden schon so eingehend erforscht, dass sie bald in wissenschaftlicher Terminologie über sich selbst Auskunft geben können. Immerhin liefern sie uns die einzigen, wenn auch recht dürftigen Hinweise über Vorstellungen von Glück bei jenen, denen eine Konsumindustrie nicht täglich erzählt, dass der Mensch unbedingt glücklich sein muss, weil er sonst gar kein richtiger Mensch ist und somit bereits darüber unglücklich sein muss, dass er nicht glücklich ist.

Es scheint, dass sich Stammesangehörige, die täglich damit beschäftigt sind, sich das zu suchen und/oder zu erjagen, was sie zum Überleben brauchen, nicht wirklich mit der Frage auseinandersetzen, wie man es anstellt, noch ein bisschen glücklicher zu werden, als man gerade ist – und insbesondere noch ein bisschen glücklicher als der Nachbar. Klar erkannt wird in solchen Gesellschaften nur das Unglück: seine Ursachen und die erforderlichen Bewältigungsmechanismen. Unglück ist der Verlust von anderen Stammesangehörigen, der Verlust von Körperteilen, der Hütte, von Vieh, vor allem aber das Eindringen der sogenannten ‚zivilisierten Welt' in die Welt der Stammesangehörigen.

Wenn sich so etwas ereignet, dann wird getrauert, und zwar meist kollektiv. Das Mit-Leid wird dabei ziemlich wörtlich genommen: Leid und Schmerzen werden von anderen Stammesangehörigen körperlich und seelisch empfunden und erlitten, was die Schmerzen derer, die direkt vom Unglück betroffen sind, tatsächlich zu lindern scheint. Wir in der zivilisierten westlichen Welt verstehen nicht mehr so ganz, wie und warum Derartiges funktioniert, haben wir doch das Mitleid längst an Institutionen delegiert, die ihrerseits sowohl körperliche als auch seelische Schmerzen chemisch beseitigen und so dafür sorgen, dass Familienangehörige nicht durch übergroßes Mitleid von ihrer Arbeit abgelenkt werden.

Wenn in Stammesgesellschaften keine Katastrophe passiert, dann stellt sich, so kommt es dem wissenschaftlich geschulten Beobachter vor, Zufriedenheit, vielleicht sogar Glück ein. Diese primitiven Leute sind so dumm, dass sie ganz ohne Grund glücklich sind. Unsereinem kann das nicht zustoßen. Wir brauchen, um glücklich zu sein, etwas Besonderes, möglichst etwas, das der Nachbar nicht hat.

 

Heiraten ist eine recht praktische Methode, um die Aufgabe des Ernährens und des Lehrens arbeitsteilig zu lösen.

 

Die Zweisamkeit wurde in diesem Diskurs bis jetzt noch gar nicht erwähnt. Ob Angehörige von Stammesgesellschaften mit der Perspektive heiraten, glücklich zu werden, erscheint allerdings fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass sie eine Ehe eingehen, weil sich das im Laufe der Jahrtausende als die praktikabelste Möglichkeit herausgestellt hat, die Stammesgesellschaft am Funktionieren zu halten. ‚Funktionieren' bedeutet, arbeitsteilig die anstehenden Probleme von Versorgung mit Nahrung und Schutz vor Naturgewalten zu bewältigen. Je mehr Personen für diese Aufgabe zur Verfügung stehen, desto besser. Daher muss möglichst viel Nachwuchs herangezogen werden, damit es allen Stammesangehörigen gut geht. Heiraten ist eine recht praktische Methode, um die Aufgabe des Ernährens und des Lehrens arbeitsteilig zu lösen. Unterschiedliche Modelle in verschiedenen Gesellschaften zeigen, dass Heirat und (mehr oder weniger) monogame Eheformen keineswegs die einzigen Möglichkeiten sind, aber es sind immer noch die häufigsten.

