Meditation

Für den Dalai Lama schützt die Mantra-Meditation den Geist vor schädlichen Konzepten und Vorstellungen. Mantras sind jedoch keine magischen Worte und auch keine Allzwecktechnik. Worauf man achten soll und welche Regeln zu befolgen sind.

Die buddhistische Mantra-Praxis stammt aus Indien und in allen buddhistischen Traditionen werden Mantras heute noch auf Sanskrit rezitiert, auch wenn man das manchmal kaum noch hört, weil sich das Sanskrit den lokalen Aussprachevorlieben angepasst hat. Die Mantra-Meditation ist in der Regel mit einer buddhistischen Gottheiten-Praxis, einem bestimmten Text verbunden. Gottheiten-Praxis bedeutet, wir üben mit Bildern des Erwachens, meist in menschlicher Gestalt. Die bekanntesten aus der tibetischen Tradition sind vermutlich die Grüne und die Weiße Tara und Avalokiteshvara mit vier oder tausend Armen. Vereinfacht gesagt, üben wir so lange mit Bildern des Erwachens als Spiegel unserer Fähigkeiten, bis wir mit Leib und Seele verstehen, dass wir die Fähigkeiten, die sie verkörpern, in uns tragen. Die Mantra-Rezitation ist ein wichtiger Teil dieser Übung. Der tibetische Lehrer Lama Yeshe hat einmal gesagt: „Ihr kennt weltliche Mantras: CIA, FBI, USA, MIT. Eure Abkürzungen für Firmen, Parteien und Institutionen sind auch eine Art von Mantra. Die versteht nur, wer den Kontext kennt. Und dann braucht ihr bloß die Abkürzung zu sagen und euer Herz geht auf oder verschließt sich, je nachdem.“ Man kann Mantras nicht einfach locker vom Hocker rezitieren oder singen und schwupps ist der Weg zum Erwachen ein Klacks. Jede Mantra-Rezitation braucht einen Kontext, der uns Sinn und Zweck dieser Übung in Bildern und Worten erschließt.

Mantras werden vor allem in den tibetischen Traditionen rezitiert. Die Worte bedeuten in der Regel die Anrufung einer bestimmten Buddha-Gestalt. Es gibt viele Gottheiten und jede hat ihr eigenes Mantra. Die Vielfalt der Übungen und Gottheiten gilt als Ausdruck des Mitgefühls des Buddha mit den unterschiedlichen Lebewesen. In der Regel darf man eine bestimmte Praxis erst dann durchführen, wenn man eine rituelle Einführung – oft Einweihung genannt – erhalten hat. Allerdings sind die Mantras der Grünen Tara und von Avalokiteshvara ‚frei’, das heißt nicht an eine Einweihung gebunden.
In der chinesischen und japanischen Tradition wird heute vor allem das Mantra des Amithaba und der Kuan-Yin rezitiert. In der japanischen Tradition gibt es eine Richtung, die den Titel des Lotos-Sutra als Mantra rezitiert. Auch da funktioniert das nur mit Achtung und Respekt vor diesem wunderbaren Sutra, das alle Richtungen des Buddhismus als Spielarten des Einen Weges, des Einen Fahrzeugs, Ekayana, interpretiert. Da die Einführung in die Mantra-Meditation in der Regel im Kontext einer Buddha-Praxis beziehungsweise eines traditionellen Textes gelehrt wird, gibt es keine Bücher, die diese Praxis ganz allgemein und unverbindlich darstellen. Die besten Anlaufstellen sind tibetische, chinesische oder japanische Zentren oder nationale Dachverbände, die das lehren.
Wenn wir ein Mantra mit Hingabe und Vertrauen auf die tiefe Weisheit in uns und allen laut singen, monotonal rezitieren oder fast unhörbar murmeln, kann uns das in die offene Weite führen, in der alle Erfahrungen Platz haben. Mantra-Rezitation lockert unser Festhalten an Vorstellungen über uns und die Welt, so wie jede Übung, die wir mit Hingabe und Vertrauen machen. Sie fällt einigen deshalb so leicht, weil sie nicht nur die rationalen und erwachsenen Seiten anspricht – Leistungsbereitschaft, Achtsamkeit und Präzision im Üben –, sondern auch die emotionale Seite – Vertrauen und Hingabe – und den Körper, vor allem beim lauten Singen im Sitzen, Gehen und Stehen. Das klappt allerdings nur dann, wenn diese Übung in einem Kontext steht und uns Hingabe einigermaßen leichtfällt.

