Meditation

„Du bist gelöst und ruhig und spürst, wie dein Atem ganz von selbst kommt und geht, bei jedem Ausatmen entspannt sich dein Körper mehr und mehr und du wirst immer ruhiger und gelassener …“ – Meditation in der Schule wirkt.

Auf der Suche nach Anknüpfungspunkten zwischen den beiden Schlagwörtern ‚Meditation‘ und ‚Schule‘ bin ich in meiner wissenschaftlichen Arbeit auf meditierende Lehrkräfte und auf Schüler gestoßen, die zu meditativen Übungen angeleitet werden. In einzelnen Schulen sind meditierende Lehrer und Schüler bereits zu finden – aber eben leider noch viel zu selten.

Die Forschung über Meditationsprogramme in Schulen steckt noch in den Kinderschuhen. Die veröffentlichten Studien sind jedoch vielversprechend und weisen auf eine Verbesserung des Erfolgs in der Schule hin. Welche Auswirkungen sind nun zu beobachten?

Meditation führt zu Veränderungen im Gehirn. Dr. Ulrich Ott, Meditationsforscher an der Universität Gießen, berichtet, dass bei den Meditierenden ein größeres Volumen beziehungsweise eine größere Dichte an grauer Substanz vorzufinden ist. Die Veränderungen im Gehirn stehen im direkten Zusammenhang mit den Fähigkeiten, die für die schulischen Leistungen mitverantwortlich sind.

Meditation stärkt die kognitive Leistung bei Schülern und hilft ihnen, zu planen, zu lernen und zielgerichtete Aktivitäten zu setzen. Darüber hinaus verbessern Meditationsprogramme die Fähigkeiten der Kinder, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen, sie handzuhaben und sich angemessen zu verhalten – ein Bereich der Bildung, der sonst kaum angesprochen wird, aber eine Schlüsselfähigkeit für den Schulerfolg darstellt.

Was sagen Schüler, die bereits Erfahrungen mit kontemplativen Übungen gemacht haben?
„Ich finde diese Übungen sehr angenehm.“
„Dabei kann ich mich total gut entspannen.“
„Ich würde mir wünschen, dass wir auf diese Art und Weise öfters lernen könnten.“
Die Kinder und Jugendlichen spüren, dass es ihnen guttut, und fordern diese Art von Übungen oft sehr konkret ein. Eine Steigerung des Wohlbefindens wird von den Schülern selbst sehr spürbar erlebt. Außerdem zeigen sich eine positive Veränderung des prosozialen Verhaltens und verbesserte schulische Leistungen.

In österreichischen Schulen sind keine Meditationsräume vorgesehen und es stehen auch keine Meditationsplätze zur Verfügung. Jede einzelne Lehrperson entscheidet für sich, ob und wenn ja, welche Meditationsübungen in der Klasse durchgeführt werden. Nach meinen Erfahrungen sind es vor allem Achtsamkeitsübungen, Klang- und Fantasiereisen sowie Yoga-Übungen, die in den Klassenräumen praktiziert werden. Je länger und häufiger die Schüler mitmachen können, desto bessere Erfolge stellen sich ein. Die Frequenz und die Dauer sind keine Frage der Begeisterung und des Engagements einzelner Lehrkräfte, sondern mangelnden zeitlichen und inhaltlichen Ressourcen geschuldet. In vielen Köpfen herrscht noch die Meinung vor, dass dadurch kostbare Unterrichtszeit verloren geht. Lehrkräfte, die diese Art von Übungen in den Unterrichtsalltag integrieren möchten, sollten idealerweise zunächst mit kleinen Sinnesübungen und Entspannungsübungen beginnen, um die Schüler behutsam auf die Praxis der Besinnung vorzubereiten. Nach und nach wird die Stille selbstverständlicher und vertrauter. Dieser Prozess braucht Zeit. Wenn die Schüler wahrnehmen, wie wichtig dem Lehrer die Meditationspraxis ist, werden sie sich eher und tiefer einlassen. Die Haltung des Lehrers überträgt sich sehr schnell auf die Anwesenden. Es gibt äußerst vielfältige Übungen, die im Klassenzimmer sitzend oder auch stehend vorgenommen werden können. Das hängt von den Vorlieben des Lehrers ab. Wenn der Samen jedoch erst einmal gesät ist, erkennen die Schüler bald, wie gut ihnen die Praxis der Ruhe und Besinnung tut.

Übungen, die gleich am Morgen zu Beginn des Unterrichts in der Klasse praktiziert werden, unterstützen einen konzentrierten gemeinschaftlichen Start in die Stunde. Die Schüler sind nach solchen Phasen des Innehaltens aufnahmebereiter und haben eine bessere Stimmung, was sich in weiterer Folge auf das Lernklima auswirkt. Ein positives Klima ist ganz entscheidend für ein gelingendes Lernen. Die Schüler bemerken und schätzen, dass ihre Befindlichkeiten wichtig sind und sie in dieser Zeit selbst als Person im Mittelpunkt stehen. Darüber hinaus ist nicht zu vergessen, dass meditative Übungen auch über den Schulalltag hinweg wirken, weil das Handeln der Kinder bewusster wird und sie selbstwirksamer agieren können.