Bei dieser Überlegung spielt offenbar die Demografie eine entscheidende Rolle: Solange es das Hauptanliegen der Menschheit war, sich möglichst effizient zu vermehren, waren Heirat und Zweisamkeit zwar nicht das alleinige, aber dennoch ein brauchbares Mittel, um die mit der Vermehrung verbundenen Folgeprobleme der Aufzucht des Nachwuchses arbeitsteilig zu organisieren. Die demografische Wende setzte mit Robert Malthus (1766-1834) ein, der erstmals errechnete, dass der exponentielle Anstieg der Weltbevölkerung mit dem linearen Anstieg der Ernährungsgrundlagen zu einer Schere führt, deren sozialpolitische Auswirkungen kaum absehbar waren und – heute wissen wir es – kaum absehbar sind. Das Paradigma der Fortpflanzung als wichtigste Aufgabe der Menschheit gilt heute nicht mehr – aber es gilt erst seit etwa 200 Jahren nicht mehr. Nun sind aber die läppischen knapp 200 Jahre seit Malthus, menschheitsgeschichtlich betrachtet, kein ernstzunehmender Zeitraum, denn wir reden von ungefähr 0,01 Promille der Menschheitsgeschichte. Zwar können sich innerhalb einer solchen Periode Technologien ändern, Mythen aber kaum. Der Unterschied zwischen jenen und diesen ist: Technologien stellen Möglichkeiten zur Verfügung, Mythen die Fantasien, was mit diesen Möglichkeiten geschehen soll. Mit Verbrennungsmotoren kann man Traktoren und Bagger bauen, aber auch Ferraris, Geländewagen und Speedboote. Mit Traktoren und Baggern kann man Felder bebauen und Häuser errichten. Mit Ferraris und Speedbooten kann man wie ein Wahnsinniger (seltener wie eine Wahnsinnige) an Orte rasen, zu denen man nicht unbedingt gelangen müsste. Mit Geländewagen kann man – besser: könnte man – in unwegsamen Landstrichen herumkurven, in die man zumeist gar nicht hinein darf. Es müssen also wohl Allmachtsfantasien sein, die zum Kauf von Ferraris, Speedbooten und Geländewagen anregen. Diese wirtschaftlich recht bedeutsamen Fantasien sind direkt den Mythen von Heldentum und Weltherrschaft entnommen. Solche Mythen finden wir schon in den frühesten uns bekannten Quellen. Es könnte leicht sein, dass wir – wiese unsere Kultur andere Mythen auf – mehr Traktoren und weniger Ferraris hätten (früher gab es übrigens auch Ferrari-Traktoren, aber die flotten Flitzer haben sich für die Firma als wirtschaftlich interessanter herausgestellt). Kein Wunder also, dass sich Werbung und Unterhaltungsbranche an den alten Mythen orientieren, denn so etwas rechnet sich, wenn man teure Luxusgüter produzieren und verkaufen will. Kulturhistorisch Interessierten seien hierzu sowohl die alten als auch die neuen James-Bond-Filme dringend empfohlen. Hier finden wir sämtliche alte Heldensagen, einschließlich der dort skizzierten Männer- und Frauenbilder, in leicht fasslicher Form vorgeführt. Und – für unsere Thematik besonders ergiebig – wir finden auch ein Konzept von Glück: Glück ist Sieg über die Bösen, verbunden mit der Berechtigung, die schöne Frau, früher die Prinzessin, jetzt das Bond-Girl, zu Genusszwecken verwenden zu dürfen. James Bonds Zweisamkeit ist mit Sieg verknüpft, symbolisiert diesen und ist ohne ihn leider nicht möglich. Kein Wunder also, dass derjenige, der diesem Mythos folgt, das (Ver-)Fehlen von Zweisamkeit als Niederlage interpretiert. Wer die Prinzessin (oder in der preisgünstigeren Variante: die Prinzessin seines und nur seines Herzens) nicht erringt, der hat versagt und sieht sich mit der einen oder anderen Form des Unterganges konfrontiert. Denn wer nicht siegt, der muss untergehen.

 

Der Reiz der Fantasie lag früher in der Fantasie selbst, heute liegt er in deren Verwirklichung.