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In erster Linie rezitiert man Mantras allein und innerlich, denn sie sollen ja den eigenen Geist schützen. Wenn man die Mantras wie in Asien üblich monotonal rezitiert, wirken sie auch schlicht beruhigend. Gesungene Pujas und Mantras eignen sich sehr gut für das gemeinsame Üben. Aber auch das soll uns vor allem dabei unterstützen, dass wir auch allein gerne und mit Hingabe üben.
Für alles Wesentliche im Leben braucht man Lehrer und Lehrerinnen. Kann man wirklich Installateur oder Arzt werden über Fernkurse? Oder Klavier spielen lernen ohne Lehrerin? Es gibt zwar erfolgreiche Internet-Universitäten, allerdings sind sie Ergänzungen real existierender Universitäten. Für alles Wesentliche braucht es Menschen, die das, was wir lernen wollen, kennen und können. Ganz besonders gilt das für den spirituellen Weg. Der Funke springt am leichtesten über, wenn wir die Mantra-Praxis und ihren Kontext mit einer Person entdecken und erforschen, die selbst mit Hingabe und Vertrauen übt. Wir können sie fragen, wenn wir auf Hindernisse stoßen oder unerklärliche Erfahrungen machen.
Da jede Religion und jeder spirituelle Weg ‚von dieser Welt’ ist und bleibt, schleichen sich überall weltliche Motive ein. Mantra-Rezitation als Power-Praxis zum Erlangen weltlicher Güter und ekstatischer Erfahrungen gab es schon im alten Indien. Das sind Sackgassen und man kann vor ihnen warnen, aber verhindern kann man sie nicht. Man kann fast alle Meditationstechniken für weltliche Ziele einsetzen, zur Entspannung, um Kraft zu tanken oder um sich schneller zu regenerieren. Das ist auch in Ordnung, aber gute Lehrerinnen und Lehrer weisen uns darauf hin, dass mehr möglich ist als ein bisschen Entspannung oder die Steigerung unserer Leistungsfähigkeit.
Ich habe die Praxis der Grünen Tara 1977 im indischen Dharamsala kennengelernt, im Kloster Kopan in Nepal vertieft und übe sie seither. Wenn ich nur an Tara denke, geht mein Herz auf. Wenn ich das Mantra laut oder leise, allein oder mit anderen rezitiere, fühle ich mich zu Hause im Leben, in der fassbaren Welt und im Unfassbaren. Und das motiviert mich immer wieder, das Beste aus meinen Erfahrungen zu machen, für mich und alle Beteiligten. Wenn ich das Tara-Mantra rezitiere, rufe ich Tara an. Damit ist nicht eine real existierende grüne, weiße oder goldene Gestalt gemeint, die irgendwo im Äther schwebt oder vom Himmel hoch kommt, sondern die Energie, die Qualitäten dieser Gottheit in mir und in allen. Im Fall von Tara sind das: Furchtlosigkeit, Großzügigkeit, Sammlung und Einsicht und kluges, mitfühlendes Handeln. Mit dem Mantra rufen wir diese Qualitäten in uns an. Wir machen uns bewusst, dass unter dem Berg von Vorurteilen und verzerrten Selbstbildern die klaren und reinen, die fassbaren Qualitäten und die unfassbare Weisheit von Buddha Tara verborgen liegen. Wir entdecken sie, wenn wir unsere Verblendungen erkennen und auf Taras Qualitäten vertrauen. Taras Mantra lautet OM TARE TUTTARE TURE SVAHA (gesprochen SOHA). Die relativ wörtliche Übersetzung: Erwachen, O Tara, Du Große Tara, Du Geschwinde. Gegrüßet seist Du. Frei übertragen bedeutet das: Lob dem Erwachen, das im Vertrauen auf Tara schnell entdeckt wird.

Lese-Tipp
Sylvia Wetzel: Leichter Leben. Meditation über Gefühle, Berlin (Lehmanns Media) 2002
Sylvia Wetzel: Sieben Schritte zum Erwachen. In: Form ist Leere, Leere Form. Band 2: Erwachen, Berlin (Buddhistischer Studienverlag) 2010
Thubten Yeshe: Die Grüne Tara. Weibliche Weisheit, München (Diamant) 1998

MERKMALE DER METHODE

- Jede Mantra-Rezitation braucht einen Kontext, der uns Sinn und Zweck dieser Übung in Bildern und Worten erschließt.
- Die Worte bedeuten in der Regel die Anrufung einer bestimmten Buddha-Gestalt. Es gibt viele Gottheiten und jede hat ihr eigenes Mantra.
- Das Mantra wird je nach Stimmung laut gesungen, leise gemurmelt oder innerlich gesungen und kann uns in die offene Weite führen, in der alle Erfahrungen Platz haben.
- Für alles Wesentliche im Leben braucht man Lehrer und Lehrerinnen, die das Mantra-Rezitieren lange mit Hingabe und Kontext geübt haben.

Kommentare   

# friederike kommer 2017-05-22 07:53
ich finde den beitrag sehr gut, nur etwas ungenau, da im buddhism. buddhas nicht gottheiten sind und mantren auch in tibetischer sprache rezitiert werden, wie das "om mani peme hung"
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# Monika Krampl 2017-05-22 08:54
Ich finde die Kritik von Friederike Kommer berechtigt. Leider ist kein Autor, keine Autorin des Textes ersichtlich.
Wenn also geschrieben steht:
„Die buddhistische Mantra-Praxis stammt aus Indien und in allen buddhistischen Traditionen werden Mantras heute noch auf Sanskrit rezitiert, auch wenn man das manchmal kaum noch hört, weil sich das Sanskrit den lokalen Aussprachevorlieben angepasst hat“ - nehme ich an, dass mit den „lokalen Aussprachevorlieben“ die jeweilige Landessprache, in der der Buddhismus in seinen verschiedenen Ausformungen Heimat gefunden hat, gemeint ist. Wie gesagt, eine Annahme von mir.

Was mich aber auch sehr verwundert, dass sich in buddhistischen Texten immer wieder das Wort „Gott / Gottheiten“ einschleicht. Ist mir schon öfter aufgefallen. Wie Friederike Kommer richtig anmerkt, gibt es im Buddhismus keinen Gott. Es wäre angebracht das Wort „Gott“ durch „Buddha-Gestalt“ zu ersetzen.
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