Wie erleben meditierende Lehrkräfte sich selber in der Klasse?
Einige Aussagen der Lehrer sind:
„Ich lege noch mehr Wert auf jeden Einzelnen.“
„Ich glaube, ich bin geduldiger geworden.“
„Ich glaube, ich bin gelassener geworden.“
„Ich höre anders zu.“
„Ich bin ausgeglichener.“
„Es fällt leichter, Schwächen oder Besonderheiten von Schülern zu akzeptieren.“
„Nehme deutlicher wahr.“
„Kann Konflikte besser bewältigen.“

Lehrpersonen spüren und erkennen, dass sie sich und die Schüler im Unterricht ganz anders wahrnehmen und somit auch ihre eigenen Emotionen besser regulieren können. Aggressionen von leidenden Schülern begegnen sie nicht mit Gegenaggressionen, sondern mit Mitgefühl. Die Jugendlichen spüren das veränderte Verhalten und die Geisteshaltung des Pädagogen als Freund und nicht als Feind.

Was gilt es zu berücksichtigen?
Wichtig beim Meditieren in der Gruppe ist das Definieren von Grenzen beziehungsweise Regeln. So können sich die Schüler auf das Meditieren ungestört einlassen. Einzelne Schüler, die stören oder sich gar nicht darauf einlassen wollen, werden aus dem Klassenzimmer geschickt, wo sie dann von einem anderen Lehrer beaufsichtigt werden, andere erhalten die Erlaubnis, währenddessen zu schlafen. Da bewährt es sich, ein persönliches Gespräch mit dem Schüler darüber zu führen. Um Phasen der Besinnung in den Unterricht zu integrieren, bedarf es einer gezielten Vorbereitung.

Grenzen sind den Meditationsübungen sicher dort gesetzt, wo sie vonseiten der Schüler oder auch Lehrer auf Ablehnung stoßen, weil sie eine gewisse Öffnung und Bereitschaft des Geistes benötigen. Zwang und Druck als Vorgehensweise würden dabei genau das Gegenteil auslösen. Vorsicht ist auch geboten, was den psychischen Zustand des Ausübenden betrifft. Schüler mit psychischem Krankheitsbild beziehungsweise Psychosen sollten daran nicht teilnehmen.

Während in den USA kontemplative Übungen bereits breite Akzeptanz finden, gibt es in Österreich nur einzelne Initiativen von Lehrern, die die Wirksamkeit der Meditation erkannt haben und diese regelmäßig im eigenen Unterricht einsetzen. Im Rahmen meiner Arbeit entdeckte ich für mich eine sehr inspirierende Initiative einer Lehrkraft, die selbst an einer Höheren Schule in Wien regelmäßige Meditationen auch für Lehrerkollegen anbietet. Lehrer können einmal wöchentlich vor Unterrichtsbeginn daran teilnehmen. Das ist die Chance, Lehrpersonen Wirkungen der Meditation selbst erfahren zu lassen. Auch wenn Lehrkräfte beschließen, diese Praxis nur für sich selbst und nicht mit Schülern auszuüben, wirkt sie trotzdem indirekt auf die Schüler.

Manchmal bedarf es mutiger Initiativen Einzelner, die neue Wege gehen, um Veränderungen herbeizuführen. Die Schule ist ein lohnender Ort, an dem wichtige, oft lebenslange Prozesse angestoßen werden und aus der die Initiatoren unserer Zukunft hervorgehen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder in einer Gemeinschaft, sei es in der Schule oder in der Klassengruppe, die anderen beeinflusst. Kontemplative Bildung in der Schule ermöglicht unseren Schülern, Gestalter ihrer selbst zu sein und mehr und mehr friedvolle Energie zu spüren – die bereits dringend benötigt wird.

 

Christine Brandl-Leeb arbeitet als Pädagogin und Beraterin im Bereich Teamentwicklung und Resilienz. Sie studierte Präzisions-, System- und Informationstechnik und Berufsschulpädagogik. Ihre Abschlussarbeit hat sie über Auswirkungen der Meditation auf Pädagogen geschrieben. Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie das Zen-Meditationszentrum Myoshin-an in Niederösterreich.

 

Kommentare   

# Rita Ackermann 2016-04-18 10:46
Die österreichischen Schulen habens einfach drauf :-) Gruss aus der Schweiz :-)
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# Paul Thillmann 2016-04-18 10:46
Super!
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# Renate Holzförster 2016-04-18 10:47
Auch Reiki ist eine Meditationstechnik. Kinder (natürlich auch Erwachsene), die Reiki praktizieren, werden diesen Artikel bestätigen können. Ich hoffe, Eltern und Lehrer werden offener gegenüber diesen Techniken. Und Reiki ist so schön einfach.
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# Alexander Burggraef 2016-04-18 10:48
Na, das dürfte doch Schule machen...
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# Lukas Roder 2017-01-05 12:10
Geniale initiative. Geniales Projekt. Können Sie mir zurückschreiben, damit ich paar Fragen am Sie stellen kann?
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