 

Kein Wunder also, dass das Glück zu zweit sehr leicht zur Zwangsvorstellung wird. Dieser Mythos entstand wahrscheinlich parallel zur Entstehung eines anderen Mythos, nämlich der Idee, Glück nur durch die Verwirklichung mythischer Vorgaben erreichen zu können. Die alten Mythen berichten von Helden und deren Taten. Sie suggerieren aber kaum, dass jeder, der den Anspruch auf ein Mitspielen in der Gesellschaft stellt, selbst ein mythischer Held sein muss. Siegfried und sein Schwert Balmung sind Sagenfiguren, die nur mithilfe magischer Kräfte erfolgreich sind: Kräfte, die ganz normale Menschen nicht für sich beanspruchen dürfen. James Bond verfügt über Autos, die so aussehen, als ob sie jeder kaufen könnte. Sein Chefmechaniker wirkt so, als ob er nur ein klein wenig besser wäre als die Autowerkstätte um die Ecke. Der Reiz der Fantasie lag früher in der Fantasie selbst, heute liegt er in deren Verwirklichung. Der Zeitpunkt, zu dem der Mythos der Verwirklichbarkeit von Fantasien entstand, könnte auch der Zeitpunkt sein, zu dem das Glück zu zweit als verbindliche Norm etabliert wurde. François de la Rochefoucauld hat einmal gesagt: „Mit der großen Liebe ist es wie mit den Geistererscheinungen: Alle reden davon, aber niemand hat sie gesehen."

 

Die Funktion von Ehe und/oder Partnerschaft als Institution zur Sicherung des Nachwuchses ist obsolet geworden.

 

Dass das Glück zu zweit als persönlicher Sieg interpretiert wird, erscheint auf Basis der alten und neuen Mythen wenig verwunderlich. Das Alleinsein als Niederlage zu betrachten folgt aus einem anderen Mythos, nämlich dem der zweiwertigen Logik, nach der es immer nur Sieg oder Niederlage geben kann, Schwarzes oder Weißes, Gutes oder Böses – und niemals etwas Drittes. Die meisten kennen die sehr weise Geschichte vom alten Rabbiner, zu dem ein mit seinem Nachbarn streitender Jude kommt und ihm die schreckliche Geschichte erzählt, wie viel Böses ihm sein Nachbar angetan hat. Der Rabbiner sagt zu ihm: „Du hast recht." Kurz darauf kommt der Nachbar und erzählt, wenig verwunderlich, wie viel Böses ihm der vorherige Beschwerdeführer angetan hat. Auch zu ihm sagt der Rabbiner: „Du hast recht." Der Schüler des Rabbiners, der beides mit angehört hat, sagt darauf: „Aber Rabbi, das ist doch nicht möglich, dass beide recht haben?" Worauf der Rabbiner antwortet: „Du hast recht."

Es braucht offenbar ein gutes Stück Lebenserfahrung, um zu erkennen, dass die zweiwertige Alltagslogik nicht die Logik menschlicher Beziehungen ist. Das Gegenteil von Sieg ist eben nicht Niederlage, sondern vielleicht die Verweigerung des Krieges – und die ist in ihren Auswirkungen einem Sieg oftmals vorzuziehen. Allein zu sein heißt nicht notwendigerweise, die Hürde der Partnerfindung nicht geschafft zu haben. Es kann auch bedeuten, einen anderen Lebensentwurf zu realisieren: Unter Umständen könnte das auch ein besserer sein.

Fassen wir zusammen:

Die Idee vom Glück zu zweit ist wahrscheinlich eine eigenartige Mixtur aus alten und neuen Mythen, wobei der wichtigste Mythos jener ist zu glauben, dass die Verwirklichung von Mythen ein unverzichtbares Element moderner Lebensentwürfe darstellt. Da es seit einiger Zeit für das Überleben der Menschheit nicht mehr notwendig ist, Nachwuchs hervorzubringen, sondern es im Gegenteil angebracht erscheint, bei dieser Hervorbringung Zurückhaltung zu üben, ist die Funktion von Ehe und/oder Partnerschaft als Institution zur Sicherung des Nachwuchses obsolet geworden. Wer also heiratet oder – wie es neuerdings so hässlich heißt – sich ‚verpartnert', erfüllt somit keinen gesellschaftlichen Auftrag mehr, es sei denn denjenigen, glücklich zu werden. Dieser Auftrag, ob gesellschaftlich oder nicht, führt ziemlich systematisch ins Unglück, denn das Glück ist ein Vogerl – und Vogerln sind nun einmal nicht für Käfige gemacht.

 

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